Byatt, Antonia S.

Wer seit Antonia S. Byatts Riesenerfolg „Besessen“ nach Lesestoff hungert, darf Hoffnung schöpfen: Sie habe „ein sehr dickes Buch mit vielen Personen“ geschrieben, verkündet die britische Autorin. Das klingt unbescheiden, ist aber eine rein quantitative Beschreibung und als solche korrekt: 618 Seiten Roman bringt „Babel Tower“ auf die Waage, drei Haupt- und mehrere Nebenplots, und als geistiges Panorama die sechziger Jahre – eine Epoche, der es weder an Statisten noch an Massenszenen mangelte.

Über die Qualität ihres neuen Romanes sagt A.S.Byatt nichts. Es erübrigt sich, schließlich wird sie seit dem „Posession“ im Königreich mit Preisen und Superlativen überschüttet. Auch für „Babel Tower“ gilt: Vielstimmiger Jubel aus ungezählten britischen Kritiker-kehlen.

Das war nicht immer so. Der Ruhm kam spät für die heute sechzigjährige Autorin. Sie debütierte mit 28 Jahren, doch wurden die Romane ihrer frühen und mittleren Lebensjahre als zu akademisch, ergraut und düster abgetan. A.S. Byatt wurde, das wurmte sie besonders, mit ihrer jüngeren Schwester Margaret Drabble verglichen, die ebenfalls Schriftstellerin ist. Eine von Konkurrenz geprägte Geschwister-Beziehung war der Gegenstand von Byatts frühem Roman „The Game“ (1967), das Thema durchzieht ihr Werk bis heute.

Private Schicksalsschläge kamen hinzu. Eine Ehescheidung und der Tod ihres elfjährigen Sohnes Charles Anfang der siebziger Jahre zwangen A.S.Byatt eine fast zehnjährige Kunstpause auf. Seither arbeitet sie in Dekaden: „Ich brauche immer zehn Jahre, um Einfall in eine Geschichte zu verwandeln“. 1978 veröffentlichte sie mit „The Virgin in the Garden“ den ersten Teil einer vierbändigen Romangeschichte ihrer Zeit. 1983 fogte „Still Life“. Mit „Babel Tower“ ist A.S.Byatt in den Sechziger Jahren angelangt: „Es wurde, was nie beabsichtigt war, ein historischer Roman“.

In „Babel Tower“ begegnet man Frederica Potter, einer Figur aus „The Virgin in the Garden“ wieder. Frederica ist nun eine erwachsene Frau die, der Ehe mit dem Geschäftsmann Hugh Reiver zuliebe, ihre Universiätslaufbahn abbricht. Weil Nigel sich als zunehmend gewalttätiger Ehemann entpuppt, flieht aus der Ehe. Sie wird sich in einem unappetitlichen Gerichtsverfahren wiederfinden, in dem sie um ihren Sohn Leo kämpft.

Auch ein zweiter Handlungsstrang des dicht geflochtenen Romans steuert auf den Gerichtssaal zu: Mit ihrer Hilfe veröffentlicht Fredericas Freund Jude Mason einen Roman mit dem Titel „Babbletower“. Die Geschichte einer intellektuellen Gemeinschaft aus dem 18. Jahrhundert mit semiporno-graphischen und sadistischen Praktiken, zieht das Interesse einer Regierungskomission auf sich. Sie will das Buch, dessen Kapitel Bestandteil des Romanes „Bable Tower“ sind, auf den Zensus setzen. Byatt interessierte sich für Gerichtsverhandlungen als Prototyp der Dekade: „Ich wollte zeigen, wie die Privat- und Intimsphäre durch den juristischen Fachjargon verletzt wird“, erklärt sie. Doch Byatt wahrt, mit dem Sicherheitsabstand der Neunziger, Distanz zu ihrem Thema: „Man denkt immer nur an die Beatles. Aber die sechziger Jahre, das war auch die Zeit der Bomben, Massenmorde und der Verherr-lichung von Maquis de Sade. Das habe ich selbst damals nicht sehen wollen“.

Wie schon in „Besessen“, so beeindruckt A.S. Byatt auch diesmal durch einen holographischen Blick auf das beschriebene Jahrhundert. Mit leichter Feder belebt sie den Konflikt von Freiheit und Identität, die Zeit der Doktrinen und ihres Mißbrauchs. Sie erzählt von Psychodelikern, Molekularbiologen und dem genetischen Code eines Schneckenhauses. Dabei erfüllt Byatt einen Grundappell der Dekade, nämlich daß sich Gesellschaft und Privates, Theorie und Emotion durchdringen mögen. Sie erweckt die Sechziger Jahre schreibend, nicht nur beschreibend zum Leben. Mit ebensoviel Kunstverstand durfte zuvor in „Besessen“ die verhöhnte Epoche der Viktorianer reüssieren. Den viktorianischen Dichtern udn Romanciers fühlt sich Byatt von fühester Kindheit an verbunden, sie wuchs in einem Haushalt auf, dessen Regale mit Tennyson und Browning und Eliot vollgestopft waren. Sie wäre gerne als viktorianischer Polyhistor zur Welt gekommen, hat sei einmal gesagt. Diesem Ziel ist Antonia S. Byatt verdammt nah.

 

Die Welt, 2007