Enright, Anne

Enright, Anne | Im Interview

Sonne scheint über der mittäglichen Grafton Street, die Studenten des nahe gelegenen Trinity Colleges eilen diversen Imbissständen

entgegen. Im Gewühl der Fußgängerzone sammeln Freiwillige für die Seenotrettung. Auf bunten Plakaten wird gestritten und geworben, es geht um die standesrechtliche Ehe für homosexuelle Paare, eigentlich sind alle dafür, nur die Kirche meint vote no. Roddy Doyles Barrytown Trilogy gibt es in neuer Auflage, wer es noch nicht weiß, erfährt es von diversen Werbebannern. Das ist durchaus eine Nachricht in Dublin, der Stadt der Literaten, die seit eh und je in rekordverdächtiger Anzahl und in verschiedenen Graden des internationalen Ruhms unterwegs sind. More poets than real people sagt ein geflügeltes Sprichwort, I am a drinker with a writing problem, sagte Brendan Behan. Aber das war gestern, die Schriftsteller heute bleiben gerne nüchtern.

Im Keller einer Buchhandlung werden jetzt die Exemplare von Anne Enrights neuem Roman The Green Road gestapelt. Diese Buchpremiere strahlt weit über Dublin hinaus. Die Booker Preisträgerin Enright ist die erste Fiction Laureate des Landes. Ein Staatsamt, dotiert mit 50.000 Euro jährlich. Es gibt also Wirbel um den Roman, sogar ein Embargo. Verkauft werde erst nächste Woche, erklärt der junge Mann an der Kasse. Morgen aber wird die New York Times berichten; die Rezension der Irish Times erscheint zeitgleich und das irische Radio hat auch schon ein Interview vorab geführt: It’s quite a machine, sagt Anne Enright; der Apparat läuft sich warm.

Anne Enright hat mich ins Cafe des Westbury Hotels gebeten wo Kellner auf leisen Sohlen um die vielen amerikanischen Besucher streichen, die in Irland ihre Wurzeln suchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

.

 

Anne Enright, für Ihren Booker-Titel The Gathering gab eine Beerdigung den Rahmen, nun lesen wir den Satz:

 

Death is not the worst thing that can happen to you. Everyone dies. It’s the timing that matters. The first and the second of it. The order in which we go.

 

Würden Sie sagen, dass der Tod und die Sterblichkeit wichtige Motivationen für Ihr Schreiben sind?

 

 

Der Tod überrascht uns immer, und ja, das interessiert mich. Wir müssen alle sterben, das gibt unserem Leben einen Rahmen. Es gibt auch der Frage, wie wir unser Leben verbringen, eine besondere Dringlichkeit. Dieses Zitat stammt aus dem zweiten Kapitel meines Buchs, New York 1991. Mit der großen Krise um Aids war der Tod allgegenwärtig. Aber noch wichtiger war mir die Frage, wie Menschen sich lieben, wie sie Mitgefühl füreinander zeigen in so einer extremen Situation, die so viel mit Scham zu tun hatte. Ihre Herausforderung ist das Leben.

 

Sie knüpfen auch in der Struktur an Ihren Roman The Gathering (Das Familientreffen) an, es gibt die in alle Welt zerstreute irische Familie, die zurück kommt, diesmal um ein gemeinsames Weihnachtsfest zu feiern. Die irische Familie und ihre Verstrickungen hat in der Gegenwartsliteratur ihres Landes einen festen Platz, was macht die irische Familie so besonders?

 

Ich glaube, Irland ist ein Land, das mit der Idee, mit dem Konzept von Familie sehr gut zurecht kommt. Aber ich bin viel in Indien auf Lesereise und habe festgestellt, dass man dort diese Art von Großfamilie sehr gut versteht. Irland ist klein und hat eine so lange Tradition der Auswanderung hat, aber der eigenen Familie bleibt man immer verbunden. Als ich jung war, habe ich in London gelebt und mein Mitbewohner hat gesagt, dass er nicht nach Hause will über Weihnachten, weil er sich mit der Familie überworfen hat. Ich habe ihn angeschaut und gesagt, das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun! Das ist für uns Iren keine Option. An Weihnachten kommen wir zusammen punktum.

 

I am sorry. I can not invite you home for Christmas because I am Irish and my family is mad (Anne Enright, The Green Road, S.212)

 

Die beiden Familien, die Sie uns gezeigt haben, die Hegartys in dem einen, die Madigans in ihrem neuen Roman, sind ziemlich dysfunktional, macht das die bessere Literatur?

 

 

Ich liebe das Wort dysfunktional … in Das Familientreffen gab es zwölf Geschwister, weil es keine Verhütung gab, das war die eigentliche Dysfunktion. Keines der Hegarty-Geschwister hatte eine Ahnung, warum es eigentlich in der Welt war. Ihre Zeugung war höchst mysteriös … (lacht). Und genau das hat ihnen um zwei Ihr nachts nach zu viel Bier oder Wein ganz schöne Kopfschmerzen bereitet. Meine Madigan-Familie jetzt ist viel versprengter, die Kinder leben in aller Welt, sie führen jeder ein unglaublich komplexes und aufwändiges Leben. Die Geschichte beginnt 1980 in Irland, und das scheint mir jetzt eine andere Welt, ein anderer Planet zu sein. Der Papst war gerade da (Anmerkung: Johannes Paul II 1979 auf Staatsbesuch, nach ihm ist eine ganze Generation von Jungen benannt: John-Paul). Irland war ein Land mit katholischen Gewissheiten. Die Familie war eine Festung, die Position der Mutter unerschütterlich, auch idealisiert. Und diese Madigan Geschwister gehen in die Welt, sie leben in Amerika, in der Dritten Welt, sie führen ein Leben, das man sich 1980 so gar nicht vorstellen konnte. Und dann kommen sie zurück! Und bringen, das wollte ich zeigen, die ganze Komplexität eines Erwachsenenlebens zurück an den Ort, an dem sie Kind waren. Da ist jetzt ein Ort, der sie gar nicht mehr richtig versteht. Sie bringen ihr inneres Kind nach Hause. Dort treffen sie die äußere Mutter.

 

All my love, Your fond and foolish mother, Rosaleen.

PS.: And I have decided to sell the house. (S.166)

 

Sie bedienen mit Rosaleen ganz gut den Topos der Irish Mummy. Rosaleen beherrscht die ganze Skala von Selbstmitleid und emotionaler Erpressung. Trotzdem finde ich, dass sie ihr ihre Würde lassen, vor allem in dem Kapitel, in dem sie offenkundig einsam ist, ihren Kindern Weihnachtskarten schreibt.

 

 

 

Gut! Rosaleen ist ein zerbrechlicher Mensch, selbst auch nicht ganz erwachsen. Mich interessiert der Gedanke, dass man, wenn man Kinder bekommt, ja nicht in dieses Ding verwandelt wird: A MOTHER! Rosaleen hat ihre eigenen Probleme, und die verschwinden nicht im Kreißsaal (lacht). Diese Probleme bleiben bestehen, wandern dann weiter.

 

Sie haben selbst zwei Kinder, auch ein Sachbuch zur Mutterschaft geschrieben, Stumbling into Motherhood. War deren Geburt das eindrücklichste persönliche Erlebnis ihres Lebens?

 

Mit Superlativen tue ich mich schwer … aber es war schon … bizzar. Meine Mutterschaft hat mich von innen nach außen gestülpt. Es war, als würde mein Leben einmal umgedreht. Und dann waren da diese beiden neuen Menschen, die schon ganz sie selbst waren. Das ist auf jeden Fall ein Abenteuer, eine Herausforderung für das eigene Ego, man muss über sich hinaus wachsen.

 

Love was no use, at the end of the day, to man or beast, when there was no fucking justice in the world. (S. 140)

 

Die vier Kinder, die an Weihnachten zurück kehren, leben sehr verschiedene Leben. Da ist Dan, der fast Priester geworden wäre, der dann in New York sein Coming out hat. Emmet arbeitet für eine NGO in Afrika, Hannah ist eine mäßig erfolgreiche Schauspielerin, Constance ist Hausfrau und Mutter. Sind das vier Lebensentwürfe Ihrer eigenen Generation?

 

Wenn ich über meine Generation hätte schreiben wollen, dann hätte ich wohl andere Biografien gewählt. Mich haben vor allem die Themen des Mitgefühls und der guten Tat interessiert. Emmet will ja Leben retten in der Dritten Welt, er fängt in Kambodscha an, wir treffen ihn in Afrika. Es gibt einen ganzen Diskurs über den Sinn der guten Tat. Dabei ist Emmet selbst eher eine unterkühlte Figur, recht spirituell aber eben kühl, er verkörpert fast den Priester, der Dan nicht geworden ist.

 

Warum ist es heute, im Irland 2015, von Bedeutung über Mitgefühl zu schreiben? Was ist passiert?

 

 

2008 gab es den Wirtschaftskollaps in Irland, eigentlich hat ja der ganze westliche Kapitalismus eine Delle bekommen. Aber Irland und die Iren hat es besonders schwer getroffen, wegen der enormen Investitionen, die wir machen mussten, vor allem im Bereich der Immobilien. 2008 war ich mit The Gathering in Uganda unterwegs, danach war ich in Honduras. Ich kam nach Hause und da war mein Land immer noch in einem Jammertal. Und ich wollte sagen, die Welt ist groß, es gibt andere Länder mit enormen Problemen da draußen! Wir Iren sind so besessen von unserem Land. Ich wollte sagen, schaut über den Tellerrand! Ihr lebt auf einem Planeten, nicht nur in der Neubausiedlung in einem Haus, dessen Hypothek ihr nicht mehr bedienen könnt! (Lacht). Das war ein moralischer Ansporn. Trotzdem hoffe ich, dass ich als Autorin nicht moralisiere.

 

Warum sollten Sie das nicht tun? Als Autorin moralisieren?

 

Ich glaube, man muss die Dinge offen lassen. Die Probleme der Literatur sollen nicht lösbar sein. Es sind die Fragen drum herum, die Spannungen und die Widersprüche, die den Stoff interessant machen. Die uns auch als menschliche Wesen wachsen lassen. Wir kennen nicht alle Antworten. Und ich will sie auch nicht geben.

 

The man took his wallet out, and was thumbing through notes … Purple ones – five hundreds he had in there. (S.221f)

 

Man kann argumentieren, dass die politische und die ökonomische Elite 2008 versagt hat, die künstlerische Elite Ihres Landes aber standhaft geblieben ist. Wie stark ist die Stimme der Autoren in Irland?

 

Der Boom, diese Blase in Irland war selbst ein gewaltiges Stück Fiktion. Für uns Schriftsteller war es schwer, dieser unglaublichen Fiktion etwas entgegenzusetzen. Wir waren in einem brüchigen Rausch kollektiver Verleugnung – natürlich wird es so weiter gehen! Unsere Geschichte ist Vergangenheit, wir sind im post-postkolonialen Zeitalter angekommen, wir machen da mit, wo die ganz großen Spieler der Weltökonomie sich treffen! Es war eine einzige große Illusion, und der Erste, der gesagt hätte, aber der Kaiser hat keine Kleider, der wäre Schuld gewesen am Zusammenbruch. Ich war immer der Ansicht, dass Autoren in jeder wirtschaftlichen Lage arbeiten können. Aber es gibt nun, in den letzten drei oder vier Jahren, so viele neue, starke, dringliche, komplexe, kämpferische Stimmen, dass ich glaube, das muss etwas mit dem Crash zu tun haben.

 

Sie beschreiben den Boom immer indirekt, in kleinen Miniaturen, es gibt diese Weihnachtsabend im Pub, in dem alle vor Geld nicht laufen können oder eine Party, in der die Frauen so viel Botox im Gesicht haben, dass ihre Lippen am Glas abrutschen. Ihr Spott kann ganz schön beißend sein, ist Ihre Stimme da typisch für die Autoren der Gegenwart?

 

Viele irische Autoren beschäftigen sich noch mit der Vergangenheit, sind in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts stehen geblieben (lacht). Das ist eine sehr persönliche schriftstellerische Entscheidung. Es braucht lange, bis man weiß, worüber man schreiben wird, und die Kindheit ist sehr wichtig. Ich kann es der irischen Literatur nicht vorwerfen, wenn sie nicht immer ganz up to date ist. Auch kann ich die Leser in der ganzen Welt nicht verurteilen, die sich diese Art von Nostalgie, von Unschuld in der irischen Literatur wünschen. Das ist wie ein irisches Markenzeichen. Mir persönlich gefällt es, die poetische Mitgift der irischen Tradition zu nehmen und sie auf unser Leben heute zu übertragen. Ich interessiere mich für die Frau an der Bushaltestelle. Der moderne Alltag steht für mich nicht im Widerspruch zu großen Fragen. Moralität, Spiritualität, Sterblichkeit, Mitgefühl, ich habe kein Problem damit, diese Themen in all ihrer Größe auszuspielen. Auch wenn wir die Romanzeit 2005 schreiben und nicht 1942.

 

A.L. Kennedy bescheinigt Ihnen einen muskulösen Stil, das trifft es ganz gut. ich finde, Sie arbeiten manchmal mit der Präzision der Mikrochirurgie. Ganz am Anfang Ihres Romans steht: The silence became more urgent and corpse like – wo finden Sie solche Sätze?

 

 

 

 

Ich weiß leider nicht genau, wo solche Sätze herkommen … ein feines Geschäft mit einem Schaufenster, in dem die Sätze rumliegen, man kann ständig nachbestellen, das wär’s! (Lacht),

 

Irische Autoren werden überall in der Welt anerkannt, übersetzt und gelesen. Das beeinflusst möglicherweise sogar die Wahl ihrer Themen … Wie leicht ist es für den Nachwuchs, sich über Wasser zu halten?

 

Ihr Durchschnittseinkommen ist niedrig. Schreiben ist der einzige Beruf, für den man einen anderen Beruf braucht. Wenn man mich fragen würde, was die Teuerste Anschaffung meines Lebens war, dann würde ich sagen, es war meine Karriere, meine Romane, die waren teuer! Ja, es gibt diese Durchlässigkeit für die angloirische Literatur in andere Sprachen. Und wenn Sie sagen, dass es die Themen beeinflusst … ich glaube, man kann die irischen Autoren nicht für die Erwartungen ihrer Leser zur Rechenschaft ziehen. Manche Bücher haben mehr Erfolg im Ausland als andere, das sind die Gesetze des Marktes. Es gibt auch in der jüngeren Generation Autoren wie Eimear McBride, Sarah Bone, Daniel Mc Laughlin, sie schreiben ohne alle Kompromisse, nicht für die Übersetzungen. Ihre Geschichten sind komplex und unerschrocken, das ist wunderbar.

 

Es gibt auch Namen wie Cecilia Ahren und John Boyne, die international riesige Erfolge feiern mit trivialen Stoffen …

 

Die irische Fiction Laureate wedelt erschrocken mit den Armen. Kein Kommentar.

 

… muss ich mir den Literaturbetrieb hier zweigeteilt vorstellen, da sind die ernsten Autoren und die mit eher populären Stoffen?

 

Frage gerettet.

 

Dublin ist eine lustige Stadt. Man hat ein Buch geschrieben oder zehn und alle oder keines hat es auf die Bestsellerliste der New York Times geschafft. Das ist hier egal, alle Autoren sind gleich. Erst außerhalb von Dublin setzen die Klassenunterschiede ein, da fährt ja jemand ein dickes Auto! Und ich setze im Bus!! (Lacht). Wir Iren tuen uns schwer mit Status und der Vorstellung davon, dass jemand anders sich für wichtig halten könnte. Die werden dann schnell auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Die Literaturszene hier ist auch so gesund, weil etablierte Autoren sich aufrichtig für den Nachwuchs interessieren. Es ist eine großes Unternehmen, und alle arbeiten daran mit.

 

Sie sind die erste Fiction Laureate Ihres Landes, ein Amt, das vom Staat gestiftet wurde. Was müssen Sie tun?

 

Der Taoiseach (Titel des Premierministers) hat gesagt, es ist so etwas wie das Amt einer Botschafterin für die irische Literatur. Ich muss meine Brötchen aber verdienen, ich muss in Dublin und in New York Vorlesungen halten, ich muss Ausstellungen eröffnen … es ist ein repräsentatives Amt, ich muss präsent sein und tja, ziemlich viel Lächeln wird wohl auch erwartet.

 

In den letzten 20 Jahren sind die Frauen in Ihrer Profession nach vorne getreten, es gibt in Irland jetzt mehr Literaturprofessorinnen als früher, mehr Kritikerinnen, mehr Autorinnen. Sie wirken alle sehr selbstbewusst. War das eine kollektive Anstrengung? Gab es einen Moment der Selbsterkenntnis?

 

Nun ja, viele Schlüsselpositionen liegen noch in männlicher Hand. Unsere Männer hier sind gut darin, wichtig zu sein. Das schaffen Frauen nicht so gut, aber manchmal ist es eben wichtig, wichtig zu sein. Es ist wie ein Schattenboxen … Und es war ein langer, langer Weg. Und es gibt diese besondere Spielart der Misogynie hier in Irland, die sehr weit zurück reicht. Sie hat mir unserem Nationalismus zu tun, Irland ist ein sehr nationalbewusstes Land, und diese Kulturen tun sich oft schwer mit Frauen. Wenn Männer an eine Sache glauben, müssen Frauen sich vorsehen. Der irische Nationalismus war von Katholizismus geprägt, und das ist keine gute Religion für Frauen. Wenn sie sich jetzt aus der Deckung begeben haben, dann muss der Frust sehr groß gewesen sein. Und jetzt kommt das spezielle irische Paradox: Männer und Frauen in Irland verstehen sich riesig gut! (Lacht).

 

Deutschland hat furchtbare Erfahrungen mit dem eigenen Nationalismus gemacht. Aber jetzt sind wir da, wieder vereint, wir sitzen in der Mitte Europas und spielen eine Schüsselrolle auch in der Beseitigung der Finanzkrise. Das erzeugt im Ausland manches Unbehagen. Wie sieht man das in Irland, gibt es antideutsche Ressentiments?

 

Ich glaube, es gibt tatsächlich Vorbehalte. Deutschland schien so übermächtig als es uns wirtschaftlich so schlecht ging. Zögert. Jetzt muss ich zusehen, dass ich das richtig formuliere. Es gab diese Annahme, dass man in Deutschland denkt, dass wir Iren diese tolle Party hatten und dass wir jetzt nicht für das Katerfrühstück bezahlen wollen. Das war aber nicht so. Die deutschen Banken waren mit von der Partie. Sie haben den Crash mit verschuldet. Wir, oder jedenfalls ich, wollten von Deutschland also keine Kanzelpredigt bekommen. Mir gefällt auch die Idee nicht, dass man uns in Deutschland als eine Art Griechenland mit besseren Manieren sieht … (lacht). Und das wäre es auch schon. Wir Iren sind ganz gut im Leiden und auch darin, uns selbst zu bezichtigen. Aber wir haben nichts gegen Deutschland, das wäre rassistisch, und wir sind keine Rassisten. So ticken wir nicht, denn wir haben uns nie für so wichtig gehalten.

 

Bei allem Respekt, aber das hat sich in den Jahren des Booms geändert. Es gab diese Kette von Tankstellen, auf denen man das Logo lesen konnte: Proud to be Irish; es gab Berichte über Anfeindungen gegenüber den polnischen und afrikanischen Einwanderern, die damals ins Land kamen.

 

In allen europäischen Ländern, die in den letzten Jahren gewählt haben, gibt es einen Rechtsruck, rassistische und faschistoide Parteien machen das Rennen. Da machen wir Iren als einzige eine Ausnahme, bei uns hat die Partei Sinn Feín Zulauf bekommen, und die vertritt im weitesten Sinne linke ökonomische Ideen. Es gibt in Irland keine Partei, die offen rassistische Parolen vertritt. Das muss zählen. Und ja, natürlich passiert es, dass man in ein Taxi steigt und sich mächtig ärgert über den rassistischen Quatsch, den man dann hört. Als Land sind wir mit uns selbst beschäftigt, eher narzistisch involviert. Wir sind klein, wir wissen, dass wir klein sind, und das hat Auswirkungen darauf, wie wir die Anderen sehen.

 

Wir treten hinaus in die sonnenüberflutete Grafton Street. Anne Enright sucht einen Kiosk, sie will sich Stifte kaufen: Sie muss die Bücher, die im Keller der Buchhandlung warten, signieren. Sie sucht Gel Pens, Flüssigkulis, kauft gleich ein Dutzend. Offensichtlich gehört sie nicht zu den Autoren, die mit dem einen wichtigen Signierstift durch die Welt reisen.

In der Buchhandlung besteht das Embargo weiter, auch im Angesicht der berühmten Autorin. Es gibt einen Moment der Ratlosigkeit. Soll die Besucherin aus Deutschland wirklich ohne Anne Enrights neun Roman nach Hause fahren?

Dann findet sich eine irische Lösung. Es gibt da ein Mängelexemplar, das wird sicher niemand vermissen … nein, bezahlen kommt nicht in Frage.

 Literarische Welt, November 2015

 

Enright, Anne | Das Familientreffen

Sie sind zusammengekommen, um den toten Bruder Liam zu beerdigen. Sie heißen Bea, Ernest, Stevie, Ita, Mossie, Veronica, Kitty, Alice, Ivor und Jem. Wären noch alle Geschwister am Leben, wären sie zu zwölft. Wären alle geboren worden sogar 19. Eine typisch irische Familie also ? In gewisser Weise ja. Natürlich sind die Familien auch in Irland kleiner geworden. Und doch hat die Booker-Preisträgerin Anne Enright mit der Beschreibung dieser verschrobenen, verqueren, verkorksten und in sich doch eng verbundenen Familie einen Nerv getroffen. Die Hegartys, sie trinken zu viel Tee und zu viel Whisky, sie werden Alkoholiker oder Priester und werfen in wenigstens einem Falle mit dem Messer nach der Mutter. Das hört sich an wie ein dick aufgetragenes Irland-Klischee, und genau so ist es auch. Die irischen Qualitäten von Anne Enrights Roman „Das Familientreffen“ besitzen einen hohen Wiedererkennungswert, im Ausland genau so wie in Irland.

 

Man darf sich die Hegartys getrost wie eine typisch irische Familie vorstellen, allerdings ist es eine potenzierte Form der Familie, es gibt darin einfach viel zu viele Leute! Sehr viele Leser haben darin ihre eigene Familie darin wieder erkannt. Sie kommen zu mir und sagen, he, alle diese Typen wohnen bei uns, obwohl wir nur zu viert sind!

 

Nun hat Anne Enright nicht nur mit sehr viel Erfolg eine Erwartung bedient, sie bricht diese auch. Es ist schon lange kein Tabu, dass sich im Herzen der irischen Familie auch schreckliche Dinge zutragen. Viele Bücher sind in den vergangenen Jahren erschienen, in denen von sexueller Misshandlung Kindesmissbrauch die Rede ist. Allerdings, und das ist der entscheidende Punkt, das Thema hat die Schwelle des Autobiografischen kaum überschritten. Und hier darf man Anne Enrights Roman durchaus als einen Vorreiter betrachten.

 

Ich glaube, wir waren als Gesellschaft einfach noch nicht so weit, dass wir Romane über das Thema des Kindesmissbrauchs schreiben konnten. Es gab in den letzten Jahren viele Memoiren und Autobiografien, in denen Menschen ihr Schicksal erzählen. An dieser Integrität, mit der die Betroffenen von sich erzählen, muss sich die Literatur messen lassen. Das ist jetzt erst möglich, erst jetzt sind wir in unserer Gesellschaft so weit.

 

Veronica Hegarty ist die Erzählerin dieses Romans, sie steht ungefähr in der Mitte der Geschwisterkette. Sie ist 39 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Sie führt nach außen ein Durchschnittsleben. Nach innen eines, das sich hart am Rande der Neurose bewegt. Veronica trinkt zu viel und schläft zu wenig. Sie ist rastlos, begibt sich auf ziellose Autofahrten durch Dublin. Ihr Bericht gleicht oft einem Delirium: Sprunghaft ist er, rastlos und wütend. Während Veronica schreibt, bricht sich die Erinnerung Bahn. Und der Text, der dabei entsteht, imitiert den Vorgang der Erinnerung, wenn das, was erinnert werden soll, eigentlich schon gewusst, aber noch nicht bewusst ist. Veronica verdrängt, während sie noch wütet, sie legt immer noch eine Gedankenschleife ein, bis sich das, was erinnert werden soll, endlich nicht mehr zurückhalten lässt.

 

Ich möchte niederschreiben, was im Haus meiner Großmutter geschah in dem Sommer, als ich acht oder neun war. Aber ob es wirklich geschehen ist? Mit Gewissheit kann ich es nicht sagen. Ich muss von etwas Ungewissem Zeugnis ablegen und spüre, wie es in mir tobt – dieses Etwas, das sich vielleicht gar nicht zugetragen hat. Ich weiß nicht einmal, wie ich es bezeichnen soll. Man könnte es ein Verbrechen des Fleisches bezeichnen, aber das Fleisch ist längst abgefallen, und vielleicht lebt der Schmerz ja in den Knochen fort.

 

Veronicas Bruder Liam hat die Wiederkehr der Erinnerung nicht überlebt, er hat sich im englischen Brighton das Leben genommen. Es war ein sorgfältig geplanter Selbstmord, Liam hat sich seine Taschen mit Steinen gefüllt, und er eine hat Leuchtweste angelegt, damit sein Leichnam auch auf jeden Fall gefunden wird. Veronica hat dafür gesorgt, dass der Körper identifiziert und nach Irland überführt wird. Nun ist er aufgebahrt im Wohnzimmer der Hegartys, und alle Geschwister sind eingetroffen, um die rituelle Totenwache abzuhalten, und Liam zu beerdigen. Liam war Veronicas Lieblingsbruder, sie steht daher unter einem doppelten Schock, dem des Verlusts, und dem der wiederkehrenden Erinnerung. Das Ergebnis ist Wut, rasende, tobende, ungezügelte Wut, die sich vor allem gegen die Mutter richtet. Ihrer Mutter wirft Veronica vor, dass sie zu viele Kinder bekommen hat, dass sie diese vernachlässigt hat und dass sie gewusst hat, dass Liam und Veronica als Kinder missbraucht wurden.

 

Meine Mutter hatte zwölf Kinder und – wie sie mir eines Tages anvertraute – sieben Fehlgeburten. Die Lücken in ihrem Gedächtnis sind nicht ihre Schuld. Trotzdem, nichts davon habe ich ihr je verziehen. Ich kann es einfach nicht (…) Nein, letzten Endes verzeihe ich ihr den Sex nicht. Die Stumpfsinnigkeit dieses ständigen Bumsens. Beine Breit und Augen zu. Das hat Folgen, Mammy.

 

Veronica spricht viel von Sex und von Körpern, alten, kranken, zerfallenden und sterbenden Körpern. Das wirkt oft brutal in der Sprache und auch abstoßend, imitiert aber höchst realistisch jene Abneigung gegen Körperlichkeit und auch gegen Berührungen, wie sie bei Menschen entstehen können, die als Kind missbraucht wurden.

 

Die Figuren in meinem Roman wurden missbraucht, belästigt und dadurch beschädigt. Dieser Schaden prägt Veronica und in ihr ganzes Leben. Es ist fast so, als lebe sie in einer sexualisierten und dadurch vergifteten Umgebung. Aber ihre körperlichen Wahrnehmungen sind nicht auf den Sex beschränkt, es gibt da auch das Problem der Sterblichkeit, denn es ist ja unser Körper, der stirbt.

 

 

In der Psychotherapie unterscheidet man fünf Phasen des Trauerns, es gibt den Schock, die Wut, das Leugnen, die Verhandlung und die Zustimmung. Der Monolog der Veronica Hegarty wirkt auf den ersten Blick nicht so, als sei er sonderlich kontrolliert. Und doch lässt sich bei aufmerksamem Lesen jede einzelne Phase des Trauerns wieder finden, inklusive eines hoffnungsvollen Ausblicks am Ende des Romans. In dieser inneren Genauigkeit liegt der große Verdienst von Anne Enrights neuem Roman „Das Familientreffen“.

 

Deutschlandfunk, 2009