Bronsky, Alina / Ulinich, Anya / Lewycka, Maria

Bronsky, Alina / Ulinich, Anya / Lewycka, Maria

Wladimir Kaminer war zuerst da. Kaminer ist DJ, Clubbesitzer und Autor; ferner ist er Kontingentflüchtling a.D. Er landete in der DDR kurz bevor diese dichtmachte, absolvierte einen Schnellkurs in Sachen Deutsch und Integration. Er schrieb die „Russendisko“ und landete damit 2000 einen Bestseller, in dem die verwirrten Deutschen sich selbst betrachten konnten, und in der sie sich auch der Sehnsucht hingeben konnten nach dem Trash und Kitsch der Wendezeit. Heute verfügt Kaminer über ein verzweigtes Geschäftsnetz im Prenzlauer Berg, er ist ein Selfmademan, der sich als solcher vermarktet, und der erfolgreichste Exilrusse seiner Generation.

Natürlich bietet die Migration von Ost nach West noch viele andere Geschichten. Etwas zeitversetzt legen nun die Russinnen nach, und wenn sie nicht nach Deutschland ausgewandert sind, so erreichen uns ihre Texte aus dem Englischen. Marina Lewycka erledigte schon 2006 mit ihrer „Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ das Schicksal der Katalogbräute. Wenn sie Valentina heißen, als „den Fluten entsteigende Venus von Botticelli“ nur eines im Kopf haben (Geld); wenn sie einen 84jährigen Werber in London heiraten, der noch an letzten Sex und schon an die erste Pflegestufe denkt; wenn derselbe gerade an einer kurzen Abhandlung landwirtschaftlicher Großgeräte arbeitet, in denen sich die Tragödie der ukrainische Kollektivierung niederschlägt – nun, dann ist der Ton gesetzt. Knallig geht, abgezockt geht, verdreht geht. Larmoyant geht nicht. Und so bemühen sich auch die jüngsten Töchter des Erfolgs um genau diese Gradwanderung zwischen Farce und Tragödie, nach der die Kassen klingeln (sollten).

Zwei Hoffnungsträgerinnen des Russenromans hat denn auch dieser Bücherherbst hervorgebracht: Die Amerikanerin Anya Ulinich und die Deutsche Alina Bronsky. Zwei Entwicklungsromane mit jungen Protagonistinnen, die ihren Weg trotz aller Widrigkeiten der Migration gehen müssen, und denen daher die Sympathie der Leserin gewiss ist. Anya Ulinich kam nach Amerika als sie 17 Jahre alt war. Ihr Debütroman „Petropolis“ setzt im hintersten Winkel Sibiriens ein: Asbest 2 heißt die Industriestadt, die Stalin dort aus dem Boden stampfte, und die nun langsam von Rost (außen) und Wodka (innen) zerfressen wird. Diese Stadt dient einer Lost Generation als Kulisse, die nur eines im Sinn hat: raus hier. Sasha Goldberg ist das stigmatisierte Kind einer Intellektuellenfamilie, sie ist Jüdin und außerdem farbig. Diese Eigenschaften verkaufen sich im realen Sozialismus schlecht, im postsozialistischen Roman aber umso besser. Sashas ehrgeizige Mutter wünscht eine Karriere für die unbegabte Tochter, und es gelingt ihr, Sasha auf einer Kunstakademie in Moskau unterzubringen. Sasha haut ab, gelangt auf Vermittlung der Agentur „Kupids Korner“ als Mailorderbraut nach Arizona. Bis hier läuft der Roman elegant und temporeich, die Satire ist so beißend wie komisch. Doch dann wird er langsam, sogar brav; ganz so, als habe Anya Ulinich es nicht gewagt, ihrem Gastland Amerika auf die Pelle zu rücken.

Alina Bronsky, 1978 in Jekaterinburg geboren, ist bereits in Deutschland. Dort, in einer Ghettosiedlung spielt auch ihr erster Roman „Scherbenpark“. Auch ihre Protagonistin heißt Sascha. Sie ist siebzehn und hochbegabt, sie will ein Buch schreiben und Vadim, den Mörder ihrer Mutter töten. Auf dem Weg zu Vadim findet sie einen sympathischen Lokalredakteur und dessen halbwüchsigen Sohn; sie steht nun zwischen zwei Männern und zwei Lebensplänen, und alles gleitet ihr aus der Hand wie der Autorin der Plot. Alina Bronsky verzettelt sich zwischen den vielen Ausläufern ihrer Geschichte und hat am Ende erkennbar Mühe, die Fäden zu raffen. Geschrieben ist das Ganze flott und dialogreich, bietet aber auch sprachlich kaum Höhepunkte. Das bemerkenswerteste an diesem Roman ist noch die Begeisterung des Verlags, der ein „außergewöhnliches Debüt“ vermeldet und der mit den Vokabeln „unverlangtes Manuskript“ und „Spitzentitel“ nachlegt. Bronskys Debüt wurde hierzulande wohlwollend, aber ohne die anvisierte Euphorie aufgenommen. Die Russinnen sind da, doch hätten ihre Bücher noch etwas Zeit gebraucht.

 

Handelsblatt, 2008