Barret, Andrea

Barret, Andrea | Schiffsfieber

Johann Gregor Mendel züchtet seine Erbsen hinter der Klostermauer in Brünn, der amerikanische Biologe Richard kommt mit einem sechsten Finger zur Welt. Mendel trägt 1865 dem Verein für Naturforschung in Brünn seine Thesen zum dominanten und rezessiven Erbgut vor, seine Theorie stößt auf Desinteresse. Erst zwei Generationen weiter erkennt der Botaniker Hugo de Vries, daß Mendel die Gesetze der Vererbung formuliert hat. Auch Richards Hexadaktylie überspringt eine Generation, seine Kinder sind gesund, doch den Enkeln ist ein sechster Zeh gewachsen. Richard trägt, dies ist der springende Punkt der Kurzgeschichte, einen Brief von Johann Gregor Mendel in der Tasche. Antonia hat Richard diesen Brief geschenkt, seine spätere Ehefrau und Ich-Erzählerin, die wiederum ihre eigene Beziehung zu Mendel hat, den Erbsen und Brünn. Antonia ist die Enkelin eines tschechischen Einwanderers, der ihr Mendels Brief hinterlassen hat, der eher ein Zeugnis von der Einsamkeit des Klosterbruders und Biologen ablegt denn von seinem posthumen Ruhm. Auch Antonias Ehe mit Richard führt zur Einsamkeit, die Rolle der Hausfrau und Professorengattin führt in ihren späteren Lebensjahren zu einer Depression.
„Habichtskraut“ ist ein gelungener Auftakt für diesen Erzählband von Andrea Barrett. Die amerikanische Autorin ist studierte Biologin mit Interesse für die Wissenschaftsgeschichte und literarischem Talent. Daß diese Grundlagen zu interessanten Ergebnissen führen, stellt sie in „Habichtskraut“ unter Beweis. Barrett führt  historische und fiktive Elemente ein, die einander ergänzen oder kontrastieren, in jedem Fall kommentieren. Mendels Wissen wie Richards genetischer Defekt müssen einen Generationssprung vollziehen, bevor sie ans Tageslicht dringen. Bleibt die Frage, ob sich die Natur willkürlich oder nach einem Ordnungsprinzip entfaltet. In den folgenden Erzählungen stellen sich eine  Reihe bekannter und unbekannter Wissenschaftler diese Frage, darunter Carl von Linné und Charles Darwin. Ihre Wirkungszeit war das 18. und 19. Jahrhundert, als die Grenzen des Wissens sich rasch zu weiten begannen. Mit dem Wissen der Nachgeborenen sät die Autorin Zweifel im Geist ihrer Wissenschaftler, Zweifel an dem Wert ihrer Erkenntnis und an dem Preis, der dafür zu zahlen war. 
Man nehme Carl von Linné.  Seine Geschichte, die den Titel  „Der englische Schüler“ trägt, spielt 1777 in Uppsala im Jahr vor dem Tod des schwedischen Wissenschaftlers. Linnés einst bemerkenswertes Gedächtnis hat an einem Schlaganfall gelitten, nur mühsam findet er Worte, er verwechselt die Namen derer, die sich um ihn kümmern. An einem Winterabend befiehlt Linné seinem Kutscher, in ein Blockhaus zu fahren, der Ausflug gerät zu einer Erinnerungsfahrt an seine Jugend, als Linné in Lappland forschte.  In Linnés verwirrtem Geist mischen sich seine größten Triumphe mit seinen  Niederlagen. Seine Schüler treten vor ihn, die in Linnés Auftrag die letzten Winkel der Erde bereisten um exotische Spezies zu finden, und von denen nur einer zurückkam, der Rest ist verdurstet oder ertrunken oder verschollen. „Apostel“ nennt der Alte seine Schüler, und das ist mehr als ein Scherz, denn er glaubt, ein von Gott Berufener zu sein: „Die Natur war ein Kryptogramm und die wissenschaftliche Methode ein Schlüssel dazu; die Natur war ein Labyrinth, und diese Methode war der Faden der Ariadne. Oder die Welt war ein von Gott geschriebenes Alphabet und er, Carl von Linné, war dazu aufgerufen, es zu entziffern.“ Tatsächlich gab Linné der Biologie das bis heute verwendete System der zweigliedrigen Nomenklatur. In der Folge von Aristoteles glaubte Linné, die göttlichen Essenzen zu entschlüsseln. Ohne Linné zu denunzieren, zeigt Andrea Barrett, wie der Wissenschaftler an diese Glauben wuchs und scheiterte. Da die aristotelischen Essenzen zeitlos und unwandelbar sind, verweigerte Linné sich der Empirie bis zum Starrsinn. Er behauptete bis zuletzt, daß die Schwalben in den Seen überwinterten, doch weigerte er sich, eine Schwalbe zu fangen und sie in Wasser zu tauchen. Dieses Experiment läßt Barrett in „Seltener Vogel“ zwei unbekannte Engländerinnen schon 1762 durchführen. Eine von ihnen heißt Sarah Anne, auch sie ist eine historische Figur. Unter den Initialen S.A. Billopp, die ihre weibliche Identität verbergen sollten, schrieb sie an Carl von Linné, der ihren Mutmaßungen, daß Schwalben Zugvögel seien, noch weniger Beachtung schenkte als die Naturfreunde von Brünn dem Augustinerbruder Mendel.
 Angela Barretts Kurzgeschichten bestechen durch ihre knappen und lakonischen Erzählton und die Weise, in der Zeiten, Orten und Ideen zu einem Ganzen zu verschmelzen. In den bereits erwähnten Geschichten entsteht viel Atmosphäre,  doch es finden sich auch Erzählungen in diesem Band, deren Bezüge forciert sind. Dies gilt vor allem für „Höhenkoller“, hier heiratet eine junge Amerikanerin aus der Unterschicht einen viel älteren Mann aus der oberen Gesellschaft. Die folgende Verunsicherung und privaten Rückschläge inszeniert Barrett parallel zur Geschichte eines jungen Eingeborenen, den Charles Darwin aus Südamerika mit nach London nahm, den er erfolgreich bei Hofe einführt um ihn anschließend wieder in Feuerland abzusetzen. Die übrigens verbürgte Episode wirkt in diesem Kontext sentimental, die beiden Handlungsstränge sind einander zu ähnlich, um überzeugend zu fusionieren.

In Grunde handelt es sich bei Barretts komplexen Erzählungen um Romane in nuce, was besonders deutlich wird bei der titelgebenden Geschichte „Schiffsfieber“, die mit mehr als hundert Seiten den handelsüblichen Rahmen der Kurzgeschichte sprengt. Hier greift die Autorin das Elend der Iren auf, die 1847 vor der heimischen Kartoffelfäule nach Amerika flüchten wollten. Die mehrwöchige Seereise forderte ihre Opfer, viele der Emigranten starben an Dreck und an Typhus, der Rest erreichte die Neue Welt eher tot als lebendig.  Nüchtern und ohne falsches Gefühl erzählt Barrett aus der Perspektive des jungen amerikanischen Arztes Laughlin. In dem Wissen, daß er selbst an der Seuche sterben kann – er wird sterben – pflegt Laughlin die Typhuskranken in der Quarantänestation von Grosse Isle. Laughlin tut dies zunächst widerwillig, dann immer lieber, es gelingt ihm so, sich seiner verheirateten Jugendfreundin Susannah beweisen. Etwas behäbig und von Zweifeln an seiner Profession geplagt, steht Laughlin in Kontrast zu Susannahs schneidigem Ehemann, der als Journalist durch Irland reist und in Briefen von der grassierenden Kartoffelfäule berichtet. Laughlin ist eine sympathische, jedenfalls dreidimensionale Erscheinung, mehr Mensch und weniger Theorem als die vorhergehenden Figuren in diesem Erzählband. Mit der Willkür desjenigen, der Gott spielen darf, pflegt er die totgesagte Irin Nora gesund. Nora wurde kurz nach ihrer Ankunft in Grosse Isle von ihrem Bruder Ned getrennt. Der wiederum heuerte in Barretts vorletztem Roman „The Voyage of the Narwhal“ als Schiffskoch unter Franklin an. Eine Fortsetzung könnte folgen, hoffentlich auch eine Fortsetzung von Barretts präzisem und einfallsreichem Zugriff auf die Geschichte der Wissenschaft.

 

FAZ, 1997