Didion, Joan

Joan Didion: Blaue Stunden

Aus dem Amerikanischen von Antje Rávic Strubel

Ullstein Verlag 208 Seiten geb. 18,00 Euro

Rezension: Tanya Lieske

Redaktion: Angela Gutzeit

 

Infos zur Anmoderation:

Joan Didion, Geb. 1934, ist eine der führenden Autorinnen und Essayistinnen Amerikas. Sie gilt auch als Ikone einer endenden intellektuellen Ära. Zusammen mit Norman Mailer, Tom Wolfe und Truman Capote schrieb sie in den 60er und 70er Jahren in der Stilrichtung des New Journalism, der Literatur und Beobachtung vereint, die subjektive Perspektive stärkt, die Grenzen zwischen öffentlichem und privaten Erleben aufheben wollte. In dieser Tradition stehen Werke wie „Das weiße Album“, eine Bestandsaufnahme der „Paranoia der sechziger Jahre“ in Kalifornien. (Deutsch 1983, KiWi). Didions Trauerbuch „Das Jahr des Magischen Denkens“ (2005/6), in dem sie den Tod ihres Mannes John Gregory Dunne verarbeitete, wurde ein Weltbestseller. Im Erscheinungsjahr dieses Buchs verstarb ihre gemeinsame Tochter Quintana Roo im Alter von 39 Jahren (an einer Gehirnblutung). Nun legt Didion ein weiteres Trauerbuch vor, es heißt „Blaue Stunden“.

 

Autorin:

Das Trauern um einen verstorbenen Menschen ist ein sehr persönlicher Vorgang. Jeder Mensch ist anders, hinterlässt darum eine andere Spur.  Jede Trauer ist verschieden, aber es gibt auch Gesetzmäßigkeiten. Trauer braucht Erinnerung, ist ohne sie nicht möglich; und ihre Dauer hängt wesentlich davon ab, ob der Trauernde bereit ist, sich mit dem Verlust zu versöhnen.

In beiden Punkten hat Joan Didion ein besonders radikales Buch vorgelegt. Es unterscheidet sich von seinem Vorgänger „Das Jahr des Magischen Denkens“ in einer konsequenten Abwehr jeglichen Trostes. Und: es macht die Erinnerung selbst zu dem Stoff, der eine Versöhnung mit dem Geschehenen unmöglich macht.

 

Zitator:

26. Juli 2010

Heute wäre ihr Hochzeitstag gewesen.

Heute vor sieben Jahren nahmen wir die Leis, hawaiianische Blumenketten, aus den Kartons des Floristen und schüttelten das Wasser, in dem sie gelegen hatten, heraus auf das Gras vor der Kathedrale St. John the Divine an der Amsterdam Avenue. Der weiße Pfau fächerte sein Rad auf. Die Orgel spielte . Sie flocht weiße Stephanotis in den dicken Zopf, der über ihren Rücken fiel. … . Es gab Sandwiches mit Gurke und Brunnenkresse, eine pfirsichfarbene Torte von Payard, roséfarbenen Champagner.

Ihre Wünsche, alles.

Sentimentale Wünsche, Dinge, an die sie sich erinnerte.

Ich erinnerte mich auch daran. (S. 9f)

 Autorin

Die Brunnenkresse, der Champagner, die weiße Stephanotis, all diese sorgsam gesetzten Substantive führen wie Türen in die Vergangenheit. An Orte und zu Ereignissen, die der Autorin und ihrer verstorbenen Tochter wichtig waren. Dies geschieht in einer Montagetechnik, die an den amerikanischen New Journalism erinnert. Joan Didion arbeitet mit Zitaten, Gedichten, Fotos, Erinnerungsfetzen, Stimmen. Wie ein Mosaik entsteht so das Bild einer mondänen Kleinfamilie, die sich in den sechziger und siebziger Jahren zwischen Los Angeles, New York und Europa bewegt. Die Eltern sind Romanschriftsteller und Drehbuchautoren; berühmte Schauspieler und Kameraleute säumen die Kindheit des Mädchens Quintana Roo, die nach einem damals noch menschenleeren Landstrich in Mexiko benannt wurde.

 

Zitator

Bevor sie geboren wurde, hatten wir eine Reise nach Saigon eingeplant. Am Ende fand diese Reise nicht statt, obwohl wir sie keineswegs aus dem Grund stornierten, der als der offensichtlichste erschienen sein mochte – wir stornierten, weil John, wie sich herausstellte, das Buch über Cesar Chaves (…) fertigstellen musste, für das er unter Vertrag stand -, und  ich erwähne Saigon überhaupt nur, um das Ausmaß meiner falschen Vorstellungen davon anzudeuten, was es tatsächlich beinhaltete, ein Kind zu haben, ganz zu schweigen davon, eines zu adoptieren. (S. 79f)

 

Autorin

Man ist schon Joan Didion schon eine ganze Weile gefolgt, bevor man als Leser überrascht wird von ihrer lakonischen Mitteilung, dass Quintana Roo ein Adoptivkind war. Aus der universellen Trauer einer Mutter um ihre Tochter  – ein Topos der Literatur seit Demeter ihre Tochter Persephone an den Hades verlor – wird nun ein sehr persönliches Drama. Seine individuelle Dynamik verdankt es der Angst. Angst vor Verlust, Angst vor Schuld, Angst vor der dem vermeintlichen Versagen als Mutter. In diese Auseinandersetzung bezieht Didion ihre Leser mit ein, indem sie sie auch direkt anspricht. So entsteht fast greifbar vor unseren Augen das Bild eines außerordentlich starken Kindes, das eben jene Ängste der Mutter spürt – und sich ihnen stellt.

 

Zitator:

Eine ihrer beständigen Ängste, erfuhr ich viel später, bestand darin, dass John sterben würde und niemand außer ihr mehr da wäre, der sich um mich kümmern könnte.

Wie hatte sie auch nur denken können, dass ich mich nicht um sie kümmern würde?

Das hatte ich mich gewöhnlich gefragt.

Jetzt frage ich das Gegenteil:
Wie hätte sie auch denken sollen, dass ich mich um sie kümmern könnte? (S. 113)

 

 

 

 

 

 

Autorin:

Joan Didion bewährt sich auch hier als Meisterin des hohen literarischen Tons, gelegentlicher Sarkasmus inklusive, etwa wenn sie über Ärzte schreibt. Vor allem aber gelingt es ihr, schreibend den Prozess des Erinnerns zu imitieren, und alles, was dieser Prozess an Assoziationen und Verdrängungen mit sich führt. In einer weiteren Bewegung wird die Erinnerung selbst zum Gegenstand des Schreibens. Diese Bewegung führt in die dunklen Randzonen der Selbstvergewisserung. Das Ich, das hier spricht und schreibt, das literarische alter ego Joan Didions, will sich nämlich nicht mehr erinnern.

 

Zitator:

„Du hast deine wunderbaren Erinnerungen“, sagte man mir später, als wären Erinnerungen ein Trost. Sie sind es nicht. Erinnerungen stehen der Definition nach für vergangene Zeiten, für verschwundene Dinge. …

Erinnerungen sind das, woran man sich nicht länger erinnern möchte. (S. 73)

 

Autorin

Diese Verweigerung führt zum tieferen Thema dieses Buches „Blaue Stunden.“ Es geht um die eigene Endlichkeit. Joan Didion kann dem Prozess des Alterns und dem bevorstehenden Tod nichts Versöhnliches abgewinnen. Ihre Wut über die eigene Vergänglichkeit gibt diesem Text seine vibrierende Energie. Didion ist schonungslos, sehr ehrlich, und sie entlässt ihre Leser mit dem beklemmenden Gefühl, selbst in einen Abgrund geblickt zu haben.

Ihr Buch hat aber auch eine zarte Seite. Dafür steht ein sehr poetisches Bild. Seinen Titel, „Blaue Stunden“, verdankt dieser Bericht dem abendlichen Zwielicht des Sommers. „Blaue Stunden“, schreibt Joan Didion, „sind das Gegenteil sterbenden Glanzes, aber sie sind auch seine Vorboten.“ Mit „Blaue Stunden“ ist ihr eine ganz besondere, fast schon musikalische Meditation gelungen. Aus persönlichem Leid wird so ein überpersönliches Stück Literatur.

 

 

 

Tanya Lieske