Burnside, John

John Burnside | Lügen über meinen Vater

 

Der Vater, um den es hier geht, war ein Findelkind. Er wurde auf einer Türschwelle abgelegt und als ungeliebtes Adoptivkind großgezogen. Der Sohn, um den es hier geht, hört diese Geschichte zum ersten Mal als erwachsener Mann. Er ist verblüfft, es ist eine biographische Verblüffung, doch hätte es auch eine poetische sein können. Das Findelkind mit all seinem assoziativen Hinterhof, der Wechselbalg also, scheint wie geschaffen als Ursprungsmetapher für einen Autor wie John Burnside. John Burnside ist Romancier, gewiss, doch länger schon und dringlicher ist er Lyriker. In all seinen Werken findet man anthropomorphe Wesen, Tiermenschen, Gestaltwandler der dunkleren und dunkelsten Spielart. Auch in seinem nun übersetzten Buch „Lügen über meinen Vater“ taucht ein solches Wesen auf. Es hat zwei Beine, nicht zwei Füße, es fällt mit „harten, blitzenden Krallen“, es wirft gespenstische Schatten, „Vogelkonturen“, es löst nicht nur Angst aus, sondern urzeitliches Entsetzen. Eine Spielart des Teufels also, der schon in seinem Roman „Die Spur des Teufels“ Spuren im Schnee hinterlassen hat. Und der eben jenes Entsetzen auslöst, das ein Psychopath in einem seiner früheren Romane auslöst, der mit dubiosen Experimenten den Sitz der kindlichen Seele ermitteln will.

Als Romanautor bevorzugt der 56jährige schottische Autor John Burnside jene Stoffe, die den dunklen Kammern des menschlichen Bewusstseins entspringen. Als Lyriker ist er einer der wenigen Gegenwartsautoren, die sich in einem von der katholischen Mystik inspirierten Bildkosmos bewegen. Sein poetischer Zugriff macht seine Romane lesenswert, und in beiden Genres kreist er um Schuld und Vergebung, um Transzendenz. Vor diesem Hintergrund ist sein nun in deutscher Übersetzung erschienenes, stark autobiographisches Buch „Lügen über meinen Vater“ ein Schlüsseltext, er gibt Auskunft über den Ursprung der dunklen Themen und Bildwelten dieses bemerkenswerten Autors.

Erst in nachgeordneter Folge liefert der Text den genretypisch zu erwartenden Akt der Selbstbestätigung: Es gibt ein „Ich“, und dieses Ich hat diesen einen Vater überlebt.

Der Vater, ein Hilfsarbeiter, war Alkoholiker. Gewalttätig eher am manipulativen Rand des Spektrums; verschlagen, grausam, sentimental. Unter seiner Knute wachsen zwei vernachlässigte Kinder auf. Die Armut ist roh, die Topographie wirkt trostlos. Es gibt zersiedelte Industriestädte, Cowdenbeath, die Bergarbeiterstadt in Schottland und die Stahlstadt Corby in Northhamptonshire. Es gibt die Brache, das Fertighaus, den Schrott. Die Mutter stirbt zu jung an Krebs, zwei Kinder kommen nicht zur Welt, sie sind die imaginären Gefährten jenes Jungen, dessen Jugendzeit hier erzählt wird.

Der Text folgt dem heranwachsenden Erzähler bis zum Tod des Vaters, doch damit hat es sich auch schon. Er ist weder Adoleszenzroman noch vergleichbar mit dem herkömmlichen Stück Väterliteratur. Erinnerung ist nicht John Burnsides Anliegen, eher erforscht er sein eigenes Bewusstsein, dessen Ursprung und Entgrenzung. Und er fragt danach, wie all das mit dem Vater zusammenhängt. Das fallende, scharrende Krallenwesen hat er zuerst in den Augen des Vaters gesehen – und er glaubt, „dass nun ein kleines Stückchen verpesteter, furchtsamer Schwärze aus meinem Leben verschwunden war.“

Man kann nur mutmaßen, ob das sich so bewahrheiten wird. Hass ist ein starker Kitt, und es spricht viel Hass aus diesen Zeilen. Auch endet John Burnsides Erzählung in den frühen Erwachsenenjahren. Sie ist in England als „memoir“ bereits vor fünf Jahren erschienen, wurde in Deutschland sorgsam erst nach seinem Durchbruch als Romanautor lanciert. Eine Fortsetzung in englischer Sprache liegt soeben vor. „Waking up in Toy Town“ lässt den Erzähler in der Anderwelt der Vorstädte Zuflucht suchen. Er sucht die Banalität, um den Geistern der Vergangenheit zu entkommen, namentlich seinen frühen Drogenexzessen, die mehrfach in geschlossenen Anstalten endeten.

In den Siebziger Jahren hat der Junge, der John Burnside war, fast alles konsumiert, was so ging: Barbiturate, Alkohol, Tollkirsche, Speed, LSD; einzig von Heroin ist nicht die Rede.

Diese Trips liefern die vitalsten, die brillantesten Passagen seines Buchs. John Burnside nähert sich dem Sujet mit kühler Ironie, auch mit Komik. Über einen Gefährten, der den Rausch nicht überleben sollte, schreibt er etwa: „Er besaß das Gespür eines Jesuiten für die Schönheit eines Arguments.“ Auf sich selbst bezogen argumentiert er, der Rausch, sei negative Transzendenz gewesen, ein Akt der Erlösung – eine Betrachtung, die man getrost als rückwärtsgewandtes Konstrukt lesen kann. Normalerweise kommt die Wahrheit in bescheideneren Kleidern daher. Der Rausch als Nachfolge des Vaters, der Rausch als Lebenselixier, als Antwort auf eine Kindheit voller Stillstand und Tod, all das wäre möglich. In einem Interview hat sich der Autor entsprechend geäußert, mit Verweis auf den großen Pädagogen Bruno Bettelheim festgestellt, dass Magie in der Kindheit lebenswichtig sei. Fehle sie, werde sie nachgeholt, notfalls mit Drogen.

Als Erzähler seiner eigenen Geschichte aber ignoriert John Burnside solche Zusammenhänge. Er sucht nicht die biographische, sondern die metaphyische Reflexion. „Vaterschaft ist eine Geschichte“, schreibt er, „eine Geschichte, die nicht nur Anderen erzählt, sondern die auch von anderen erzählt wird.“ Und das ist hier in einem kühnen Wurf gelungen.

Tanya Lieske, 2011