Dische, Irene

Dische, Irene | Der Doktor braucht ein Heim

Gewiss, der Doktor, um den es in dieser Erzählung geht, leidet an der „Duplizität der Vergreisnisse“, anderswo auch als die „altersheimische Krankheit“ aufgeführt. Er ist nicht der zuverlässigste Erzähler, doch das stört nicht weiter. Schließlich wird das Symptom seiner Erinnerungsschübe zum literarischen Prozedere dieser Erzählung. Orte und Zeiten überlagern sich, Ursachen und Wirkungen vertauschen den Standpunkt, vieles ist relativ, denn es könnte auch ganz anders gewesen sein. Irene Dische lotet in ihrer Erzählung „Der Doktor braucht ein Heim“ die poetische Seite der Altersdemenz aus. Denn das Vergessen kann ein gnädiger Vorgang sein in einer jüdischen Biografie, die ihren Inhaber von Europa nach Amerika geführt hat. Auch schafft dieses Vergessen Leerstellen, in denen nichts mehr ausgesprochen, aber alles gedacht werden muss. Das ist umso reizvoller, als dass der Doktor seines Zeichens Nobelpreisträger für Biochemie ist. Er wartet mit der These auf, die Naturwissenschaft und die Kunst seien zwei Seiten einer Medaille: „Wissenschaft ist eine Kunst und kein Beruf“, sagt der Doktor. Mit den Versuchsanordnungen der Biochemie ist dieser These nicht auf die Beine zu helfen, wohl aber mit denen der Literatur. Wieder einmal haben wir es zu tun mit einem jener literarischer Winkelzugverfahren, für die die amerikanische Autorin Irene Dische, die Tochter deutschsprachiger Emigranten, hierzulande so geschätzt wird.

In vieler Hinsicht liest sich diese erstmals 1990 erschienene Erzählung wie eine Studie zu Irene Disches Erfolgsroman „Großmama packt aus“ (2005). Dort gibt es eine entfesselte Erzählerin, die sich wie der Doktor um keine Konvention des Metiers schert, denn sie ist äußerst katholisch und außerdem verstorben. Auch taucht in beiden Texten eine weibliche Figur auf, welche der Ghostwriterin Dische äußerst ähnlich sieht. Doch sei vor allzu einfachen Parallelschlüssen gewarnt. Disches verstorbener Vater war zwar der Erfinder jenes Dische-Tests, der auf einer Diphenylamin-Reaktion beruht, und der bis heute in der Medizin angewandt wird, doch hat er nie den Nobelpreis für Chemie bekommen. Dische schummelt also. Sie schummelt mit Grazie, um tiefere Wahrheiten über den Lauf des Lebens ans Licht zu bringen.

Der Doktor, welcher ein Heim braucht, kam von Drohobyc in Galizien über Wien nach Amerika. In Europa hatte er eine Schwester namens Zescha. Die war erst ein klavierspielendes Wunderkind, dann verstummte sie, dann reiste sie zu einem historisch äußerst ungünstigen Datum mit der Mutter von Wien aus nach Galizien, von wo aus sie nicht zurückkehrte. Derweil wanderte der Doktor, der nun zugibt lange nichts von Mutter und Tochter gehört zu haben, nach Amerika aus. Hier sitzt er nun, und beleuchtet in Schlaglichtern einzelne Episoden seines Lebens. An jenen Tagen, an denen er sich erinnert, wie eine Wählscheibe zu benutzen ist, wählt er die Telefonnummer 201-479-4301. Diese verbindet ihn mit seiner ehemaligen Frau Gretel, einer Katholikin, Mutter der gemeinsamen Tochter, welche den Doktor schließlich ins Heim befördern wird. Und manchmal hat der Doktor Pech. Gretl ist zuhause und sie hebt auch noch ab und sagt Sätze wie: „Hör mal, deine Schwester gibt es nicht mehr, merk dir das, du hast dich ihr gegenüber wie ein Schwein verhalten, du hast sie zurück nach Drohobyc geschickt, erinnerst du dich – als die Nazis kamen. Du hast nur an dich gedacht. Ein egoistischer Künstler.“ Der historische Vorwurf des Überlebens wird zum Spielball in der Dauerfehde eines alternden, geschiedenen Ehepaares; er ist Jude, sie Katholikin. Dische stutzt die Weltgeschichte auf persönliche Belange zurecht, sie schrumpft auf’s Handtaschenformat.

Wenn der Nobelpreisträger gewaltsam von seinem ehemaligen Arbeitsplatz an der Universität entfernt werden muss, oder wenn der die Notaufnahme eines Krankenhauses mit einem vollbesetzten Hörsaal verwechselt, dann entsteht Fallhöhe. Mit ihr bekommt jene Groteske Auftrieb, die das Markenzeichen der Irene Dische ist. Man darf sie getrost als das Rückzugsgefecht aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts werten. Denn diese, und darauf scheinen sich ihre Kinder und Kindeskinder verständigt zu haben, war zu ungeheuerlich und ist zu lange her, um noch eins zu eins erzählt zu werden. Viel griffiger sind die scheinbar privaten Ereignisse, die im Schatten des Holocaust ihre tragikomische Grundierung bekommen. Die Farce ist unterhaltsam, und sie bietet eine äußerst gnädige Form des Erinnerns. Es könnte ja auch ganz anders gewesen sein.

Irene Dische ist in ihrer amerikanischen Heimat fast unbekannt. In Deutschland ist sie seit vielen Jahren eine Lieblingsautorin des deutschen Feuilletons, sie gilt als unterhaltsame Erzählerin und glänzende Stilistin. „Der Doktor braucht ein Heim“ reiht sich in dieser Hinsicht ein in ihre früheren Veröffentlichungen. Wollte man Dische etwas vorwerfen, dann gerät ihre Atemlosigkeit ins Blickfeld. Jeder Satz birgt eine Pointe, kehrt auf dem Absatz um, schlägt eine neue Richtung ein, so dass man als Leser gleichsam vorwärts gejagt wird. Bravourös übersetzt hat einmal mehr Reinhard Kaiser. Man vergisst bei der Lektüre seiner deutschen Fassung, dass „Der Doktor braucht ein Heim“ in einer anderen Sprache geschrieben wurde. Jedes Wort steht am einzig möglichen Platz.

Ach ja, das Ende. Schon nach 50 Seiten ist alles gesagt. Der Doktor kommt ins Heim, das Taxi wartet, und er freut sich, denn er denkt, es ginge nach Hause.

 

Die Zeit, 2007