De Leeuw, Jan

Jan de Leeuw | Roter Schnee auf Thorsteinhalla

 

Drei Mal färbt sich der Schnee auf Thorsteinhalla rot. Schon beim ersten Mal schwört das Mädchen Hallgerd Rache. Der Hof ihres Vaters, ihr rechtmäßiges Erbe und ihre Heimat, wird zerstört in einem Angriff des Wikingers Asmund. Er hat die Männer und Frauen des Hofs hingemetzelt, das Vieh abgestochen, Feuer gelegt. Asmund ist ein Jarl, ein Fürst des Nordens, sesshaft im Prinzip, aber auch plündernd, weil es das ist, was die Götter von einem Mann erwarten. Nach Thorsteinhalla war er hinterrücks im Schutz der Nacht gekommen, zusätzlich verkleidet mit Masken und Fellen, mit Klauen und Geweihen, so dass Hallgerd, die den schwankenden Zug gesehen hat, zunächst glaubte, es seien keine Menschen, sondern das Nachtvolk, das sich dem Hof des Vaters näherte.

Das ist der furiose Auftakt eines Romans, der die Wikingerzeit vor den Augen der Leser entstehen lässt. Der niederländische Autor Jan de Leeuw zeigt, wie die Menschen dieser Zeit, die gute 1000 Jahre zurück liegt, lebten. Ihr Handwerk, ihr Schmuck, ihre Rituale, ihre Opfergaben an die Götter; auch ihre Händel wie Raubzüge in das ferne Irland und machtpolitische Ränke, die ein schwacher König mit aggressiven Fürsten auszufechten hat, all das liegt dem Text zugrunde. Allerdings spielt sich dieser beeindruckende Wissensfundus nicht in den Vordergrund, er bildet eher die Kulisse für eine Bühne, auf der sich Außerordentliches zuträgt. Auf dieser Bühne lebt, gebannt in eine Erzählung von Verlust und Vergeltung, die Zeit der Wikinger als mythologische Landschaft wieder auf. Die Menschen, die hier handeln, bewegen sich noch in einer eigenen, inneren Zeit. Prophezeiungen haben eine Bedeutung und werden wahr, nicht weil Menschen an sie glauben, sondern weil sie gelten. Herkunft und Geschlecht sind bindend, Träume sind Vorausdeutungen, Zeichen und Symbole so wirksam wie ein Fluch: Der Wolfskopf, mit dem der Jarl Asmund nach Thorsteinhalla zieht, um es zu vernichten, wird ihm selbst am Ende des Romans zum Verhängnis werden.

Man ist in Versuchung, von einer Traumzeit zu sprechen, und tatsächlich: Jan de Leeuw organisiert seinen Roman in sieben Bildern, die er jeweils „Traum“ nennt, und er rückt jeweils eine andere Figur in die Mitte seiner Bühne. Hallgerd träumt den ersten Traum, ihr Mann Magnus den zweiten, ihre Schwiegermutter Gudrun den dritten, ihr Sklavin den vierten, es folgen ein weiterer Sklave, der Jarl Asmund und sein Sohn Ottar. Während sich die Erzählung also von Hallgerd, dem Opfer, zu Asmund, dem Täter bewegt, wird deutlich, dass all diese Figuren sich in der gleichen, noch von einem magischen Denken geprägten Lebenswirklichkeit bewegen. Ihre Positionen sind, da auf Rache Vergeltung folgt, letztlich austauschbar. Es obliegt der Schwiegermutter Hallgerds, dies zu formulieren, allerdings noch nicht als ethisches oder gar christliches Gebot, sondern eher als beiläufige Einsicht einer alternden Frau, die zu viel verloren hat, was in ihrem Leben zählte: „Rache ist ein Wolf mit unstillbarem Hunger, Hallgerd, wie viele Leichen auch in seinem Rachen verschwinden. Würde ich mit Asmunds Tod zufrieden sein? Eine Weile. Aber bekäme ich dadurch meinen Mann zurück?“
Die Sprache der Figuren ist einfach und poetisch, und in den Bildern, die entstehen, liegt die große Suggestionskraft dieses Romans. Der zieht seine Leser so in Bann, dass man, ungeachtet des eigenen, besseren, quasi nachzeitlichen Wissens, Hallgerds Rache trotzdem herbeisehnt. Denn Asmund hat ihren väterlichen Hof nicht nur einmal, sondern sogar zwei Mal zerstört. Die Rache aber, das sagt ein Sprichwort, ist ein Gericht, das am besten kalt genossen wird. Und kalt ist Hallgerd, so sehr wie sie kühn ist und stolz und schön und mutig und beherrscht. Man listet all das gerne auf, denn die Figur ist trotzdem stimmig; gerade in ihrem Übermaß von allem liegt ihre eigentliche Schwäche. Wer nicht verlieren kann, kann auch nicht gewinnen, höchstens untergehen. Übrigens enthält sich dieser wirklich bemerkenswerte Roman jeder neuzeitlichen Kolorierung dieser Figur. Hallgerd ist also nicht emanzipiert, sondern einfach nur besessen – so besessen wie ihr Gegner Asmund.

Als sie sich dann endlich Aug’ in Aug’ gegenüberstehen, ganz am Ende des Romans, da ist aber noch etwas geschehen, was man nicht berücksichtigt hat, etwas, das so folgerichtig und unerbittlich ist wie die Wirklichkeit. Halt, möchte man rufen, aber natürlich ist es schon zu spät. Hallgerd ist nun eine erwachsene Frau, sie steht wieder in Thorsteinhalla, und sie hat schon angesetzt zum Todesstoß. Das ist grandios. Und all jenen zu empfehlen, die einen wirklich gelungenen historischen Roman suchen.

 

Tanya Lieske, 2011