Atwood, Margaret

Atwood, Margaret | Moralische Unordnung

Margaret Atwood erzählt die Geschichte einer Familie, es ist eine moderne Familie, also patchwork. Nell heißt die Frau, Tig der Mann. Die beiden Söhne gehören zu Tig, Nell muss noch eine Weile warten, bis sich klärt, ob es auch ein gemeinsames Kind geben wird. Die gebrechlichen Eltern und die psychisch labile Schwester Lizzie sind Nell zuzuordnen, Tig wiederum hat eine Exfrau, sie heißt Oona.  Einem Familienbilderbogen gleicht dieses Werk, es trägt zudem die Züge eines Episodenromans. Dabei weist es irritierende, minutiöse Verschiebungen der Erzählhaltung auf sowie gröbere der Perspektive – mal ist Nell als erzählende Instanz am Werk, dann wieder nicht.
Diese Unstimmigkeiten erklären sich im Nachwort. Unter dem Titel „Moralische Unordnung“ gruppiert die Autorin einen Reigen von Short Stories,  die in verschiedenen Publikationen seit 1996 erschienen sind, und deren Figurenführung so sehr überlappte, dass der deutsche Verlag „Roman“ auf das Cover schrieb. In der stabilen Mitte funktioniert diese Mimikry ganz gut, doch vor allem gegen Ende des „Romans“ überwiegen die Brüche. Die hergebrachten Befürchtungen der Marketingabteilungen, dass sich Kurzgeschichten hierzulande nicht verkaufen, sind bedauerlich und gereichen der Autorin im konkreten Fall zum Nachteil.
Nimmt man die einzelnen Stories unter die Lupe, so trifft man auf Margaret Atwood in Bestform. Sie zeigt sich sarkastisch, scharfsinnig, humorvoll und auch das, mitfühlend. Zum Auftakt („Die schlechten Nachrichten“) begegnet der Leser Nell und Tig im Alter. Nell reflektiert die Qualität ihrer verbleibenden Lebenszeit, die wieder stärker der Gegenwart gewidmet ist: „Die Zeitformen, die uns jetzt definieren, sind: Vergangenheit, damals; Zukunft, noch nicht. Wir leben in einem kleinen Fenster dazwischen (…).“
Im folgenden Kapitel ist Nell elf Jahre alt, es beginnt eine Rückblende. Nell studiert das Kochbuch ihrer Mutter („Die Kunst des Kochens und Auftragens“). Darin werden die Dienste der Hausfrau solcherart gepriesen, dass man unversehens auf die fünfziger Jahre tippt, eine Zeit also, in der Margaret Atwood selbst ein Teenager war. Weibliche Rollenmuster durchleuchtet sie mit Vorliebe und leichter Süffisanz, und auch hier birgt der Gegenstand manche Kuriosität. Diese potenzieren sich, als Nell, kaum dreißigjährig, versucht, sich in den rasant wechselnden sozialen Umgangsformen der Sechziger Jahre zurechtzufinden. Atwoods Spott ist ätzend: „Das Wort Ehebruch (…) war kein cooles Wort, und seine Verwendung kam einem Fauxpas gleich. Um 1968 war es verbannt worden. Drei Jahre später (….) rauchten Männer mittleren Alters mit respektablen Jobs noch immer Dope am Wochenende und trugen Liebesperlen aus Holz und landeten mit Mädchen, die halb so alt waren wie sie, im Bett, und einst zufriedene  Mütter verließen noch immer das Familienschiff und (…)verwandelten sich in den extremsten Fällen über Nacht in Lesben.“
Nell erweist sich als exquisite Beobachterin dieser Zustände. Sie ist ein wenig zu schüchtern, ein wenig zu alt, ein wenig zu konservativ um mitzutun. Sie ist unabhängig und doch von einem wenig zeitgemäßen Familiensinn durchdrungen. Kurz, sie steht ewig am Rand, sie ist eine gebrochene Figur, modern im Sinne des vergangenen Jahrhunderts.
In der titelgebenden Erzählung „Moralische Unordnung“ droht Nell an den inneren und äußeren Widersprüchen zerbrechen. Sie ist mit ihrem neuen Partner Tig als Aussteigerin aufs Land gezogen, übernimmt mit dem Segen seiner Frau Oona die Rolle der Dauergeliebten, muss aber immer wieder von der Bildfläche verschwinden, wenn die halbwüchsigen Söhne am Wochenende auftauchen. Nell steht vor einer Zerreißprobe, später wird auch noch ihre depressive Schwester auftauchen.
Atwood erzählt nuancenreich und ganz ohne Larmoyanz. Ein Foto, welches sich im Einband befindet, zeigt die beschriebene Farm samt Schafen und Pferd, und bestärkt so die erkennbar autobiografische Anmutung des Textes.
Als sich das Beziehungsgeflecht löst, müssen neue Häuser gekauft werden, und eine höchst bemerkenswerte Immobilienmaklerin namens Lillie tritt auf. Lillie ist eine Holocaustüberlebende, Bäckerin staubtrockener Weihnachtskekse im Juli und mit einer besonderen Neurose gesegnet, die die Erzählerin mit ihrem Gespür für Abweichungen sicher benennt.
Eine besonders gelungene Short Story steht am Ende des Bandes, es ist die älteste der Sammlung, sie entstand 1996: „Das Labrador Fiasko“. Atwood setzt hier das zunehmend schwindende Gedächtnis eines Alzheimerpatienten parallel zu dem Schicksal zweier amerikanischer Neufundlandforscher, die um 1900 von einer Expedition nicht zurückkehrten. So lange das Gedächtnis des alten Mannes noch arbeitet, ist er in der Lage, eine Liste von Vorräten anzulegen, die den beiden Amerikanern geholfen hätte, zu überleben. Doch dann entschwinden sie alle, das Gedächtnis, die Vorräte und die beiden Amerikaner in einer anderen Dimension. Der Text ist so gelungen, dass er 2007 im „American Journal of Bioethics“ zitiert wurde, in einer Studie zum Gedächtnisschwund. Kurzgeschichten dieser Gewichtsklasse fänden ihre Leser auch ohne Mogelpackung. Merke: Nicht überall, wo „Roman“ draufsteht, ist auch einer drin.

Literarische Welt, 2008