Freud, Esther

Freud, Esther | Liebe fällt

Wenn sich die Londoner High Society den Sommer in italienischen Landhäusern vertreibt, erledigen die Hitze und der Müßiggang den Rest. Nicht enden wollende Tag, gähnende Langeweile, eine Jeunesse Dorée, der es an nichts mangelt, nie mangeln wird. Man trinkt zuviel, stößt sich gegenseitig in den Pool, besucht einen Nachtclub in Siena. Man füßelt beim Dinner, fummelt und kopuliert. Nicht viel anders hält sich die ältere Generation, sie ist zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt. Deren Vertreter blicken auf wechselnde Liebschaften zurück, auf wenigstens ein verprasstes Erbe, wenigstens eine ungeklärte Vaterschaft. Und auch dies: den einen oder anderen Empfang bei der Queen. Fragt Sir Andrew Willoughby die Queen, wie er denn aus einer unliebsamen Einladung zum Lunch mit einem Mitglied des Parlaments herauskäme? Setzt ihn die Queen in Kenntnis, es sei keine Einladung, sondern eine Vorladung. Wie er aber herauskäme? Melden Sie sich am Morgen unpässlich. Die Anekdote zeitigt den gewünschten Effekt, lachend krümmt sich die Dinnerparty des Sir Andrew Willoughby.

Nun sind die Marotten der britischen Upperclass so spruchreif, und sie wurden in jüngster Zeit auch so oft gerichtet – man denke an die jüngsten Romane eines Edward St. Aubyn -, dass man unweigerlich denkt, man müsse sich in einer Farce befinden, kaum setzt man den Fuß über die Schwelle dieses Romans. So ist es aber nicht, diesmal nicht, und auch in keinem der früheren Roman der Esther Freud. Ihr Blick bleibt sachlich, ganz unparteiisch. Nichts entgeht ihr, sie lässt jede Figur zum, sie richtet nicht. Diese Perspektive der Autorin speist sich aus Sympathie, ist aber mit Naivität nicht zu verwechseln. Sie passt vorzüglich zu dem ganz eigenen, ganz unverwechselbaren Ensemble, das Esther Freud ein ums andere Mal kreiert. Dabei legt sie eine solche Unbefangenheit und einen solch unaufdringlichen Gestaltungswillen an den Tag, dass man ihr sofort gewogen ist.

„Liebe fällt“, „Love falls“ im englischen Original, ist der sechste Roman der britischen Schriftstellerin. Esther Freud wurde 1963 geboren und debütierte nach einer abgebrochenen Laufbahn als Schauspielerin 1991 mit „Marrakesch“. Dieser Roman handelt von einem kleinen Mädchen, das als Tochter einer Hippiemutter durch Marokko zieht. Der Roman war stark biografisch geprägt, und die folgenden sind es auch. Neben der Mutter, die sich gesellschaftlichen Spielregeln verweigert, spielen abwesende Väter eine tragende Rolle. Es sei der Vollständigkeit halber gesagt, dass sich hinter der Autorin eine fast bedrückende Linie männlicher Vorfahren erhebt, die so erfolgreich waren, dass sie für Angehörigen unerreichbar gewesen sein müssen. Sigmund Freud, Psychoanalytiker. Ernst Freud, Architekt. Lucian Freud, Maler.

Auch dieser Roman wird aus der Perspektive einer weiblichen Hauptfigur erzählt. Lara ist die uneheliche Tochter eines unnahbaren Vaters, der bei ihrer Geburt viel älter war als die Mutter (sie zog mit Lara durch Indien, nicht durch Marrakesch). Nur das Nötigste ist über den Vater zu erfahren. Er stammt aus Österreich, war fünfzehn, als ihm eine betuchte englische Familie kurz vor Ausbruch des Krieges Zuflucht gewährte. Er nannte sich Lambert statt Wolfgang und kehrte nie nach Österreich zurück. In der Erzählgegenwart, man schreibt das Jahr 1981, ist Lara siebzehn Jahre alt. Sie folgt ihrem fast sechzigjährigen Vater für einen Sommerurlaub nach Italien in das Haus einer Freundin.

Es war der Vater, der sie bat mitzukommen. Aus der Vatersuche ist eine Tochtersuche geworden. In äußerst diskreter Art umkreisen sich die beiden Protagonisten, ohne dass ein Anliegen je formuliert würde. Und doch entsteht so ein Strom, eine subkutane Spannung, unter der die folgenden, scheinbar banalen Ereignisse des Sommers vibrieren. Esther Freud erweist sich in deren Reihung als Langstreckenläuferin. Sie erzählt chronologisch, Tag für Tag, fast Stunde für Stunde. Sie widersteht der Versuchung, ein wenig aufzupeppen, ein wenig Farbe beizumischen. Bei aller Reduktion entsteht so eine ganz eigene Aura, und der Text wird so suggestiv, dass man weiterlesen würde, selbst wenn nichts, rein gar nichts mehr geschähe, eine Annahme, die sich beim Leser immer wieder einstellt, mit der die Autorin auch jongliert.

Es kommt der Abend, an dem Lambert und Lara eine Einladung bei den Willoughbys annehmen. Sir Andrew logiert mit seiner offiziellen Geliebten, mit seinen unzähligen Töchtern, mit deren Familie und mit seinem jungen Erben Kip im benachbarten Landgut. Lara verliebt sich in den charmanten Kip. Sie überhört eine Konversation zwischen Willoughby und einer weiteren Geliebten, in der dieser darauf anspielt, dass Lambert Kips Vater sei. Während die Leidenschaft zu Kip Lara aufzehrt, quält sie der Verdacht, sie könnte in einem inzestuösen Verhältnis feststecken. Damit wechselt auch die Szenerie des Romans ganz so, als würde eine zusätzliche Kulisse auf die Bühne geschoben. Die Gesellschaftsposse mutiert zum Familiendrama, die offene Landschaft weicht geschlossenen Räumen mit dünnen Wänden und geflüsterten Halbsätzen. Neue Konstellationen deuten sich an und verschwinden. Das 18. Jahrhundert, in dem die britische Upperclass ja irgendwie feststeckt, reckt seinen Kopf. Es fügt sich ein in die seelischen Zustände des 20. Jahrhunderts, dessen Geschichte der alternde Historiker Sir Lambert Gold so unermüdlich verfasst. Auch in diesem Roman spürt man Esther Freuds Nähe zum Theater. Eine dramatische Konstellation liegt der Handlung zugrunde, und wie auf der Bühne treibt die Psychologie der Figuren das Geschehen voran. In der Erzählgegenwart öffnen sich immer nur kleine Fenster, hinter denen die Vergangenheit dieser Figuren vorbeihuscht.

Seine Geschichte des 20. Jahrhunderts wird Lambert Gold nicht zu Ende bringen. Wie viele reale Personen, die den Holocaust überlebt haben, steckt er fest in der unermüdlichen Kleinarbeit des Historikers, der sein eigenes Überleben vor allen, die er geliebt hat, begreifen will. „Mich interessieren nur die Lebenden. Nicht die Toten“, sagt Lambert Gold einmal, und die Lektüre von Esther Freuds Roman lohnt sich schon allein deshalb, weil man herausfinden sollte, an welcher Stelle und warum er dies sagt. Ja, und es gibt auch ein Denouement. Doch ist Esther Freud eine viel zu dezente Erzählerin, um sich irgendeiner Knallcharge zu bedienen. Ihre Auflösung präsentiert sich so wie das gesamte Unterfangen, sie ist ergreifend und sie ist schlicht. „Liebe fällt“ ist darum schlicht und ergreifend ein guter Roman. In der geschmeidigen Übersetzung von Anke und Eberhard Kreutzer stehen einige wenige Begriffe herum wie sperrige Möbelstücke – Siena hat sicher Stadtviertel, aber keine Distrikte; man sagt zwar „Goodnight“, aber nicht „Gutnacht“. Solche Querschläger können diesen Roman nicht kippen.

 

Die Zeit, 2008