Aub, Max

Aub, Max | Die besten Absichten

Literarische Sensationen sind im Herbst Mangelware. Die Werbestrategen beim Frankfurter Verlag Eichborn haben wohl aufgeatmet: Sie dürfen diesmal einen fast verschollenen Titel lancieren, dem der Ruf von Weltliteratur vorauseilt.
Es geht immerhin um Picasso. Dessen Rivale hätte Jusep Torres Campalans geheißen, hätte er gelebt. Dann wäre seine farbenfrohe Existenz eine rund 400 Seiten starke Biographie wert gewesen. Max Aub, ein fast vergessener deutsch-spanischer Autor, hat sie dennoch geschrieben. Sie erschien erstmals 1958 in Mexiko, wohin der Autor jüdischer Abstammung emigriert war. Mit archivarischem Eifer hat er das Leben des frühkubistischen Malergenies scheinbar rekonstruiert, sein Notizbuch herausgegeben, Bilder, Zeitungsartikel und Fotografien zusammengetragen, einen Ausstel-lungskatalog aufgestöbert und das Ganze mit vielen veristischen Fußnoten verdickt.
Jusep Torres Campalans, 1961 ins Französische übersetzt, erschütterte damals die Pariser Feuilletons: Es meldeten sich Kunstfreunde, die beschworen, Campalans Bilder gesehen zu haben und Sammler, die für seine Bilder Millionen gegeben hätten. Die André Malraux gewidmete Biographie plaudert kenntnisreich über das Innenleben der Pariser Bohème zu Beginn des Jahrhunderts. Sie klärt auch den Ursprung eines der wichtigsten Gemälde der Moderne, Picassos „Demoiselles d’Avignon“. Es soll anläßlich eines Bordellbesuches 1902 entstanden sein, als der Maler den in geschlechtlichen Fragen noch unbewanderten Bauernjungen Torres Campalans in die Geheimnisse des Lebens einweihte. Picasso soll sich bei der Lektüre des Romans amüsiert haben.
Jusep Torres Campalans ist eine Fälschung ohne Original. Ein gigantisches Trompe-l’oeil zum zentralen Thema der Moderne, dem Verhältnis zwischen Realität und Fiktion. Einen „kubistischen Roman“ nannte Max Aub seinen Werk, der in der Tat durch seine würfelförmigen Versatzstücke immer neue Fluchtlinien und Perspektiven eröffnet. Dahinter steckt ein gebildeter Schriftsteller, dessen Wiederentdeckung zu feiern ist.
Max Aub, Jahrgang 1903, wurde in Paris als Sohn eines Deutschen und einer Französin geboren. Erst als er volljährig war, erfuhr er von seiner jüdischen Abstammung. Der Erste Weltkrieg trieb seine Familie nach Spanien. Der Zweite führte den bekennenden Sozialisten Aub 1942 nach Mexiko, wohin er über den Weg deutscher Internierungslager in Frankreich und Algerien gelangte. Die spanische Staatsbürgerschaft hatte er mit 21 Jahren angenommen. Dem Land und seiner Sprache blieb er so verbunden, daß er sein umfangreiches Werk, darunter einen sechsbändigen Romanzyklus über den Bürgerkrieg, in Spanisch verfaßte. Sein Werk stand unter Franco auf der Liste der Zensur, erst 1969 durfte er das Land, das er als seine Heimat betrachtete, wiedersehen. Doch Aub war von dem modernen Spanien enttäuscht. 1972 starb er in Mexiko City.
In Max Aubs Vita spiegelt sich das Jahrhundert; und so ist es nicht verwunderlich, daß viele Geistesgrößen seinen Weg bevölkern: Jorge Gullién, Ramón del Valle Inclán, Antonio Machado, Federico García Lorca, Ernest Hemingway, Gustav Regler. Mit Luis Bunuel (Tilde über dem „n“) und André Malraux verband ihn eine enge Freundschaft. Als Kulturattaché der Spanischen Republik in Paris beauftragte er 1937 seinen Freund Picasso mit dem Wandgemälde „Guernica“. Noch als 63jähriger gründete Aub an der Hebräischen Universität in Jerusalem ein Institut für Lateinamerikanische Literatur. Das Werk des Mannes, der in seinem Leben Drehbuchautor, Regisseur, Übersetzer, Heraus-geber, Dramatiker und Romancier war, ist umfangreich. Ein kleiner Berliner Verlag, Gatza machte sich 1991 an die herkulische Aufgabe, es ins Deutsche zu übertragen. Nach zwei Bändchen ging ihm der finanzielle Atem aus. Gatza schlüpfte bei Eichborn unter, und dort erschien 1996 der Roman „Die besten Absichten“. Er erzählt die Liebesgeschichte des Bürgersohnes Augustín und der Büglerin Remedios. Der Roman, ohne Schnörkel in auktorialer Form geschrieben, wurde in Deutschland mit großer Begeisterung aufgenommen. Max Aub erweist sich hier als ein Meister der schnellen Charakterskizze und des süffisanten Understatements. Das zumindest hat er mit seinem Freund Picasso gemeinsam: Beide beherrschten die traditionellen Techniken ihres Metiers, bevor sie sich daran machten, diese in Würfel zu zerlegen.

 

Literarische Welt 1997