Flanagan, Richard

Flanagan, Richard | Mathinna

Der Australier Richard Flanagan gehört zu den originellsten Stimmen der australischen Gegenwartsliteratur. Gerne erzählt er eine Anekdote – als sein erster Roman wann? Erschien, weigerte sich die australische Presse, ihn zu rezensieren, denn er sprengte alle Genres. Der Autor nahm das als Kompliment und ist seinem Stil treu geblieben.

 

Kennzeichnend für Flanagans Romane sind dichte Plots mit vielen Figuren, die schon mal ganze Epochen oder Erdteile überspringen. Etwas Theatralisches haftet dieser Prosa an, die sehr knapp ist und bei aller Kürze viele Dialoge aufweist. Flanagan ist ein Meister der ironischen Tonlage, er liebt den Humor, auch den Schwarzen. So weit, so gut. Was Flanagan aus der Masse der Autoren heraushebt, die ähnlich versierte Techniken aufweisen, ist sein ungewöhnlicher Stoff. Flanagans erfolgreichster Roman, Goulds Buch der Fische, und auch sein jüngster, Mathinna, spielen in Australien, im Bundesstaat Tasmanien, dort wurde Flanagan 1962 geboren. Die weiße Besiedelung des Kontinents ist sein Thema, doch stellt er sich quer zu jeder australischen Tradition, die gleich zwei Mythen geschaffen hat, den vom heldenhaften Siedler und den vom ausgelöschten Ureinwohner. Beiden Mythen erteilt Flanagan eine Absage:

 

Die Europäer, die Australien verwalteten, versuchten, die europäische Ordnung zu imitieren – das war müßig, und kaum etwas ist trübseliger. Unter der Oberfläche geschah dabei etwas ganz Außerordentliches, das alte Europa verschmolz mit dem schwarzen Australien. Die Geschichte Australiens wird ja oft als vollkommene Kolonisierung und Zerstörung der schwarzen Kultur dargestellt. Das war aber nicht der Fall, das weiße Australien hat viele schwarze Werte übernommen, den Humor der Ureinwohner, ihre Beziehung zum Land, zur Familie, zur Zeit, zum Geschichtenerzählen. Das macht uns als Land interessant, in dieser Kultur bin ich aufgewachsen und darüber schreibe ich.

 

Es bleibt nicht bei dieser differenzierten Wahrnehmung eigener Geschichtsmythen. Richard Flanagan ist noch einen Schritt weiter gegangen, er hat die europäischen Wurzeln Australiens zitiert und ironisch gebrochen. Damit rüttelt er an dem Fundament, auf dem viele weiße Australier ihre Identität gebaut haben. Die erschrockene Reaktion seiner ersten Rezensenten zeigt, dass er damit an ein Tabu gerührt hat. Man kann Richard Flanagan, der längst ein anerkannter und preisgekrönter Gegenwartsautor ist, als einen Meister der doppelten Brechung bezeichnen. Wenn er über Australien schreibt, dann schreibt er eigentlich über den schmerzhaften Prozess, eigene Identitäten zu finden:

 

Als junger Mann habe ich in Europa gelebt und ich habe auch gedacht, ich sei Europäer und dann habe ich festgestellt, dass ich ganz anders bin als die Europäer. Die europäische Zivilisation ist großartig, doch meine Welt sieht ganz anders aus. Wenn ich also Schriftsteller werden wollte, konnte ich meine Welt nicht aus einem europäischen Blickwinkel betrachten, ich würde scheitern. Es war meine Aufgabe, eine ironische Distanz zur europäischen Romantradition zu schaffen.

 

Der Seefahrer ist eine Idealfigur für dieses Erzählanliegen, ist er doch auf der Suche nach neuen Kontinenten und metaphorisch gesehen unterwegs zum eigenen Ich. Zwischen seinen Forschungsreisen in die Antarktis war der Brite Sir John Franklin tatsächlich einmal der Gouverneur von Van Diemens Land, so hieß Tasmanien vor seiner Umbenennung in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Bei seiner Ankunft in der Kolonie erblickt seine Frau, Lady Jane, ein Eingeborenenmädchen, es heißt Mathinna. Die kinderlose Frau im mittleren Lebensalter adoptiert das Mädchen. Mathinna ist eine Waise, denn ihre Eltern wurden längst von den weißen Eroberern ausgelöscht. Lady Franklin setzt ihren Ehrgeiz daran, die junge Wilde zu zivilisieren. Sie wird kläglich scheitern, doch geben ihre pädagogischen Bemühungen Gelegenheit, den ganzen wissenschaftlichen Diskurs des 19. Jahrhunderts vorbeiziehen zu lassen, auch den Darwinismus, die Rassentheorie. In Mathinna, die kläglich und jung stirbt erfährt der Leser noch einmal das ganze Ausmaß der Kolonisierung. Dabei bemüht sich Flanagan um den Horizont der Zeit, er vermeidet auch im Gespräch den Begriff des Völkermords:

 

Ich würde den Mord an den Aborigines nicht als Genozid bezeichnen, das ist ein Begriff aus dem 20. Jahrhundert und meint, dass ein Staat aus ideologischen Gründen ein ganzes Volk auslöscht. In Tasmanien sprach man damals von einem Vernichtungskrieg, es gab keine ideologischen sondern wirtschaftliche Gründe, was die Sache nicht besser macht. Ich habe darüber geschrieben, weil es zu meiner australischen Identität gehört, und im Gegensatz zu Deutschland hat sich Australien nicht seiner historischen Schuld gestellt. Mich treiben aber nicht politische Gründe, diese Geschichte ist ein Teil von mir, und es ist die Aufgabe des Schriftstellers, über seine eigene Wahrheit zu schreiben.

 

Ein zweiter Handlungsstrang des Romans ist Charles Dickens gewidmet, der später von der inzwischen verwitweten Lady Jane Franklin in Dienst genommen wird, um das Ansehen ihres verschollenen Ehemanns Sir John Franklin zu rehabilitieren. Dickens Leidenschaft für die viel jüngere Schauspielerin Ellen Ternan, ist uns von Biografen verbürgt, aber auch Geheimnis umwoben. Mit großer Kunstfertigkeit verbindet Richard Flanagan diese Geschichte mit der der Franklins. Da, wo sie sich berühren, entsteht ein Drittes. Flanagans Roman ist nur an der Oberfläche ein Roman mit historischen Stoffen, im Kern kreist er um die Einsamkeit des Individuums und um die zerstörerischen Kräfte der Leidenschaft. Der Figur des Charles Dickens fühlt sich der Autor besonders verbunden, durch ihn dringt ein weiteres Thema an die Oberfläche. Ws geht in Mathinna auch um die Kraft des geschriebenen Wortes und um den Preis, den der Autor dafür zahlt.

 

Ich fühle mich allen Figuren nah, wollte keine beurteilen – aber vielleicht sollte ich Charles Dickens besonders erwähnen, mir gefällt die Vorstellung, über das Schreiben zu schreiben – diese Texte zeigen uns oft, dass im Schreiben auch eine vernichtende Kraft wohnt. Wenn man über den Erfolg des Werks hinausblickt, erkennt man, dass der Schriftsteller ein beschädigtes Wesen ist. Autoren leben müssen mit dieser modernen Vorstellung von einer Karriere leben, sie schreiten scheinbar von Erfolg zu Erfolg und werden dadurch größer. Aber ich glaube, für viele trifft das Gegenteil zu, sie schreiben wenig Gutes und viele schlechtes Sachen, und sie zahlen dafür einen großen Preis.

 

Richard Flanagans Roman gehört zweifelsohne nicht zu den guten, sondern zu den sehr guten Romanen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass er trotz seiner großen gedanklichen und stofflichen Dichte auch eine anregende und unterhaltsame Lektüre bietet.

 

Wie Tschechow einmal sagte – Autoren sollen nicht urteilen, sondern darüber berichten, was ihre Figuren sagen und denken. Die Leser sollen dann entscheiden, ob sie das interessant finden oder verachtenswert und oft gelangen sie zu ganz unterschiedlichen Einschätzungen – das liegt in der Natur des Geschichtenerzählens, sie spiegeln uns das Chaos und die Widersprüche des Lebens, und sie erinnern uns daran, dass wir mit unseren zerrissenen Seelen nicht allein sind, alle diese inneren Kämpfe und Widersprüche und Dunkelheiten und Grenzüberschreitungen spielen sich nicht nur in uns selbst ab, sondern in allen Menschen.

 

Deutschlandfunk, 2009