Cohen, Rich

Cohen, Rich | Nachtmarsch

 

Nicht viele jüdische Amerikaner bekamen nach dem Zweiten Weltkrieg noch Nachricht von Angehörigen aus Europa. Anders die Familie des jungen Schriftstellers Rich Cohen. In den fünfziger Jahren erfuhren die Cohens, dass ihre Verwandte Ruzka Korczak den Holocaust überlebt hatte, und zwar als Partisanenkämpferin.

 

Meine Großmutter Esther, die erst vor kurzem gestorben ist, stammt aus Bialsk in Polen. Mit 16 ging sie zu ihren Verwandten nach New York. Ihre Familie sollte nachkommen, aber dann wurde das Geld knapp und dann kamen der Weltkrieg und der Holocaust. Es war, als hätte eine große Welle alles verschluckt und meine Großmutter dachte, alle wären tot. Und dann, in den fünfziger Jahren, bekam sie einen Brief von einer Frau aus ihrem Heimatort namens Sarah Goldfern. Sie schrieb aus Israel und sagte, erinnern Sie sich noch an ihre Nichte, ihre Nichte Ruzka lebt, sie hat den Krieg überlebt als Partisanenkämpferin in den Wäldern. Danach fuhr meine Großmutter Jahr für Jahr nach Israel um Ruzka und ihre Freunde zu treffen. Die Leute aus Ruzkas Kibbutz waren alle Partisanen gewesen, ihr Anführer war Abba Kovner, der später in Israel als Lyriker und Widerstandskämpfer berühmt geworden war.

 

Schon als Kind hörte Rich Cohen die Geschichte des Zweiten Weltkriegs so, wie Ruzka Korczak und ihre Freunde ihn erlebt hatten, dazu gehörten der Widerstandskämpfer Abba Kovner und dessen Frau Vitka. Rich Cohens neues Buch „Nachtmarsch“ handelt auch von der langen Freundschaft dieser drei Menschen, von denen nur noch Vitka Kempner lebt. Als die beiden Flüchtlingsmädchen Vitka Kempner und Ruzka Korczak sich 1939 in Wilna kennenlernen, sind sie noch keine 20 Jahre alt. Sie haben ihre Familien verlassen, um sich der zionistischen Jugendorganisation „Junge Garde“ anzuschließen.

 

Sie waren jung und unbedarft, sie dachten, der Krieg wäre bald wieder zu Ende und sie könnten nach Hause zu ihrer Familie gehen. Als diese beiden jungen Frauen sich dann in Wilna kennen lernten, waren sie schon ohne Familie, das war einerseits furchtbar, gab ihnen aber viel Kraft. Als die Deutschen dann nach Wilna kamen, waren die beiden Mädchen unabhängig, sie konnten tun, was sie wollten. Vitka erzählte mir, dass jemand kam und sagte, du hast 20 Minuten um deine Sachen zu packen und ins Ghetto zu gehen und Vitka sagte, ich bin schon fertig, ich besitze nichts. Die beiden Frauen hatten nichts außer sich selbst, und dann trafen sie Abba, und Abba verließ seine Familie, die starb, und die drei gingen zusammen in die Wälder.

 

Abba Kovner, der Anführer der „Jungen Garde“, Ruzka und Vitka sind schon bald unzertrennlich, sie bilden den Kern einer Gruppe von Widerstandskämpfern. Vitka arbeitet als Botschafterin, sie schmuggelt Abbas Nachrichten aus dem Ghetto. Ruzka ist für die Rekrutierung neuer Mitglieder der „Jungen Garde“ zuständig. Diese werden auch dringend gebraucht, denn Kovner plant einen Aufstand im Ghetto. Anders als der Warschauer Aufstand, scheitert dieser schon im Anfang. Trotzdem bleibt Abba bei seiner Parole: „Geht nicht wie die Schafe zur Schlachtbank“. Mit diesem Satz ist Kovner später in Israel berühmt geworden. Aber er schuf sich auch viele Feinde, denn seine Vita scheint ein Sinnbild dafür, dass der Widerstand gegen den Holocaust wenigstens denkbar war.

 

Ich habe auch einen Mann interviewt, einen Überlebenden des Holocaust, er war ein deutscher Jude, er hatte nur kurz zu Abba Kovners Leuten gehört. Der Mann fragte mich, ob ich jemals Abba Kovner getroffen hätte, und ich sagte ja. Er wusste nicht, wie nahe ich Abba Kovner stand, und er sagte, wissen Sie, diese Juden aus dem Osten, das waren ganz brutale Leute.

 

Im Herbst 1943, kurz bevor die letzten Ghettobewohner abgeführt werden, fliehen Kovner und seine Freunde durch die Kanalisation. In den Wäldern um Wilna überstehen sie zwei Winter. Kovner kommandiert eine Truppe von jüdischen Partisanen, die den Kampf gegen die Deutschen weiterführen. Sie sprengen, oft mit Erfolg, deutsche Transport- und Personenzüge. Als Wilna von den russischen Truppen befreit wird, ist der Kampf für Kovner noch nicht zu Ende. Er sinnt auf Rache an den Deutschen, so wie es im Alten Testament steht, Aug’ um Auge, Zahn um Zahn. Kovner schlägt sich durch nach Palästina und gelangt dort auf Vermittlung des späteren Staatspräsidenten Chaim Weizmann in den Besitz von zwei Kanistern Gift. Kovner will nichts Geringeres als das Volk der Täter vergiften, das Trinkwasser von fünf deutschen Großstädten, von Hamburg, Berlin, Weimar, Nürnberg und München verseuchen. Doch sein Plan wird verraten, man hindert Kovner an der Ausreise aus Palästina. Er schickt eine Nachricht an Vitka, „weiter mit Plan B.“

 

 

Der zweite Plan bestand darin, das Brot in einem Gefangenenlager zu vergiften, in dem die westlichen Alliierten Kriegsverbrecher gefangen hielten. Alle Insassen dieses Lagers waren bei der SS gewesen. Und das war auch der Plan, den Abba Chaim Weizmann vorgetragen hatte, dafür hatte er das Gift bekommen. Also vergifteten seine Leute das Brot und einige SS-Leute erkrankten schwer und vielleicht starben auch einige. Es lief nicht alles so, wie geplant. Und dann geschah etwas mit Abba und Ruzka und Vitka, ihr Verständnis von Rache veränderte sich. Sie erkannten, dass ein Massenmord der falsche Weg war, und sie dachten, dass es auch eine Form von Rache sei, den Staat Israel zu erschaffen und in den Gründungskriegen zu kämpfen.

 

 

Die Männer und Frauen, die an dem Gift-Plan beteiligt waren, nannten sich „Die Rächer“, auf Englisch: „The Avengers“. Einer von ihnen leben übrigens noch, es handelt sich um den Mann, der auf Kovners Geheiß das Brot in einer Bäckerei von Nürnberg mit Arsen bestrich, ein Anschlag, der Tausende SS-Männer ins Lazarett brachte. Der Rächer lebt heute in Israel und beabsichtigte nicht, jemals wieder ihren Fuß auf deutschen Boden zu setzen. Trotzdem ermittelt die Staatsanwaltschaft von Nürnberg gegen ihn, das ist so eine der merkwürdigen Fußnoten der Weltgeschichte. Was Rich Cohen betrifft, er legt Wert auf den symbolischen Gehalt der Giftaktion. Cohen schreibt:

 

Abba ging es nie wirklich darum, Leichen zu hinterlassen, er wollte eine Geschichte hinterlassen. Seine Aktion galt der Zukunft, der künftigen Generation und der Generation nach ihr. Nach einem Krieg, in dem man Juden erniedrigte, aushungerte, zu Millionen in Tötungsfabriken umbrachte, kämpfte diese zerlumpte Gruppe, angeführt von einem Fanatiker namens Kovner, unermüdlich weiter. Ihre bloße Existenz war ihr Triumph. Sie hat der Nachwelt vor allem die Legende ihres Kampfes hinterlassen, damit diese im Rückblick sagen kann: Hier hat ein Kampf stattgefunden.

 

„Nachtmarsch“ ist für Cohen mehr als ein Stück privater Geschichtsschreibung. Vitka Kempner, Ruzka Korczak und Abba Kovner sind ebenso sehr reale Personen wie auch Symbolfiguren, und als solche stehen sie für eine neue Sichtweise der jüdischen Geschichte. Cohen schreibt, um den Titel seines ersten Buches zu zitieren, über „Tough Jews“, über starke Juden, über Juden, die aus der Opferrolle ihres Volkes ausbrechen. Man darf vermuten, dass Rich Cohen hier als Angehöriger seiner Generation spricht: Cohen ist Jahrgang 1968 und damit genau so alt, wie die Enkel der Opfer in Israel, und die Enkel der Täter in Deutschland. Doch anders als für seine Altersgenossen in Deutschland oder Israel ist der Holocaust für Cohen eine ferne Angelegenheit: Wenn er sich seinen Platz im Zweiten Weltkrieg vorstelle, sagt Cohen, dann lande er immer mit den Amerikanern in der Normandie. „Nachtmarsch“ zeugt denn auch von Cohens Wunsch, am Rad der Geschichte zu drehen. Als Ich-Erzähler ergreift der Autor Partei, er kommentiert die Ereignisse und schlägt sich auf die Seite der Widerstandskämpfer. Leider ist dies nicht immer zum Vorteil seiner Niederschrift, im Eifer des Gefechts gerät manches zum Klischee, da glänzen die Stiefel der SS, es leuchten die Augen der Partisanen. Trotz einiger handwerklicher Mängel bleibt die Tatsache, dass „Nachtmarsch“ eine so außergewöhnliche wie wahre Geschichte erzählt. Dem Chronisten Rich Cohen gebührt Dank, dass er sie erstens gefunden und zweitens festgehalten hat.

 

Deutschlandfunk, 2000