Brennan, Maeve

Brennan, Maeve | Der Teppich mit den großen, pinkfarbenen Rosen

Der Teppich mit den großen pinkfarbenen Rosen liegt im Vorderzimmer des Dubliner Reihenhauses. Er ist ein Schmuckstück, der Stolz der Hausfrau, die immer Mrs. Bagot genannt wird, so als wolle die Autorin, Maeve Brennan, zwischen uns und Mrs. Bagot eine förmliche Distanz halten. Die Welt der Mrs. Bagot endet jenseits ihres Vorzimmers, jenseits des exakt geschnittenen Rasens beim Gartentor. Sie ist so gestutzt, so genau bemessen, dass sehr schnell klar wird, dass wir es trotz der schönen Blumen, die in diesem Garten blühen, mit einem Gefängnis zu tun haben. Und tatsächlich: In keiner der folgenden Erzählungen wird Mrs. Bagot jemals einen Fuß vor die Tür ihres kleinen Reihenhauses setzen. Sie ist gefangen in der Konvention, die ihr ein Dasein als Mutter und Hausfrau vorschreibt, eine Konvention, die umso mächtiger wird, als dass sie mit keinem Wort erwähnt wird.

Ehen, die im Schatten dieser Konvention geschlossen werden, sind unglücklich. Das ist eine Feststellung in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Maeve Brennan verschwendet keine Zeit damit, diese weiter zu erläutern. Sie krempelt sofort die Ärmel hoch, begibt sich daran, die vorliegende, spezifische Unglücksvariante zu untersuchen. Schließlich wissen wir seit Dostojewski, dass alle glücklichen Familien auf dieselbe Art glücklich sind, dass aber alle unglücklichen auf ihre ganz eigene Art unglücklich sind.

Bei Delia Bagot und ihrem Mann Martin liegt die Ursache des Unglücks darin, dass ihnen die Sprache versiegt ist. Beide sind fähig zur Selbstrefflektion, doch aus übergroßer Rücksicht teilen sie sich nicht mehr mit. Maeve Brennan schreibt: „Sie wusste, dass es zwischen ihnen nicht zum besten stand, doch solange die Kinder im Haus waren, wollte sie aus Angst vor einem Streit, der die Kinder ängstigen konnte, nichts sagen, und nun, da die Kinder fort waren, schreckte sie ebenfalls davor zurück, aus Angst, ein Schweigen zu durchbrechen, das, wenn es erst einmal durchbrochen war, alle möglichen Dinge zutrage fördern mochte, die sie nicht wahrhaben wollte und die, da war sie sich sicher, auch er nicht wahrhaben wollte.“

Wie auf dem Boden eines solchen Schweigens Missverständnisse wachsen, und wie daraus Aggression entsteht, das zeigt uns Maeve Brennan in der glänzenden ersten Erzählung „Der zwölfte Hochzeitstag“. An diesem stellt Delia Bagot ihre schönste Vase mit selbstgepflückten Blumen in jene Kammer, die ihr Mann schon lange als Schlafzimmer benutzt unter dem Vorwand, die Familie nicht aufwecken zu wollen, wenn er spät von der Arbeit nach Hause kommt. Sie will ihm eine Freude bereiten. Er findet die Blumen und begreift sie als Vorwurf. Er könnte den Hochzeitstag vergessen haben, was nicht der Fall ist, aber er zog das Schweigen einer Umarmung vor. Er will die Blumen aus dem Zimmer schaffen, dabei zerbricht ihm die Kristallvase, von der er weiß, dass es ihre liebste ist. Schuldgefühle kommen auf, dann Wut, dann ein Plan zur Vertuschung des ganzen Unternehmens. Maeve Brennan schreibt, diesmal spricht Martin Bagot: „Ob sie etwas sagte oder nicht, ob sie im Zimmer war oder nicht, ihr war nicht zu entkommen. Und es hatte keinen Sinn, mit ihr zu streiten.“

Mit solchen äußerst knappen Sätzen gelingt es Maeve Brennan, eine sehr bedrückende Atmosphäre von häuslicher Enge herzustellen. Der psychologische Realismus ihrer Kurzgeschichten rückt uns vor Augen, wie schmal der Grat der Konvention ist, der scheinbar bürgerlichen Normalität, hinter der sich Abgründe auftun. Man ahnt es bereits, dahinter lauern psychotische Zustände. In den folgenden Erzählungen, die es an Komposition und Sprachmacht nicht ganz mit der ersten aufnehmen können, steht Delia Bagot allein im Zentrum der Handlung. Und immer wieder führt Maeve Brennan sie an den Rand des Wahns heran, wenn sie Angst hat vor dem Wind, Angst vor der Zeit, Angst vor dem eigenen Versagen.

In der letzten Erzählung der Sammlung schlägt Maeve Brennan einen deutlich anderen Ton an. Delia Bagot ist gestorben. Ihre Mann Martin sehr alt, es spricht dessen Zwillingsschwester Min, in einem fast schon satirischen Monolog, der wie ein Panorama allerlei Zustände der irischen Gesellschaft aufgreift, von den Widersprüchen zwischen Stadt- und Landleben bis hin zu den Neurosen jener traditionellen Großfamilien, die in Irland von Frauen dominiert werden.

Maeve Brennan, die 1934 mit ihrer Familie von Dublin nach Amerika auswanderte, ist in ihrem erzählenden Werk ihrer Heimat Irland treu geblieben. In der Tradition der großen irischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts beschreibt sie, wie zerbrechlich das Ich in der Moderne geworden ist, wie schnell die Zustände zwischen Normalität und Wahnsinn wechseln können. Und auch dies ist zu berichten: Ihr Werk nahm ihr eigenes Schicksal voraus. Am Ende ihres Lebens bekam Maeve Brennan Depressionen und schizophrene Schübe, sie verstarb mittellos 1993 in New York und fast hätte die Welt der Literatur sie vergessen.

 

Deutschlandfunk, 2006