Barker, Pat

Barker, Pat | Niemandsland

Schottland, im Kriegssommer 1917: In der Nervenheilanstalt Craiglockhart, einem düsteren Gebäude mit dicken Steinmauern, werden verwundete Frontsoldaten behandelt. Manche haben ihre Glieder verloren, andere die Sprache, wieder andere drohen, den Verstand zu verlieren. Der junge Theologiestudent Burns ist nach einem Angriff auf einem toten deutschen Soldaten gelandet, dessen mit Gas gefüllter Bauch explodierte. Seither kann er weder schlafen noch essen.
Pat Barker, die 54jährige Schriftstellerin aus Englands Norden, hat sich langsam an ihr Thema herangetastet. Als ersten Teil ihrer preisgekrönten Trilogie des Ersten Weltkrieges veröffent-lichte sie 1991 den Roman „Regeneration“. Er ist nun, übersetzt von Matthias Fienbork, im Hanser Verlag unter dem Titel „Niemands-land“ erschienen. Darin geht es um den Schaden, den der Krieg des Gases und der Schützengräben in Psyche und Verstand seiner Opfer anrichtet. Erst im dritten Band „Ghost Road“, für den Barker 1995 den Booker-Preis bekam, führt sie ihre Leser an die Front. 
Die behandelnden Ärzte in Craiglockhart sehen sich vor der paradoxen Aufgabe, Kriegsneurosen zu heilen, um ihre Patienten schnellstmöglich wieder jenen Umständen auszusetzen, die diese Neurosen verursachten. Im Gewissen des Neurologen Rivers spitzt dies als Konflikt zu. W.H.R. Rivers (1864-1922) ist eine historische Figur. Er erregte zu seiner Zeit mit ethnologischen und neurologischen Forschungsarbeiten Aufsehen.
Als Advocatus Diaboli stellt Pat Barker Rivers den Kriegsdichter Siegfried Sassoon (1886-1967) gegenüber. Er mußte den Sommer 1917 tatsächlich in Craiglockhart verbringen. Zuvor hatte der einst glühende Patriot und ordens-geschmückte Frontkämpfer unter dem Einfluß des Pazifisten Bertrand Russell ein Manifest veröffentlicht, in dem er die sofortige Beendigung des Krieges forderte. Eine dritte historische Person gibt sich in Craiglockhart ein Stelldichein: Der junge Kriegsdichter Wilfried Owen (1893-1918). Er fiel eine Woche vor dem Waffenstillstand in Frankreich. Sassoon veröffentlichte den größten Teil seiner Gedichte posthum. Sie gelten heute als die bedeutendsten Gedichte der britischen Weltkriegs-literatur. 
Es wird viel geredet in Pat Barkers Roman. Sprechend, in knappen und wohlgesetzten Dialogen agieren ihre Personen: Rivers im thera-peutischen, an Freuds Analyse-technik geschulten Gespräch mit seinen Patienten, Sassoon und Owen im Dialog über Lyrik, Rivers und Sassoon im verbalen Katz- und Maus-Spiel um Sinn und Verderb des Krieges. Den Verlust der Sprache führt uns die Autorin als schlimmste kriegsbedingte Verkrüp-pelung vor. Sie beraubt Patient wie Arzt der Menschlichkeit, der Würde. In einem Londoner Hospital muß Rivers mitansehen, wie ein Soldat mit Kriegsneurose unter Behandlung mit Elektroschocks das Sprechen wieder erlernt. Danach träumt der Neurologe, daß er Sassoon eine blutige Trense in den Mund schiebt: Er erkennt sich als Folterknecht des Gewissens.
In klarer Komposition und untadeliger Umsetzung steuert Pat Barkers Roman auf diese Schlüssel-szene zu. Trotzdem mag sich eine rechte Begeisterung nicht einstellen. Man kann nicht umhin, die Autorin an sich selbst zu messen: Von der subtilen und komplexen Durch-dringung ihres Themas im letzten Teil der Trilogie ist „Niemandsland“ noch weit entfernt. In „Ghost Road“ wird Barker tief in die Gedanken- und Gefühlswelt ihrer Figuren eindringen und zu Bildern finden, die man nicht so schnell vergißt. Da darf Rivers, der einst als Anthropologe unter Kopfjägern lebte, höchst aufschlußreiche Parallelen zu den Kriegen der „zivilisierten“ Welt ziehen. Mit ihrem bisexuellen Offizier Billy Prior, der in „Niemandsland“ noch eine Nebenrolle spielt, hat Barker nun eine Figur geschaffen, neben der historische Charaktere verblassen. Ein Outcast mit animalischen Instinkten ist diese Prior, ein scharf kalkulierndes und blitzschnell agierendes menschliches Chamä-leon. Kurz vor seinem Tod rettet er den tödlich verwundeten Soldaten Hallet, der dann in Rivers Obhut stirbt. Hallet trägt ein merkwürdiges letztes Wort auf seinen Lippen: „Shotvarfet“. Rivers braucht lange, bis er versteht, was Hallet sagen wollte: „Shotvarfet“- „It’s not worth it“. Es hat sich nicht gelohnt.
Es mag erstaunen, daß eine Autorin des Jahrganges 1943 mit solcher Zähgigkeit beim Ersten Weltkrieg bleibt. Die Erklärung liegt in ihrer Biografie: Pat Barker wuchs im Haus ihrer Großeltern auf, und in diesem Haushalt war der Erste Weltkrieg als der große Krieg des Jahrhunderts. Manchmal zog der Großvater sein Hemd aus und zeigte der Enkelin die Bajonettnarbe auf seinem Rücken. Das kollektive Gedächtnis übersprang eine Generation. Für Pat Barkers Leser, ist es, als ereilte sie ein Ruf aus der Vergangenheit.

Literarische Welt, 2007