Barks, Carl

Barks, Carl | Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf Hoher See

Was treibt den Erpel hinaus aufs offene Meer? Die Antworten „Schwimmen“, „Nahrungsaufnahme“ oder gar „Ruf der Natur“ greifen in diesem Fall zu kurz. Wie der Autor der vorliegenden Studie trefflich bemerkt, krault Donald Duck im Wasser, er bevorzugt gestreifte Badeanzüge und lässt sich für Tauchgänge vom steinreichen Onkel Dagobert ausstatten. Nein. Es ist der Lockruf des Abenteuers, der die Ducks an Bord gehen lässt! Hin und wieder auch schiere Notwendigkeit – hat Dagobert einmal mehr seine Milliarden auf dem Grund des Pazifischen Ozeans versenkt, müssen seine Neffen ran, um diese zu bergen. Dass sie dabei eher mit  Fortüne denn mit nautischem Geschick zu Werke gehen, ist leicht belegt. In wenigstens einem Falle brüllt Kapitän Donald Duck seine Kommandos nach den Regeln der Alliteration, Taifun hin oder her, Ergebnis (Schiffbruch) vorhersehbar: Klüversegel kippen! Focksegel fieren! Spinnaker spannen! 
Dem Thema der Ducks auf hoher See hat sich der marebuchverlag angenommen. Bestsellerautor Frank Schätzing (Der Schwarm), bislang eher ein Vertreter der maritimen Apokalypse, hat ausgewählt, eingleitet und kommentiert. Herausgeber Denis Scheck steuert ein Interview mit der jüngst verstorbenen Carl Barks Übersetzerin Erika Fuchs bei sowie ein erhellendes Nachwort: der Literaturkritiker an sich krault schlechter als die Ducks, nämlich gar nicht.  So viel Prominenz mag der subversiven Absicht dienen, das Gravitationszentrum der donaldistischen Forschung von Frankfurt via Köln nach Hamburg zu verlegen. Da bekanntlich der Zweck die Mittel heiligt, werden auf dem Weg nach Norden einige Lücken der Enthropologie geschlossen. So sieht Frank Schätzing im duckschen Drang zum Wasser den ultimativen Beweis dafür, dass es sich bei den Bewohnern Entenhausens um Humanoide handelt: „War Barks gar selber ein Außerirdischer? Erklärt sich so sein offen an den Tag gelegter Kannibalismus, dem es sich verdankt, dass Gustav Gans mitunter nach Gänsebraten strebt?“
Schätzing argumentiert durchweg differenziert und kenntnisreich. Besonders sensibel weiß er mit den Regressionsängsten der Entenpsyche umzugehen. Er vermeidet naheliegende Peinlichkeiten, etwa seinen Text mit erikativischen Konstruktionen (ächz, stöhn, schluchz) aufzupeppen. Einige wenige seichte Stellen („Pechvogel“ oder auch „Geld vögeln“) sieht man ihm nach. Denn en passant prägt Schätzing wenigstens drei Begriffe, welche den Forschungshorizont nachhaltig erweitern: Underduck, Diducktik, post Barksem.
Bekanntlich ist das Donaldieren eine eher von Männern gepflegte Tätigkeit. Sind sie dem Alter entwachsen, in dem sie Comics unter der Bettdecke lesen, geben sie dem Donald einen Ehrenplatz in ihrem Herzen, gleich neben der ersten Märklin-Eisenbahn. Den engagierten Autoren wie den Ducks auf hoher See ist zu wünschen, dass sie nun auch randständige Zielgruppen erreichen, Landvögel oder Asterixleser.
Tanya Lieske

Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See. Ausgewählt, eingeleitet und kommentiert von Frank Schätzing. Deutsch von Dr. Erika Fuchs. Marebuchverlag, Hamburg, 2006. 440 Seiten, Halbleinen, vierfarbige Abbildungen, 39,90 Euro.

Die Zeit, 2006