Dunthorne, Joe

Dunthorne, Joe | Im Gespräch

Der Schriftsteller als junger Mann schließt sein Fahrrad im Londoner Bankenviertel an. Dort streichen Zweireiher, weiße Hemden und scharfe Bügelfalten umher. Den ganzen Tag über durften deren Inhaber Wertpapiere handeln. Nun, in der Dämmerung, streben sie eilig einem Pint nach Börsenschluss entgegen.

Deplaziert wirkt in dieser Gegend das Fahrrad, deplaziert dessen Besitzer Joe Dunthorne; er trägt Jeans, Turnschuhe, eine grünes Sweatshirt, die langen Haare sind zum Zopf zusammengebunden. Joe Dunthorne ist jetzt 25 Jahre alt. Er ist einer der jüngsten Absolventen des renommierten Schreibkurses der University of East Anglia in der Graftschaft Norwich. 1970 wurde dieser Kurs von Malcolm Bradbury gegründet, eine Hand voll Plätze sind jährlich zu vergeben, 300 angehende, hoffnungsvolle Talente bewerben sich. Man muss sich einen Platz in diesem Studiengang vorstellen wie einen Sitz im Vorstand der Deutschen Bank. Rein kommt man kaum, raus als gemachter Mann, und unterwegs gibt’s ziemlich viel Presse. Zu den vergangenen Absolventen zählen, um nur drei Namen zu nennen, die Bookerpreisträger Anne Enright, Ian McEwan, Kazuo Ishiguro; die erweiterte Liste aller Alumni liest sich wie ein who is who der britischen Gegenwartsliteratur.

Joe Dunthorne stellte in East Anglia seinen Debütroman „Submarine“ fertig. Das Verfahren muss gleicht einer Gruppenklausur mit Workshops und laufenden Qualitätskontrollen. Auch der Output zählt, Dunthorne setzte sich jeden Tag eine Anzahl von Wörtern, die er zu absolvieren hatte. An die Wand seines Zimmers malte er eine Kurve, die X-Achse war die Zeit seines Aufenthalts, auf der Y-Achse tummelten sich Zeilenzahlen und Gedichte. „Es gibt eine hohe Konkurrenz in diesem Kurs“, sagt er. „Für mich hat das sehr gut funktioniert, aber es ist nicht jedermanns Sache.“

„Submarine“, ausgezeichnet mit dem begehrten Curtis Brown Prize als Bester seines Jahrgangs, fuhr einen stattlichen Vorschuss ein. Der junge Schriftsteller fand sich in chromglänzenden Aufzügen wieder, er drückte lächelnden Verlegern die Hand und konnte sich seine Agentin aussuchen. Kurz, ein Debütantentraum ist wahr geworden. Für Dunthorne war dies kein Grund, an seinem Erscheinungsbild etwas zu ändern. Er entschied sich gegen den prototypisch geschniegelten Look des drängenden Junggenies, und er trägt auch keine Hornbrille.

Joe Dunthorne löst sich aus dem Strom der Banker und steuert auf sein Lieblingscafé zu. Er stößt die Tür auf, findet einen kleinen Tisch am Fenster, lässt den Blick prüfend über die anwesenden Stammgäste schweifen, die sich über eigene Kompositionen und Tagebücher beugen. Er nickt. Hier ist er unter Seinesgleichen. Er bestellt einen Brownie und einen Café Latte und beginnt zu erzählen.

15 Jahre alt ist Oliver Tate, der Protagonist seines Romans, der unter dem deutschen Titel „Ich, Oliver Tate“ erschienen ist. Wie die meisten Jungen seines Alters ist Oliver einfach unausstehlich. Er pflegt überlebensgroße Überzeugungen, die seine eigene Person betreffen. Er hat eine große Klappe und eine Fixierung auf das Thema Sex.

„Precocious and bratty“ sei seine Hauptfigur, erklärt Joe Dunthorne, also altklug und großmäulig. Oliver hält sich für den Nabel der Welt und schießt in seinen Analysen derselben meist meilenweit am Ziel vorbei – ein Umstand, der für einigen Slapstick, in den feineren Passagen auch subtile Komik sorgt. Auch für’s Grobe ist gesorgt: Olivers erste Freundin leidet an Neurodermitis, ständig rieseln ihr feine Hautschuppen von Armen und Beinen. Oliver Tate glaubt, den Grund erkannt zu haben, und vergiftet den Hund seiner Freundin kaltblütig mit Rattengift. Der Köter verendet elendiglich. Die Neurodermitis wird besser. Das Herz der Freundin hat jetzt einen Sprung.

Warum er sich für eine so junge Hauptfigur entschieden hat? Joe Dunthorne nippt an seinem Kaffee. Als er anfing, den Roman zu schreiben, sei er selbst noch sehr jung gewesen und sehr nah dran an der Altersgruppe, erklärt er. Auch sei ein 15Jähriger ein höchst dankbarer Protagonist, da er Zugang zur Welt des Kindes wie der des Erwachsenen habe, und nicht immer seien die Übergänge klar definiert. „Oliver ist eine Persönlichkeit mit den Symptomen eines Borderliners“, sagt Dunthorne und verweist auf widerstrebende Reaktionen seines Publikums. Die einen (wahrscheinlich jene, die selbst mal 15 waren) lieben Oliver Tate bedingungslos. Andere suchen das Weite. Stünde nicht die University of East Anglia dahinter, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch Verleger den Kopf geschüttelt hätten. Ein Adoleszenzroman mit Verweisen zur Popliteratur – so verquer kam lange kein Debütant daher.

Joe Dunthorne verwundern die heftigen Reaktionen seiner Leser. Figuren sollten nicht zur Identifikation einladen, meint er. Er verweist auf Camus und Nabokov und sieht nun selbst sehr abgeklärt aus. Reiche Erfahrung und die Naivität des Anfangs können sich aus der gleichen Quelle speisen.

Jedenfalls hängt Joe Dunthorne seinen literarischen Plafond ziemlich hoch. Jede Zeile dieses Romans zeugt vom Kunstwillen des Autors. Das Verhältnis Sprache zum Plot mischt Dunthorne im Verhältnis 9:1. Oliver Tate dialogisiert und reflektiert, er monologisiert, führt Tagebuch und erstellt Listen. Alles ist Sprache, denn draußen ist nichts los: Der Roman spielt Mitte der Neuniger Jahre im walisischen Swansea, dort wo auch Joe Dunthorne aufgewachsen ist. In dieser Stadt ist ein Teenager, den es zum Intellektuellen drängt, auf sich gestellt. Genau wegen dieses Vakuums habe er Swansea gewählt, und auch wegen der kontrastreichen Kulisse einer sterbenden Schwerindustrie hier, der wilden Küste dort. Außerdem ist es der Ort, den er selbst am besten kennt. „Ich habe mich an meinem Leben bedient, wie eine Elster hier und dort etwas entwendet“, erklärt Dunthorne. „Oliver Tate ist eine Variante meiner Selbst“. Lachend fügt er hinzu, dass seine Eltern Langmut bewiesen hätten, denn natürlich gab es Sticheleien in der Umgebung, man hielt sie für die Prototypen der Eltern des Oliver Tate.

Auf seine eher ereignislose Umwelt reagiert Oliver Tate mit dem totalen Rückzug in die Welt der eigenen Vorstellung. Er analysiert das erotische Leben seiner Eltern und stellt (precocious!) den Anfang einer Ehekrise fest. Seine Einsätze zur Rettung dieser Ehe scheitern spektakulär du natürlich äußerst komisch. Die langjährige Gemeinschaft der Eltern hält auch diesem Desaster stand, sie überlebt mit kleinen Blessuren.

Oliver, der überzeugt ist von seiner geistigen Potenz, sammelt außerdem Fremdwörter (Trojaner, Fastigium, Canozid, Medulloblastom). Er analysiert eine E-Mail, die seine Freundin ihm schreibt, nach linguistischen Aspekten: Der Erzählton zeugt überwiegend von Bedürftigkeit. Mir scheint, dass der Empfänger der E-Mail derjenige ist, der in der Beziehung die Vormachtstellung hält. Vielleicht folgt er dem Leitspruch ,Zuckerbrot und Peitsche’.

Wer will so einen schon zum Freund haben? Oliver erste Liebe währt nicht lange – und das, obwohl der Hundsmord (canozid) niemals entdeckt wird. Und dann, der Leser atmet auf, ist ein unendliches Jahr vergangen, und Oliver wird endlich 16. Oliver Tate macht eine höchst überraschende Entdeckung. Er ist nicht allein. Es gibt noch andere Menschen auf der Welt!

Man kann sich in England kaum im Genre des Adoleszenzromans bewegen, ohne auf die kultigen Tagebücher des Adrian Mole Bezug zu nehmen, die Sue Townsend in den Achtziger Jahren veröffentlichte. Joe Dunthorne entledigt sich der Bürde, indem er Townsend gleich zitiert, und zwar in den Tagebüchern des Oliver Tate. Auch an J.D. Salingers „Fänger im Roggen“ muss sich jeder Autor messen lassen, der über Sechzehnjährige schreibt. Indes, hier wird ein Generationendilemma der neueren Art sichtbar. Salingers Holden Caulfield begehrt auf gegen die Starre der 50er Jahre, er ist die Schrift gewordene Ikone der Vorrevolution. Oliver Tate aber hat nichts, wogegen er revoltieren könnte. Die Erwachsenen: So nett! Die Eltern: So liberal!

Und genau hier begegnet die Figur dem Autor. Joe Dunthorne weiß, dass es für seine Generation keinen Bruch gegeben hat. Die Dinnerpartys seiner Freunde sind so zivilisiert wie die seiner Eltern. Tatsache ist, dass er mit Drogen so entspannt umgeht wie die Elterngeneration, dass der Musik kein Potential zur Opposition mehr innewohnt, dass man Rap hören kann oder Klassik, es ist egal ob man zu einer Demo geht oder fernbleibt. Welche Drogen gehen in seinen Kreisen? „Kokain, Extasy, Cannabis.“ Von einem weiteren Produkt, das aus einem Beruhigungsmittel für Pferde entwickelt wurde, lässt Dunthorne die Finger – „man soll sich fühlen, als schwimme man in Sirup“, erklärt er. „Damit kann man nicht schreiben.“

Joe Dunthorne war sieben Jahre alt, als die Mauer in Deutschland fiel, als die letzten großen Ideologien der Welt kollabierten. Alles geht in seiner Generation, doch es gibt keine Reibung. „Mir fehlt es an Erfahrung“, bemerkt er nachdenklich und rührt in seiner Kaffeetasse. „Ich wünschte, ich hätte mehr erlebt, denn ich will weiter schreiben.“

Die Banker des Financial District haben sich in einem Pub gegenüber zusammengerottet. Joe Dunthorne überquert die Straße, bestellt sich ein Pint. Er überragt die meisten Banker um Haupteslänge. Dann schwingt er sich auf sein Fahrrad. Er hat der Freundin versprochen, dass er heute das Abendessen kocht.

 

Die Welt, 2009