Braslavsky, Emma

Braslavsky, Emma | Das Blaue vom Himmel über dem Atlantik

Vom schlesischen Lauterbach ins thüringische Lauterbach führte einst die Flucht der Mutter Elfriede. Sie war lange unterwegs und meinte dann, im Kreis gelaufen, am gleichen Ort angekommen zu sein. Stillstand statt Entfernung, solcherart wird die Flucht aus dem Osten ad absurdum geführt, und man ahnt schon, dass man es hier mit einer Erinnerungsliteratur der neuen Generation zu tun hat. Die 1971 in Erfurt geborene Schriftstellerin Emma Braslavsky beschwört keine versunkenen Lebenswelten, sie stiftet keine Sehnsuchtsorte, sie behandelt das Drama der Flucht über das Eis eher beiläufig. Ihre Prosa ist leicht, manchmal komisch. Erinnerung ist bei ihr der Stoff, aus dem Identität wird, und sie weiß, wie man aus diesem Prozess kreative Funken schlagen kann.

Der Roman spielt an einem einzigen Tag, es ist der 11.11. 1982. Es ist Fasching, die Kinder lieben ihre Verkleidungen, und gerade ist der sowjetische Staatspräsident Breschnew gestorben. Wegen des illustren Toten dürfen sich die Kinder von Lauterbach nicht verkleiden. Die wenigsten folgen dem Verbot, und der Dorfpolizist hat alle Mühe, die Cowboys und Indianer zu verscheuchen. So liegt das Banale neben dem Erhabenen, und die Bruchstelle gibt die Tonlage des Romans vor. Ins Komische mischen sich drastische, melancholische und manchmal auch mythisch angehauchte Stimmungen.

Am selben Tag des Jahres 1982 ruft Braslavsky eine Beerdigungsgesellschaft in Lauterbach zusammen. Sieben Kinder sind angereist, um ihre Mutter Elfriede zu beerdigen. Sechs leben in der DDR, einer hat es in den Westen geschafft. Sechs sind weggegangen aus Lauterbach, eine ist geblieben. Zwei sind Zwillinge. Vier Männer, drei Frauen. Die Sieben Kinder stammen von drei verschiedenen Vätern. Und dann ist da noch der Älteste, Herbert, er ist freilich schon 1972 verstorben.

Die Biografien der Kinder könnten kaum unterschiedlicher sein, sie wurden Kadergattin, Musikerin, Einsiedlerin, Hausfrau; Offizier, Pfarrer, Historiker, Philosoph. So entsteht, auch dies wie hingeworfen und scheinbar schwerelos, das Portrait der mittleren DDR-Generation, die damit verbundenen Lebensentwürfe zwischen Anpassung, Karriere, innerer Emigration und der Flucht in den Westen.

Emma Braslavsky erzählt ihren Roman polyphon, unter Verzicht auf eine auktoriale Erzählstimme. In dem Stimmengewirr der acht Erzähler finden sich sarkastische, melancholische, kämpferische Töne. In den Monologen entfalten die Geschwister ihre Ränke und Rankünen, vor allem aber tasten sie sich erinnernd zurück ins erste Lauterbach, nach Schlesien. Dort stoßen sie auf ein Familiengeheimnis, welches weniger ihre verstorbene Mutter Elfriede betrifft als die Großmutter Esther, die im Jahre 1939 auf rätselhafte Weise verschwunden ist. Ihr Verschwinden fällt nur zufällig mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs zusammen. Trotz solch signalträchtiger Daten will Braslavsky weder seinen historischen Plafond noch stabile Räume konstruieren. Pommern und Schlesien haben als Stillleben, als farbenprächtige, bedeutungsschwere Kulisse ausgedient. Der Blick der Autorin schweift beiläufig nickend darüber hinweg bis zur vorvergangenen Jahrhundertwende, als Großmutter Esther eine junge Frau war. Hier stößt sie auf einen anderen Grund, der sagendurchwoben ist, und in dem noch der Aberglauben und die Legenden der Region nachwirken.

Das Andenken an Großmutter Esther stimuliert die versammelten Trauergäste. Eine Frau, die auf so geheimnisvolle Weise lebte wie sie verschwand. Davor sah sie Herbert, der Älteste, der als einziger eine konkrete Erinnerung an Esther verwahrte, genau vier Mal. Es gehört zu den subtilen Spitzen dieses Romans, dass ausgerechnet ein Toter am zuverlässigsten Zeugnis ablegt. Bei jeder Begegnung gab sich die Großmutter ein wenig mondäner, wortkarger, ein wenig geheimnisvoller als zuvor. Bei ihrem letzten Treffen dann vertraut sie dem Enkel ihre Lebenserinnerungen an, einige eng beschriebene Seiten, die sie in einem Toilettenhäuschen versteckt, und derer Herbert, der Historiker, sich wieder bemächtigt, als er 1972 zu einer gewichtigen Konferenz über die Verwerfungen der Region nach Wroclaw gerufen wird.

Herbert wird das Rätsel fast lüften. Zuvor ergehen sich die lebenden Geschwister in abenteuerlichen Mutmaßungen über das Schicksal der Großmutter. War sie eine Dirne? Eine Malerin mit hexischen Fähigkeiten? Eine Geheimagentin? Jedes der Geschwister gibt seine Version einer einzigen Szene, in deren Verlauf eine Kartoffelsuppe serviert und der Mann der Großmutter ums Leben kommt. In den mal minutiösen, mal groben Abweichungen der geschwisterlichen Mutmaßungen voneinander entsteht eine Erzählraum, der voller Unschärfen ist. Emma Braslavskys Prosa kann man sich vorstellen wie ein Spiegelkabinett, hinter jeder Möglichkeit liegt die widersprüchliche nächste, es gibt mehr Sackgassen als Auswege. Er imitiert die Funktionsweise eines Familiengedächtnisses, aus deren Substanz das Individuum sich formt, denn die jeweils erinnerten Teile entsprechen dem Anliegen der Person, die sich erinnert. Das ist raffiniert und zunächst auch einnehmend, führt aber auf der langen Erzählstrecke dazu, dass dieser Roman sich mit eigenen Hypothesen überversorgt. Ohnehin ist er mit seinen vielen Stimmen und Perspektiven sehr ambitioniert angelegt, hat an seinem Gewicht schwer zu tragen. Wenn dieses kuriose Begräbnis dennoch lange nachhallt, so liegt das an der Sorglosigkeit, mit der sich die junge Autorin eine Region zurückerobert, die bislang den über siebzigjährigen Titanen der deutschen Gegenwartsliteratur vorbehalten war. Deren melancholische Erinnerung trägt sie gleich mit zu Grabe.

 

Die Zeit, 2008