Carley, Jacalyn

Carley, Jacalyn | Was sagt das linke Knie zum rechten

Die Erzählerin dieses Romans ist in einer Kuckucksuhr gefangen, in einem echten Handwerksstück aus Sachsen. Sie heißt Anita und wurde kaum Zwanzigjährig in den späten Siebziger Jahren bei einem Manöver der Sowjetarmee in Brandenburg getötet. Anitas Geist weigerte sich, den vorgesehenen himmlischen Weg zu gehen. Erstens störte sie die Aufforderung, doch „bitte einzeln“ beim Gottvater einzutreten. Außerdem ließ sie auf Erden ihren Mann Thomas und die zweijährige Conny zurück. Seit fast zwanzig Jahren wacht Anita in der Gestalt eines Kuckucks über Mann und Tochter, eine Berufung, die durch den erzwungenen Viertelstundentakt ihres Erscheinens vor dem Uhrhäuschen stark erschwert wird.

Soweit und so skurril ist die Ausgangslage von Jacalyn Carleys Debütroman „Was sagt das linke Knie zum rechten“. Carley beweist einmal mehr, daß sich der Spagat zwischen Ost und West besser meistern läßt, wenn man von außen hinzu kommt. Carley ist gebürtige Amerikanerin, sie kam 1976 als Choreographin für verschiedene Tanztheater nach Berlin, seit der Wende lebt sie auch in Brandenburg. Ihr Roman spielt in Berlin und in einem brandenburgischen Nest namens „Monksdorf“. Den Typen, die in der Mark und in der Hauptstadt auftreten, darf man an dieser Stelle ein Echtheitszertifikat ausstellen. Der pubertierende Dörfler „Che Andre“, der auch nach 1989 noch von der Revolution träumt, ist jedenfalls genauso gelungen wie der schnieke, schwule Wessifriseur Raimond. Gut plaziert sind auch die Helden der neueren Zeitgeschichte Ost und West von Tamara Bunke bis zu Sabine Christiansen. In der Liebe zur Kuckucksuhr war das Volk seit je vereinigt, und die Autorin karrt genau so viel Folklore herbei, wie machbar war, ohne daß ihre Leser zu schunkeln beginnen. Im einen Deutschland hält man sich mit Pilzesammeln und privat-wirtschaftlicher Karnickelzucht über Wasser. Gefeiert wird im Vierteljahrestakt im „Goldenen Hirschen“, einer Gaststätte, die Thomas und Conny als Wiedergutmachung für den Mord an Anita übereignet wurde. Im anderen Deutschland wohnt man in weißen Zimmern ohne Möbel, man pierct sich den Bauchnabel, toupiert sich die Haare und besucht am Abend das Ballett oder die Oper.

Hinter dieser Kulisse brodelt eine Geschichte von Sex und Crime, ein Familiendrama, das sentimental geraten könnte, würde es nicht gerade aus der Warte eines Kuckucks betrachtet. Zu Beginn des Romans schreibt man das Jahr 1996, Anita plaudert mit ihrem Nachbarn, dem Kuckuck Andre. Man erfährt, daß Conny verschwunden ist, und daß sie schon seit Jahren im Rollstuhl sitzt. Von einem Fiseurtermin in Berlin Steglitz ist sie nicht nach Monksdorf zurückgekehrt. Verschie-dene Dorfbewohner betreten die Schankstube und diskutieren das Für und Wider eines Suchtrupps, der Conny aufspüren soll.

In einer Rückblende, jetzt spricht Andre, wird Connys jüngere Vergangenheit aufgerollt. Andre gehörte zu einer Viererbande von Jugendlichen, die Conny im Alter von vierzehn Jahren vergewaltigt hatten – eine Tat, die ermöglicht wurde, weil Conny sich auf den diversen Dorffesten bis zur Bewußtlosigkeit betrank. Das Mädchen wurde schwanger und das Dorf begann zu reden: Thomas sei der Vater des ungeborenen Kindes. Vater und Tochter traten eine Reise

Nach Berlin an, unterwegs eröffnet der Vater der Tochter, daß er das Kind zur Adoption freigeben will. Die verzweifelte Conny greift in das Steuer des Wagens und verursacht einen Autounfall, den sie querschnittsgelähmt überlebt.

Nach diesem Geständnis ist Anita davon überzeugt, daß Conny nach Berlin geflohen ist um dort ihr unbekanntes Kind zu suchen. Die Kuckucksmama (sie heißt ganz richtig „Mutti“, der Übersetzerin Getraude Krueger sei es gedankt) beschließt nun ihrerseits, Conny zu suchen. Wie eine Kuckucksuhr von Monksdorf nach Berlin kommt, das ist nun wieder eine Geschichte für sich, die Jacalyn Carley viel besser erzählt. Ganz ohne den Willen des Lesers, der Wahrscheinlichkeit hinterherzuwinken und Sinn-sprüngen ihre Logik zu belassen, läuft in diesem Roman nichts. Doch wer wollte schon so penibel sein, akkurate Erzähler gibt es anderswo – Kuckuck!

 

Die Welt, 2001