Doyle, Roddy

Doyle, Roddy | Henry, der Held

Wenn ein irischer Autor sich einen Roman über den Osteraufstand von 1916 vornimmt, dann ist das so, als schriebe ein Franzose über die Revolution von 1789 oder ein Engländer über die Magna Carta. Mit seinem neuen Roman „A Star called Henry“, auf deutsch: „Henry, der Held“ macht der irische Schriftsteller Roddy Doyle Schluß mit seiner Rolle als Benjamin unter den berühmten Iren. Noch nach dem Booker-Preis von 1993 für „Paddy Clarke hahaha“ hatte die literarische Intelligenzija von Dublin und London Vorbehalte gegen Doyle: Dem Lehrer aus dem Arbeiterviertel im Dubliner Norden, der seine „Barrytown Trilogy“ im Selbstverlag veröffentlichte und auf den die Welt erst aufmerksam wurde, als Alan Parker seine „Commitments“ verfilmte: Diesem Spaßmacher fehlte jenes Flair aus Weltläufigkeit und nationalem Pathos, mit dem sich der berühmte irische Schriftsteller gemeinhin umgibt.

 

Schon mit seinem letzten Roman, „Die Frau die gegen Türen rannte“, begab Doyle sich auf dem Weg zur ernsten Literatur. Der Roman greift zwei Tabus der irischen Gesellschaft auf, den Alkoholismus und die häusliche Gewalt. Nun also der Osteraufstand von 1916: Die gescheiterte Rebellion einer Handvoll von Aufständischen gegen das britische Empire ist der Gründungsmythos der irischen Republik schlechthin. Noch dem 42 jährigen Roddy Doyle brachte man in der Schule bei, wie an jenem Ostermontag eine Handvoll schwindsüchtiger Knaben, die sich im „GPO“ verbarrikadiert hatten, dem General Post Office von Dublin, ihre Gewehre auf die Übermacht des Engländers richtete. Sean O’Caseys Bühnenstück „Der Pflug und die Sterne“ von 1926 gilt als die letztgültige Fassung dieses Nationalen Dramas. Doyle erweist sich als würdiger Nachfahre des großen Dramatikers, konsequent treibt er die Entmythologisierung „Easter-Risings“ voran, und wie O’Caseys Dramen strotzt auch „Henry der Held“ vor Lokalkolorit und den Sprachblüten des Dubliner Gesindels.

Als ein Sohn des Slums wird Henry 1901 geboren: Seine Mutter verfällt noch nicht zwanzigjährig dem Suff aus Kummer über ihre toten Kinder, die zu Sternen im Himmel werden – es ist schade, daß diese Assoziation bei dem deutschen Titel von „Henry the Star“ verlorenging. Henrys geliebten Vater, einen einbeinigen Rausschmeißer vor Dolly Oblongs Bordell, der mit seinem Holzbein gegen Cash auch mal Gelegenheitsmorde verübt, schluckt die Unterwelt. Früh auf sich gestellt, wird Henry zum Kind der Gosse, verdreckt und voller Schwären lernt er zu stehlen, was er braucht und zum richtigen Zeitpunkt Fersengeld zu geben. Die Gaben des Überlebens hat er vom Vater bekommen: Das Holzbein, mit dem er erledigt, wer ihm in die Quere kommt und das sich bei Bedarf als Wünschelrute betätigen läßt. Von Henry Smart Senior hat der Junge gelernt, den nächsten Gullydeckel anzuheben und sich in den Abwasserkanälen von Dublin in Sicherheit zu bringen: So rettet er seine Haut, als die Führer der Aufständischen, Patrick Pearse, Tom Clarke, Thomas McDonagh, John MacBride und James Conolly füsiliert werden. Auch Eamon de Valera, der spätere erste Staatspräsident der Republik Irland und Inhaber eines amerikanischen Passes kommt mit dem Leben davon – Henry merkt allerdings an, daß seine Hosen nach Scheiße gerochen hätten, als man ihn aus dem Gefängnis abholte.

Doyle erzählt die Geschichte des Osteraufstandes von ganz unten. Henry der Held, großgewachsen, gut aussehend und blutjung, muß erkennen, daß er, wie zuvor sein Vater, ein Mann für’s Grobe war, ein Handlanger der Mächtigen. Als sich gegen Ende des Romans die Gründung des Freistaates anbahnt, als die Überlebenden schon die künftigen Posten verschachern, bleibt Henry auf der Strecke. Anders als de Valera oder Michael Collins hat er nicht bei den Christlichen Brüdern gelernt, er hat keine Familie, kein Geld, er hat nichts.

Henrys gesamte Bildung beschränkt sich auf einen zweitägigen Schulbesuch. Er ist sieben Jahre alt, als eine junge Lehrerin, Miss O’Shea, ihn lehrt, bis 54 zu zählen und seinen Namen zu schreiben. Miss O’Shea wird Henrys große Liebe. Er trifft sie am Ostermontag im GPO wieder, und während die Wände des Postamts vom Geschützfeuer wackeln, treiben die beiden im Keller so manches, wovon sich nichts in den Geschichtsbüchern findet. Die Liebes-geschichte zwischen Henry und Miss O’Shea, die er als 17jähriger ein drittes Mal trifft und auf der Stelle heiratet, ist genau so geraten, wie man sie sich bei Roddy Doyle bestellen würde: Bezaubernd, anrührend, skurril und sehr komisch.

Auch wenn es nicht gerade der Osteraufstand wäre: Historische Romane gelten als ein Genre, an dem ein Autor sich messen kann. Von einigen Längen im Mittelteil abgesehen, reüssiert Doyle in jeder Hinsicht. Auf originelle Weise vermengt er Fakt und Fiktion. Die Zeit verstreicht scheinbar mühelos, nie bricht Doyles Erzählfluß auf, seine Scharniere versteckt er hinter zahlreichen Dialogen. Der Wortwitz und die Schlagfertigkeit seiner Figuren machen diesen Roman zu einer unterhaltenden und anregenden Lektüre.

„Henry der Held“ ist der erste Teil einer geplanten Trilogie. Am Ende des Romans ist Henry 19 Jahre alt, er hat genug von Irland, will auswandern nach Amerika. Wer weiß, womöglich trifft man Henry wieder in den Bandenkriegen der Prohibition: Nichts wie an Deck, Henry Smart. Zurück zum Schreibtisch, Roddy Doyle.

Roddy Doyle, Henry der Held. Roman. Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann. 432 Seiten gebunden, 39,80 DM. Wolfgang Krüger, Frankfurt/Main, 2000.

 

Financial Times Deutschland, 2000