Franzobel

Franzobel | Das Fest der Steine

Franzobel, flüsterten schon vor einiger Zeit Kollegen, den Franzobel müsste man mal gelesen haben. Mit einem achtbaren Maß an Bequemlichkeit und einem gesunden Riecher für’s Unwegbare ausgestattet, lehnte ich bislang dankend ab. Aus den Augenwinkeln war zu verfolgen, dass die franzobelsche Leseliste rasant wuchs und nicht schlanker wurde, der vorletzte Titel, Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt (2000) nahm immerhin 400 Seiten in Anspruch. Er wurde übrigens sehr gelobt, was auch für Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit (2002) zutraf. Furios, schrieben die Profileser, grandios, virtuos, bravo!

Den jüngsten Roman, Das Fest der Steine oder Wunderkammer der Exzentrik aufschlagend, war also schon klar, dass so viel persönliche Nachlässigkeit nicht aufzuholen war. Es galt wohl oder übel, Franzobels „Wunderkammer“ im Stand einer Novizin zu betreten. Auch zeichnete sich auch ab, dass Umschichtungen im Gange waren, Franzobels Verehrer (viele) hatten erstmals Bedenken angemeldet, Franzobels Feinde (viele) waren ins gegenüberliegende Feld gewechselt. Vorsorglich hatte Franzobel selbst das Wort ergriffen, alle Kritiker ob mit ihm gerade beschäftigt oder nicht zur Raison gebracht. „Ich bin zu groß fürs Feuilleton“ ließ er titeln und beklagte das allgemeine Unverständnis, welches seinem magnum opus entgegenschlüge. Irgendwer ließ im Eifer des Gefechts sogar das Wort „Weltliteratur“ fallen.

Weltlitertaur, oha. Kritikerbanausen. Da nimmt man Haltung an. Es geht auch gut los im Fest der Steine. Der griechische Diskos von Phaistos ziert Frontispiz und Schlussmarke, die Scheibe ist rund und sehr alt, ca. 1600 Jahre. Ihre Inschrift ist noch nicht entziffert, sie gilt als Wiege des Alphabets. Die Antike, Sokrates und das Scherbengericht! Das Buch einmal von hinten aufgeschlagen (alter Kritikertrick) entdeckt man die sieben Todsünden, nach denen die Teile des Romans benannt sind, auch diese Klippe wäre genommen. Der Horizont (vulgo: Die Zeitschiene) reicht also von der Antike übers alte und neue Testament bis in die Gegenwart. Geschafft. Rein ins Vergnügen.

Auftritt Danny Milchmann, Zwerg, Hypnotiseur, Jude. Vom Mossad in Argentinien (Schauplatz: Argentinien) ausgesetzt und da hängen geblieben, obwohl sein Opfer, Adolf Eichmann, Eichmännchen sagt der Danny, längst geschnappt und gekürzt wurde. Danny hat gerade einen Riesen namens Jahn gekidnappt, warum ist nicht ganz klar, wegspeichern, notieren fürs Ende, jetzt wird nicht schon wieder geschummelt. Eichmännchen ist gut, Danny ist gut, (Oskar Mazerath, Owen Meaney), Hypnotisieren ist gut, eine Nazigroteske kann gut sein, diesen Punkt für später aufheben. Ein jüdischer Erzähler ist immer gut. Wenn man nicht selber Jude ist, die nächstbeste Lösung. Was erwarten wir? Chuzpe, Charme, wohldosierte Respektlosigkeit dem Holocaust gegenüber, ein Gran Tristezza in den Augenwinkeln. Weltläufigkeit eben. Was tut Danny jetzt? Er quatscht. Er muss seinem Opfer eine Geschichte erzählen. Außerdem fährt er, bestimmt was Großes, einen Bentley, vielleicht auch einen Lieferwagen. Notieren: Rahmenhandlung, Roadmovie, Erzählstimme = Danny.

Auftritt eine erste Hauptperson, Oskar Mephistopheles Wuthenau. Nomen est omen, behauptet Danny. Na, den hätten wir auch ohne Hilfestellung gemerkt. Wuthenau, jahrgang 1931, 1957 nach Argentinien emigriert, wird bald die Hauptperson, aber erst fällt ein Baby in einen Liftschacht, keine Ahnung warum, notieren, Irrweg. Eine Orgie wird erwähnt, Wuthenau fängt bald an zu essen, das wird er bis zum Ende des Buches nicht mehr lassen, dann wiegt er 160 Kilogramm. Außerdem schwingt er Nazi-Stammtischparolen bis zum Überdruss, ohne dass das wirklich nervt, man mag den Wuthenau mehr als den Danny, cleverer Schachzug das, klären wie und wozu, vielleicht hat danny Mundgeruch, aufheben bis zum Ende denn jetzt:

Purzelt das Personal in die Handlung. Jetzt geht’s auf einmal sehr schnell, und alle sind da, dann verschwinden sie wieder, treffen sich in ein paar Jahrzehnten nochmal oder in Wien (Schauplatzwechsel) oder in Verkleidung oder unter Enthüllung ihrer bisherigen falschen Identität (notieren: Multiple Persönlichkeiten, Schizophrenie, Freud). Spätestens jetzt wäre es Zeit gewesen für den Zettelkasten, um sicherzustellen, dass die Wege der Figuren auch schlüssig sind (notieren: Joyce, Bloom). Ein Versäumnis, welches sich 643 Seiten später nicht wieder aufholen lässt, andererseits will man ja noch etwas für die Nachwelt lassen. Einige Profileser haben sich übrigens auf den Standpunkt zurückgezogen, es gäbe gar keine Handlung oder es würde 200 Seiten brauchen, sie nachzuerzählen, pah!

Also Auftritt Ricardo Klement alias Eichmann noch lebend. Familie Urwaschl, Möbelfabrikanten, Wuthenaus Angehörige (scheinbar! scheinbar! – notieren: Findelkind, Komplex, Familienroman, evtl.Postmoderne), gerade noch lebend, bald schon tot. Austin Seber, Kriminalinspekltor, der diesen und andere Morde aufzuklären hat. Noexl sei schon mal erwähnt, sein furzender Assistent, namensgleich mit der schönen Noelia, aber trotz eines momentanen Erkennens ist Noelia Wuthenaus Schwester, nicht Noels. Das wissen wir erst am Schluss, als Fritzchen, Wuthenaus Sohn, eine Platte abhört, die Tante Milli (bleibt fast den ganzen Roman über in Wien und stickt) lieber hätte verschwinden lassen sollen. Dann kommt raus, dass Wuthenau der Sohn von Dealern und Verbrechern ist, nicht besser als Bopi und Villanueva, der Macho aus Salzburgo, der immer „Fuck “ sagt und Wuthenaus Schwiegereltern umgebracht hat, das alles aus Geldgier, weshalb Wuthenaus schöne Frau Gucki besonders traurig ist, die Tochter des Schwammenschneiders, der Wuthenau Arbeit anbot in Argentinien bevor der zu Chaim Reich alias William Billighurst kam, einem Glühbirnenfabrikanten, später ließ Billighurst den Wuthenau ein Atomkraft bauen, so war es, und in die DDR reisen durfte Wuthenau auch, um die Brecht-Medaille in Empfang zu nehmen. Ziemlich genau so ist es gewesen. Bleibt zu erwähnen, dass die Handlung ihren Ausgang in einer Napola-Anstalt (Rückblenden, nachzählen, wie viele) in Österreich nahm, und einige der damaligen Zöglinge sich ständig in Argentinien auf der Pelle liegen, warum ist nicht ganz klar (untersuchen: Freier Wille oder Schicksal?). Und die Legende gibt der Erzähler, Danny, der nicht vergessen werden soll, denn ab und zu meldet er sich zu Wort, auf S. 289: Austin Seber könnte Reinhard Heydrich gewesen sein, Kaysalek der Hitler, Ramelow der Himmler, Madlen, die hicksende Prostituierte wäre Leni Riefenstahl. So ein Inhalt ist bei Franzobel ist leichterdings erzählt, und jetzt, wo man weiß, dass es sich im eine Nazi-Farce handelt, kann man auch elegant auf den Punkt kommen, das besagte Fest der Steine, eine Steinigung.

Diese ereignet sich im 3. Kapitel der Abteilung „Wollust“ am Valentinstag 1958. Es beginnt mit einer Orgie, in die fast alle der oben genannten involviert sind. Sie ist exakt zwischen sehr grässlich und absolut komisch justiert, sie findet ihren Höhepunkt im Mord eines gewissen Tarek Wassertrüdingers, der das Massaker von Lidice als Kind überlebte, und der seither sein Leben fristet, indem er in Schränke scheißt. Tarek Wassertrüdinger huscht wie ein Schatten in diesen Roman, er taucht als Gelegenheitsdieb auf der Straße auf, er verfolgt Eichmann in seinen Nächten und seinen Herrennachmittagen im Klub. Nach der besagten Orgie wird er ohne große Mätzchen gesteinigt, was sich so liest: „Er war die Nachspeise der Orgie, das Wassertrüdinger-Dessert, alle waren geil, satt und berauscht (…) und allmählich war von dem Wassertrüdinger – Gesicht nichts mehr übrig, die Augenbrauen hingen schlapp herunter wie eine kleine Scham, die Lippen verformt, die Ohren im Gras wie verfaulte, eingedepschte Mostbirnen, der ganze Schädel Gatsch, weiße Sehnen im rosaroten Fleisch, eine Blutfontäne schoss daraus hervor“. (Notieren: Pietätlos, Grenzüberschreitung, Zentralrat der Juden mit Fragzeichen, Mitscherlich mit Fragzeichen, Stil: Gryphius, Slam und Bahnhofsdurchsage).

Dass seine Leser sich an dieser Passage abarbeiten würden, mag Franzobel gehofft haben, ein Skandal flankierte schon so manches Meisterwerk. Man könnte ihm unterstellen, er habe das letzte Tabu seines Kulturkreises instrumentalisiert. Oder man könnte eine epochale Schwelle ausfindig machen, das Lachen, auch das schmerzverzerrte, markiert den Weg der Genesung.

Könnte aber auch sein, dass der Franzobel gar nichts beabsichtigt hat, sondern nur so vor sich hin franzobelt hat, ja, so wird es gewseen sein, er hat franzobelt! Ja, so wird es, so muss es gewesen sein.

 

Die Zeit 2006