Edgeworth, Maria

Edgeworth, Maria | Castle Rackrent

Manche Bücher verdanken ihren Verbleib im Gedächtnis der Nachwelt eher historischen Umständen denn literarischen Meriten. Maria Edgeworths „Castle Rackrent“ gehört dazu. Der Roman aus dem Jahre 1800 gilt als Meilenstein der irischen Literaturgeschichte: Weil er von einer Frau geschrieben wurde, weil er sich dank satirischer Qualitäten in der oberen Marge der irisch-romantischen Literaturproduktion plazieren läßt, vor allem aber, weil er das Ansehen des ersten Anglo-Irischen Klassikers genießt. Dieser wurde nun, pünktlich zum irischen Bücherherbst, bei dtv neu übersetzt.

Maria Edgeworth, eine Angehörige der Gentry, der protestantischen Oberklasse, wurde 1767 in England geboren, lebte aber seit 1782 mit ihrem Vater auf dem Gut Edgeworthstown in der irischen Graftschaft Longford. Sie wollte zwischen beiden Ländern vermitteln, ihren gebildeten britischen Lesern die Belange des ländlichen Irlands verständlich machen, wobei sie für ein verantwortungsvolles Betragen der Gentry plädierte. Für ihre neue Heimat warb sie mit pittoresken Sittenbildern: So preist der fiktive Herausgeber „Castle Rackrents“ die „Aufgewecktheit, Naivität, Schlau-heit, Sorglosigkeit“ der Iren.

„Castle Rackrent“ ist die Geschichte vierer Herren eines Landgutes, von denen jeder eine Kardinalsünde unverantwortlichen Junkertums verkörpert. Sir Patrick ist ein Trunkenbold, Sir Murtagh ein Streithahn, Sir Kit ein Duellant, Sir Condy, dem die Hälfte des Romanes gewidmet ist, ein liebenswerter Verschwender, der den Besitz schließlich verpfändet. Erzählt ist das Ganze nach Swift’scher Manier aus der Perspektive des Butlers Thady, der den einfachen Mann mit Common Sense darstellt, und der in meist bizarren Wendungen versucht, seine Herren stets in gutem Licht erscheinen zu lassen. Über einzelne moralische Schlußfolgerungen hinaus wagt Edgeworth es jedoch nicht, Bilanz zu ziehen. Es sei „schwer zu entscheiden, ob eine Vereinigung die Entwicklung dieses Landes vorantreiben oder verzögern wird“, befindet ihr Herausgeber. Ein Satz, den man heute zwar anders liest als damals, der aber nichts von seiner Gültigkeit verloren hat.

 

Literarische Welt, 2006