Fox, Paula

Fox, Paula | Der kälteste Winter

Paula Fox war 23, als sie sich nach Europa einschiffte. Dort schrieb man das Jahr 1946. Hinter diesen beiden Zahlen verbirgt sich das Geheimnis ihres neuen Buchs. Wer mit 23 irgendwohin geht, der sollte aufbrechen; doch Europa lag 1946 starr vor Kälte und Entsetzen. „Wenn es taute, so sagte man uns, würden die Leichen der Gefallenen des Warschauer Aufstandes zum Vorschein kommen“, bemerkt Paula Fox in einem jener knappen Sätze, in denen alles gesagt ist.

Wenn sich die heute 80jährige Paula Fox an die zurückliegende Reise durch London, Paris, Prag, Warschau und Barcelona im Nachkriegswinter erinnert, durchmisst sie einen großen Zeitraum. Es wäre möglich gewesen, das damals Erlebte zu deuten oder zu korrigieren. Paula Fox hat einen anderen Weg gewählt. Sie fügt sich ein in die damals 23jährige, für die der Tod das Schicksal der Anderen war. Darin liegt der Charme ihres Textes, aber auch seine Verwundbarkeit. Paula Fox schreibt, eigentlich müsste man sagen: sie erzählt mit jener naïveté, die zu ihrem damaligen Lebensalter gehörte. Hitler erwähnt sie mit keinem Wort und reist, wiewohl Abgesandte einer kleinen Nachrichtenagentur, auch nicht zu den Nürnberger Prozessen nach Deutschland. Ihr Auftrag war persönlich, unpolitisch und nur im Ansatz journalistisch. Ganz ohne das Wohlwollen ihrer Leser kommt Paula Fox dabei nicht aus, etwa wenn sie Jean-Paul Sartre in Saint Malo trifft, ihn weder erkennt, noch eine differenzierte Auskunft über das intellektuelle Leben jenseits des Atlantik zu geben vermag: “ Ich erinnerte mich vage, schon von ihm gehört zu haben, und verfluchte meine Dummheit.“

Der staunende Blick von damals ermöglicht es ihr heute, sich auf Details zu konzentrieren. Fast beiläufig schafft Paula Fox so eine große atmosphärische Dichte. Es brannten Kerosinlampen, die Warschauer Bettdecken waren 1946 steif gefroren. Wenn Paula Fox von dem Tschechen Jan berichtet, der seine Zwillingstöchter Josef Mengele überlassen musste, und in dessen Gesicht seither ein halbirres Lächeln festsitzt, nimmt das Entsetzen in der Stille und Dunkelheit des Nachkriegswinters Gestalt an.

Zahllose skurrile oder gescheiterte Existenzen kreuzen den Weg der jungen Frau, die gerade flügge geworden ist. Einem betrunkenen Winston Churchill verläuft nach einer Filmaufnahme die Wimperntusche. Die Überlebende eines Konzentrationslagers markiert ihre Weinflasche, um herauszufinden, ob jemand daraus getrunken hat. Manche Gestalten bekommen in der Beschreibung der Paula Fox fast surreale Züge. Der Zeitungsjunge mit Holzbein; der Offizier, der sich in Zeitlupe ein Ei pellt; ein junger Brite, der vielleicht kein Brite ist, dafür aber unter seinem Ulster splitternackt sein soll. Solch starke Visualisierungen geben die Tochter des Drehbuchautors preis. Den europäischen Winter 1946 wird man sich nach der Lektüre schwarz-weiß vorstellen, die entsprechenden Abbildungen verstärken das poetische Vibrato des Textes.

Wie eine dunkle Grundierung liegt Paula Fox‘ freiwilliges Exil in die Katastrophe hinter allem Gesagten. Über ihre Beweggründe schweigt sie beharrlich, bemüht bis zur Unkenntlichkeit hinter ihren Erinnerungen zu verschwinden. Wer ihre früheren Bücher, insbesondere ihre Kindheitsautobiografie „In fremden Kleidern“ gelesen hat, der ahnt, dass sie nach homöopathischen Prinzipien verfahren sein muss. Sie kurierte des Schlimme mit dem noch Schlimmeren. Als unerwünschtes und ungeliebtes Kind eines Künstlerehepaars wurde Paula Fox in ihren frühen Lebensjahren von einem Haus ins nächste abgeschoben. Der jungen Erwachsenen aber öffnet sich manche Tür, die anderen verschlossen bleibt. In New York verkehrt Paula Fox mit Künstlern wie Billie Holiday, Duke Ellington, Paul Robeson. Auch in Europa landet sie in den angesagten Kreisen. Ehepaare aus der linken Bohème sind ihre Gastgeber, sie findet Anstellung als Lektorin in einem Verlag und modelt für eine Modezeitschrift, bevor sie bei der Nachrichtenagentur eines englischen Lords anheuert.

Da Paula Fox die persönliche Dimension ihrer Reise ausspart, wirken ihre Erinnerungen manchmal fast spröde. Jedenfalls laden sie nicht ein, an der inneren Reise teilzunehmen, von der uns die Autorin am Ende versichert, es sei die Initiationsreise ihrer Adoleszenz gewesen: „(…) und doch hatte mein Jahr dort mir etwas jenseits meines eigenen Lebens gezeigt, hatte mich von Ketten befreit, von deren Fesseln ich gar nichts geahnt hatte, hatte mich etwas anderes sehen lassen als mich selbst.“

Dem so geschärften Blick verdanken wir kostbare Momentaufnahmen aus Europas kältestem Winter. Die Metapher erinnert daran, wie sehr es einmal Winter war in Europa, und dass es noch nicht lange her ist.

 

Die Zeit, 2006