Austen, Jane

Austen, Jane | Carol Shields

Einhundertsechzig Briefe sind von Jane Austen erhalten, keinen hat sie vor ihrem 20. Lebensjahr geschrieben. Es müssen weit mehr gewesen sein, gehen ihre literarischen Jugendschriften doch in ihre Teenagerzeit zurück. Janes ältere Schwester Cassandra hat etliche Briefe vernichtet, vermutlich jene, in denen Austen ihrem Unmut über ihre Zeitgenossen freien Lauf ließ. Es gibt nur zwei Portraits von der Autorin, eine Rückenansicht und das wenig vorteilhafte Bildnis einer verdrossen dreinblickenden jungen Frau mit schmalen Lippen. Ihr Leben, soweit bekannt, war ereignislos – sie war das siebte Kind und zweite Mädchen einer gut gestellten Pfarrersfamilie, sie heiratete nicht, blieb bei Mutter  und Schwester und  starb 1817 mit 42 Jahren.
Jane Austen Biographen haben es bei einer solch dürftigen Quellenlage nicht leicht, sie kleiden „ein klappriges Skelett in Mutmaßungen (…), die sie den Romanen entnahmen“, wie Carol Shields freimütig bekennt. Shields, Jahrgang 1937 und Pulitzer-Preisträgerin, kann selbst oft nicht anders, trotzdem ist ihre Biographie: „Jane Austen“ eine frischer und intelligenter Beitrag zu dem Vielen, was schon über Austen geschrieben wurde. Shields hat die erhaltenen Briefe studiert, Nuancen und falsche Töne herausgefiltert. Ihre pointierten Schlussfolgerungen über Zustand und Absichten der Verfasserin gleichen Spotlights, die das ganze Leben von Jane Austen erhellen. 
Jane Austen, so wie Carol Shields sie sieht, steht in ihrer Zeit. Abweichend von anderen zeitgenössischen Biographinnen ist für Shields die Tatsache, dass Austen ledig blieb,  nicht der Ausdruck einer frühen Emanzipation, sondern ein gescheiterter Lebensplan: Die Ehe, erklärt die Biographin, wäre der einzige und daher beste Weg zur Mündigkeit Austens vom Elternhaus gewesen. Es zeugt von Shields Scharfsinn, dass sie nun den Umkehrschluss meidet, die lebenslange Fürsorge von Eltern und Brüdern für Jane und ihre ebenfalls ledige Schwester Cassandra nicht zum Gefängnis erklärt. Die zahlreichen familiären Intrigen in Austens Sittenromanen dürften nicht als Abbild realer Lebensumstände gesehen werden. Austen habe abstrahiert und fiktionalisiert, eine biographische Lesart ihrer Romane sei nur bedingt zulässig: „Jane Austens Romane sind im England ihrer Zeit angesiedelt, doch ihre Charaktere und deren Erlebnisse entspringen der Phantasie – so sehr, dass die Entschediung, Leben und Literatur zu trennen, als wohl überlegt sein darf.“ Mit anderen Worten: Austen war in bezug auf ihr Schaffen, nicht in ihrer Lebensführung eine Vorreiterin der Moderne. Carol Shields hat eine persönliche Austen-Biographie vorgelegt, in der sich Reflexion und Empathie auf angenehme Art begegnen.
 Deirdre Le Faye, langjährige Mitarbeiterin der British Library in London und eine angesehene Austen-Expertin, hat einen anderen Weg gewählt. Nicht Auswahl, sondern größtmögliche Vollständigkeit ist das Ziel ihrer Veröffentlichung: „Jane Austen und ihre Zeit“. Le Faye geht weit über das Genre der Biographie hinaus, sie hat eine Sozial-, Sitten- und Kulturgeschichte von Austens Zeit vorgelegt, sie erklärt Mode, Architektur und Freizeitgestaltung des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Sie weiß über alles Bescheid, vom Koalitionskrieg bis zum Picknickkorb. Wer sich dafür interessiert, was bei den Austens abends auf den Tisch kam oder welche Figur der Elizabeth Bennet aus „Stolz und Vorurteil“ Patin gestanden hat,  wird bei Deirdre Le Faye die Antwort finden.  Eine eigene Interpretation dieser vielen Details sucht man vergebens.
Tanya Lieske

Carol Shields, Jane Austen. Aus dem Englischen übersetzt von Margarete Längsfeld. Claassen, München 2002. 223 Seiten gebunden, Euro 12,00

Deirdre Le Faye, Jane Austen und ihre Zeit. Aus dem Englischen übersetzt von Anja Schünemann und Michael Windgassen. Nicolai, Berlin 2002. 320 Seiten gebunden, Euro 24,90

FAZ, 2002