Boldger, Dermot

Bolger, Dermot | Die Versuchung

Alison und Peadar Gill leben im Dublin der 90er Jahre. Sie haben ein Reihenhaus, ein Einkommen, ein Auto, drei Kinder. Es geht ihnen gut, doch an große Sprünge ist nicht zu denken. Als Höhepunkt ihres Jahres verbringen sie fünf Tage in einem gehobenen Hotel an der irischen Südostküste. Auf das „Fitzgeralds“ mit seiner Rund-umbetreuung für Eltern und Kind, mit Golfplatz, Hallenbad, Anima-teuren und Babysittern freut sich die ganze Familie so sehr, dass das gelingen des Urlaubs zum Kraftakt wird. Ein einziges falsches Wort zwischen den Ehepartnern, eine winzige Abweichung von den Ritualen des Vorjahres würde genügen, um die familiäre Idylle zu zerstören.

Dermot Bolger erzählt seinen neuen Roman „Versuchung“ aus der Perspektive der Mutter. Für die 38jährige Alison Gill ist in diesem Jahr tatsächlich alles anders. Es haben sich Zweifel eingeschlichen, die mit dem Einheitstrott des Berufs Hausfrau und Mutter zu tun haben. „Ich habe auf mein Glück verzichtet, um einen anderen Menschen glücklich zu machen“, denkt Alison am Morgen der Abfahrt. Sie ringt mit den Verschleißerscheinungen von fast zwanzig Ehejahren, dem Schrecken, den ihr eine Zyste in der Brust eingejagt hat. Sie hegt stille Vorwürfe gegen ihren Mann Peadar, der als Schuldirektor so viel zu tun hat, dass ihm kaum Zeit für Frau und Familie bleibt.

Auf dem Weg zum „Fitzgeralds“ entgeht die Familie nur knapp einem fatalen Unfall. Bolger setzt weitere Vorzeichen, doch er lässt sich in diesem auffallend bedächtigen Roman nicht zur Eile drängen. Er zelebriert die Ankunft im Hotel, die bekannten Gesichter der Gäste vom letzten Jahr, die roten Backen der Kinder Sheila, Danny und Shane.

In früheren Romanen hat der 43jährige Bolger sich oft dem Thema der beschädigten, missbrauchten Kindheit zugewandt. „Glückliche“ Kinder sind ein banaleres, und ungleich schwieriger zu gestaltendes Thema. Bolger schafft es, ohne langweilig oder sentimental zu werden, seine Leser am Kraftakt des Elterndaseins teilnehmen zu lassen. Alison will ihren Kindern glückliche Erinnerungen mitgeben, vor allem an das „Fitzgeralds“ . Als Zwölfjährige war sie selbst einmal da, hier hat sie ihren ersten Kuss bekommen. Die Erinnerungen an dieses Ereignis ist für sie eine Markierung, an der sie ablesen kann, wie schnell die Jahre vergangen sind. Die Zeit ist der stumme Protagonist dieses Romans, Alison ringt mit der Beschleunigung, die zur Lebensmitte eintritt.

Erst am zweiten Tag schiebt Bolger die dritte Figur aus Schachbrett. Im Schwimmbad trifft Alison Chris Conway, einen Freund aus Jugendtagen. Mit Chris hatte sie vor zwanzig Jahren eine Affäre. Sie hätte ihn sogar geheiratet, wäre Peadar nicht erschienen. Chris verkörpert für Alison verpasste Chancen und ihre vergangene Jugend. Als Peadar kurz darauf aus geschäftlichen Gründen nach Dublin zurückfährt, steigern sich Alisons Ressentiments zur Wut auf ihren Mann. Sie beginnt, über einen Seitensprung nachzudenken.

Chris Conway war ebenfalls verheiratet, er hat seine Frau und zwei Töchter in einem Autounfall verloren. Er gibt sich die Schuld am Tod seiner Familie. Auch für ihn ist das „Fitzgeralds“ ein besonderer Ort, ein Monument der Tempi passati.

In Alisons Gesprächen mit Chris kommt eine aufwändig konstruierte Backstory zum Vorschein, in der ein totgeborenes Kind, das manipulierte Fahrgestell des Unglückswagens und ein lange zurückliegender Selbstmordversuch des Chris Conway eine Rolle spielen. Von Dermot Bolger weiß man, dass er knallige Plots und Effekte liebt. Seine früheren Romane spielen bevorzugt in der Dubliner Unterwelt der Gangster und Drogen, und der Autor, der sich manchmal auf Dickens beruft, hatte bislang wenig Scheu vor Kitsch.

Umso erfreulicher ist das Fingerspitzengefühl, das er diesmal an den Tag legt. Bolger inszeniert eine dramatische Schlussszene, gewiss, doch insgesamt profitiert dieser Roman von seiner selbst verordenten Langsamkeit. Wie ein Schleier dämpft das Unglück der toten Familie den Überschwang der lebenden, und Alisons Entscheidung für ihren Mann ergibt sich folgerichtig aus der Höhe ihres Einsatzes.

Alison ist eine sympathische und warmherzige Hauptfigur. Ihren Dialogen hätte ein letzter Feinschliff gut getan, manche Psychophrase klingt abgedroschen, und einge wenige Ausflüge ins Zotige nimmt man ihr nicht ab. Von solch kleineren Mängeln abgesehen, ist „Die Versuchung“ ein gelungener und glaubwürdiger Roman über die Lebensmitte. Thomas Gunkel hat ihn wie immer ausgezeichnet ins Deutsche übersetzt.

 

Die Welt 2002