Gauß, Karl-Markus

Gauß, Karl-Markus | Die versprengten Deutschen

Sie leben in den Plattenbauten der östlichen Länder, in fast vergessenen Dörfern, heruntergekommenen Großstadtstraßen. Sie sind die Nachfahren von Auswanderern, die schon so lange weg sind, dass sich hierzulande keiner mehr an sie erinnert, sie gingen im 12. Jahrhundert oder auch im 19. Oder sie sind Flüchtlinge, aus Ostpreußen, gehörten zu einer politischen Einheit, an die man sich sehr wohl erinnert, die man aber lieber vergessen möchte.

Die Rede ist von den versprengten Deutschen. So hat der österreichische Essayist und Schriftsteller Karl-Markus Gauß eine Volksgruppe genannt, die eigentlich keine ist, dafür sind es ihrer zu wenige. Gauß hat die Deutschen des Ostens besucht, dort wo sie noch leben, in Litauen, in der slowakischen Zips und am Schwarzen Meer.

 

Der Unterschied ist der, dass die Deutschen die traurigste Gruppe war, die ich je besucht habe, sie haben überhaupt keine Lebensfreude

 

Seit mehr als zehn Jahren bereist Karl-Markus Gauß den Osten und Südosten Europas, immer auf der Suche nach Minderheiten, die sich an ethnischen, geografischen, politischen oder linguistischen Grenzen niedergelassen haben. Er hat über die Roma geschrieben, die Ruthenen, die Gottscheer, die Arbereshe, die Sorben. Und immer wieder ist er bei seinen Reisen auf die Nachfahren von Deutschen gestoßen. Bei allen Unterschieden eint sie die Tatsache, dass sie in einem geschichtsleeren Raum leben, dass ihre Existenz fast vergessen ist. Diese Deutschen haben meist nur noch rudimentäre Sprachkenntnisse, fast immer einen Fatalismus, der darauf zurückzuführen ist, dass kaum jemand den letzten Weltkrieg so sehr verloren hat wie sie.

Karl-Markus Gauß beginnt seine Spurensuche mit dem Schicksal der Luise Quietsch. Luise Quietsch ist ein sogenanntes Wolfskind. Wolfskinder sind Kinder, die bei dem großen Treck im Winter 1944 aus Ostpreußen von ihren Eltern getrennt wurden, die, wenn sie Glück hatten, neue Familien fanden, und eine neue Identität. Jahrelang wurde Luise Quietsch von Bildern heimgesucht, deren Gültigkeit sie erst belegen konnte, nachdem das Wort „Hampelmann“ sich seine Bahn gebrochen hatte. Luise Quietsch suchte und fand andere Wolfskinder, 1991 gründete sie im litauischen Vilnius den Wolfskinder-Verein „Edelweiß“. Karl-Markus Gauß berichtet, dass ihr kurz darauf Avancen von rechtsradikalen Vereinen mit Sitz in der Bundesrepublik gemacht wurden. So nimmt denn auch der Autor, ein Reisender, der mit dem Rüstzeug des linksliberalen Intellektuellen gewappnet ist, mit seinem Buch eine Standortbestimmung vor:

 

Ich habe mir gedacht, ich werde mir jetzt nicht das deutsche Thema verbieten lassen … oder weil es sehr lange, etwas pauschal gesagt, ein Thema von den Rechten war

 

Schiefen nationalistischen Tönen setzt Karl-Markus Gauß die genaue Recherche entgegen. Allein in Litauen macht er vier deutsche Volksgruppen ausfindig, ehemalige Memelländer, Litauendeutsche, Russlanddeutsche und die Wolfskinder. Gauß hat erfahren, dass unter ihnen keineswegs Eintracht herrscht. Die Verbitterung über das eigene Schicksal schlägt allzu gerne um in den Versuch, sich von der jeweils anderen Gruppe abzugrenzen. Ressentiments und auch fremdenfeindliche Reflexe gehören mit zum Kanon. In Vilnius ist Karl-Markus Gauß auf die Aussage gestoßen, die Bundesrepublik vernachlässige die Wolfskinder, ihre finanziellen Zuwendungen und ihre politische Aufmerksamkeit gelte allein den verbliebenen Juden in der Stadt.

Antisemitische Töne mischen sich so mit biografischer Authentizität. Es ist eine Stärke der Reiseberichte von Karl-Markus Gauß, dass er solche Unebenheiten nicht glättet. Gauß sucht weder die vereinheitlichende Definition, noch hat er für alles politsche Lösungen anzubieten. Lieber schaut er genau hin, beschreibt dann ebenso genau, was er gesehen hat. Aus Einzelschicksalen entsteht so ein oszillierendes Ganzes, welches in seinern vielen Schattierungen höchstens noch von der Wirklichkeit übertroffen wird. Der Schriftsteller und Essayist Gauß gibt damit seinem eigenen Geschichtsbild Ausdruck. Statt geschichtsprägender Systeme, Ideologien und Prozesse steht bei ihm der Mensch als Handlungsträger im Vordergrund.

 

Ich glaube, dass es eine fatale Entwicklung war in den gesamten Wissenschaftsdisziplinen, dass sie nur noch auf Strukturen und anonyme Prozesse, selbstlaufende geschichtsmächtige Tendenzen hin orientiert sind (…) Ich glaube, dass trotz allem die Geschichte nicht von anonymen Prozessen geleitet wird, sondern trotzdem von den Menschen.

 

Da sind die drei alten Memelländerinnen, die nach Ostpreußen evakuiert wurden, die nach Litauen zurückkehrten unter falschen Vorstellungen und falschen Versprechungen, die den Heimatort verwahrlost und den Gutshof der Kolchose einverleibt fanden. Da ist der Redakteur des slowakischen Karpatenblatts, der weiterschreibt, auch wenn bald keiner mehr da sein wird, der noch versteht, was er schreibt. Da ist der Ingenieur, der dabei geholfen hat, die Kirche des ukrainischen Dorfes Elsaß zu einer Turnhalle umzubauen, da es keine Deutschen mehr gibt, die in der Kirche beten wollen. Nun glaubt Wassiliwitsch, dessen Tochter an Krebs gestorben ist, Gott wolle strafen für seine Frevel.

Geiwss, die eine oder andere Begegnung gerät Gauß zur Karikatur. Das gehört mit zur Bandbreite des Textes, denn Gauß klammert sich als fühlende und denkende Instanz nicht aus. In der Tradition der angelsächsischen Reiseberichts hat er sich eine eigene Form geschaffen, in der sich das historische Apercu mit der gelebten Begegnung und der Reflexion des Autors verbinden.

 

Ich habe mir die Form selbst erfunden (…) Ich will beides nicht lassen, ich will informieren und recherchieren und sagen was los ist, und das auf eine Weise, die nicht ein historisches Sachbuch ist. Ich will auch nicht so tun, als wäre da eine anonyme Instanz hingefahren, ich bin eitel genug, dass ich mich selbst mit erzähle.

 

Karl-Markus Gauß will Literatur gestalten. Über gescheiterte Menschen schreibt er lieber als über die erfolgreichen. Aus dem gleichen Grund drängt es ihn immer wieder an die Ränder Europas, dorthin, wo sich die Schichten der Moderne und der Vergangenheit krachend übereinander schieben. Der am Skurrilen und am Zufälligen, an der Poesie des Zerfalls geschulte Blick des Betrachters wird dort immer fündig werden, wo das Internet und die Marienverehrung nebeneinander bestehen können.

 

Einmal habe ich mir bei den Schwarzmeerdeutschen die Hand verletzt, und dann wurde ich dort nicht zu dem einzigen Arzt im Ort gebracht, sondern zu einer alten Dame, die hat die Hand aufgelegt, psalmodierende Zaubersprüche gesprochen, es hat auch aufgehört zu bluten.

 

Auch im jüngsten Buch des Karl-Markus Gauß gehen Zeitgeschichte und die Literatur eine eigenwillige Symbiose ein. Eine bessere Chronik kann man den vergessenen Minderheiten des Ostens kaum wünschen.

 

Deutschlandfunk, 2005