Deane, Seamus

Deane, Seamus | Im Dunkeln Lesen

Diese Ehe rankte sich um ein Geschwür aus Schweigen. Seamus Deane hat die Geschichte seiner Eltern nach deren Tod aufgeschrieben. Für den im nordirischen Derry gebürtigen Deane war das ein doppeltes Coming-Out: Als Literaturprofessor in den USA, als Kritiker und Dichter kannte man den Deane, nicht aber als Romancier. Nun lüftet er, mit seinem ersten Roman „Im Dunkeln Lesen“, das Geheimnis seiner Familie, über das er vier Jahrzehnte lang geschwiegen hat.

Deane hat sich zum autobiographischen Charakter sei-nes Debuts bekannt. Dabei zeugt die Form der Ich-Erzählung in schlaglichtartig erleuchteten Se-quenzen vom Formwillen eines Autors, der mit allen literarischen Wassern gewaschen ist. Die Geschichte spielt zwischen 1921 und 1971. Dies ist die Zeitspanne von der Teilung Irlands bis zum Ausbruch der „Troubles“: Deane will auch Chronist der jüngeren Geschichte seines Landes sein.

Am Anfang stehen zwei Morde. Eddie, der Onkel des kindlichen Ich-Erzählers gilt als verschwunden. Durch Zufall erfährt der Junge, daß der IRA-Kämpfer 1922 von Kameraden als Denunziant hingerichtet wurde. Auch der Vater des Erzählers glaubt, daß sein Bruder Eddie ein Verräter war. Die Mutter und deren Vater wissen es besser: Der Großvater selbst hat den Befehl zur Exekution gegeben. Vor seinem Tod muß der alte Mann erfahren, daß Eddie unschuldig war. Der wirkliche Verräter hatte einst die Mutter geworben, deren Schwester geschwängert und dann sitzen gelassen. Er war ein Doppelagent der Polizei. Diese hatte sich des Mannes bedient, um Rache an der Familie des Erzählers zu üben: Denn einst, in den Gründerjahren der Republik Süd-irland, hatte der kämpferische Großvater einen Polizisten umge-bracht. Der Kreis der Gewalt hat sich geschlossen.

Aus dem verwinkelten Plot wirkt Deane ein klaustrophobisches Familiendrama. Anders als seine Geschwister ist der Erzähler besessen von dem Drang, die Wahrheit zu erfahren. Er setzt aufgeschnappte Wortfetzen zu einem Bild zusammen, bringt Zeugen zum Reden. Bis er erkennt, daß er als Mitwisser gefangen ist. Der Mutter zuliebe wird er schweigen, denn sie verbirgt die Wahrheit vor dem Vater. Ihr Schweigen treibt die Mutter in den Wahnsinn. Sehr eindrücklich beginnt Deane seinen Roman damit, daß die Mutter auf der Treppe den Geist eines Ver-storbenen sieht.

Überhaupt liefert das, was die Iren die „andere Welt“ nennen, jene Sphäre von Geisterwesen, Mythos, Mär und Fluch, Stoff für eine zweite Ebene der Erzählung. Ganz so, als hätte der Autor dem kruden Realismus entfliehen wollen, den er sich mit dem Genre der Kindheitserinnerung selbst aufer-legte. Deanes Sprache, die den Vorgaben der Lyrik gewachsen ist, meistert beides mit knappem Gestus: Die verhüllende Suggestion wie die nüchterne Offenbarung. Giovanni Bandinis und Ditte Königs Übersetzung ist zu loben; die Beiden übertrugen schon Seamus Heaneys Verse ins Deutsche. Deane war ein Klassenkamerad von Heaney: Anders als sein berühmter Freund hat der Literatur.-wissenschaftler nie einen Hehl aus seiner republikanischen Gesinnung gemacht. Als Herausgeber einer dreibändigen Literatursammlung Irlands geriet er unlängst ins Fadenkreuz der Kritik: Die Anthologie umfaßte auch Werke der Sinn Fein Aktivisten Gerry Adams und Michael Collins. Man ist freudig überrascht, welch nuancenreicher Zugriff auf das Irlands nationales Drama Deane mit „Im Dunkeln Lesen“ gelungen ist.

 

Literarische Welt, 1997