Gavalda, Anna

Gavalda, Anna | Alles Glück kommt nie

Die männliche Hauptfigur dieses Romans heißt Charles Balanda und würde keine Wahrscheinlichkeitskontrolle überstehen. Gleich zum Auftakt kauft der Mittvierziger seiner unausstehlichen, pubertierenden Stieftochter Mathilde mehrere CDs, und befindet sich nach der Tat in einer ersten Sinnkrise – es dämmert ihm, dass es um Cash gegen Zuneigung geht. Ein unhaltbarer Zustand, findet Balanda, unser Mann, schreibt Gavalda. Unser Mann ist er auf jeden Fall, ein toller Hecht, ein Frauenversteher! Balanda schleppt schwere Gegenstände für Frauen durch die Gegend, hat als junger Mann seine Schwester zur Abtreibungsklinik begleitet und wird in Bälde seine Laufbahn als international geachteter Architekt an den Nagel hängen, denn eine alleinerziehende Mutter hat ihm den Weg zum Sinn des Lebens geebnet. Wie es eben so geht in der Midlifecrisis.

 

Die französische Erfolgsautorin Anna Gavalda schreibt Frauenliteratur der Güteklasse. Mit Tüchtigkeit, einer soliden literarischen Grundausstattung und einer Prise Selbstironie verwandelt sie den Herz-Schmerzroman in ein Produkt, das die gebildete Leserin auch in der U-Bahn aufschlagen darf. Man sollte sich auf moderne Architektur verstehen, schon mal was von sfumato gehört haben und ein paar Brocken Englisch besitzen, wenn man diesen Roman bestreiten will. Es ist der Dritte nach „Ich habe sie geliebt“ und „Zusammen ist man weniger allein.“ Allesamt sind sie Blockbuster und Bestseller, sind bereits verfilmt oder werden es in Bälde sein. Ausgerechnet der deutsche Hort hoher Literatur, der Münchner Hanser Verlag, ist schwach geworden und hat nun Gavaldas neuen Roman „Alles Glück kommt nie“ verlegt, der Titel ist eine etwas ungelenke Adaption des französischen „La consolante“.

 

Der feinfühlige Architekt Charles Balanda, bekommt im 47. Jahr seines Lebens schlechte Nachrichten. Er erfährt, dass seine Jugendliebe Anouk verstorben ist, sie war die Mutter seines Schulfreunds Alexis. Es ist der erste Brief von Alexis seit Jahren, und der Inhalt lässt Charles taumeln (so groß die Liebe, so schwer der Verlust inklusive der Last der Verdrängung). Er bricht aus seinem schicken Pariser Großstadtalltag aus und sucht Alexis in der Provinz auf. Dort reihen sich scheußliche Siedlungshäuser und es regiert zunächst die Spießigkeit. Doch dann hebt die kluge Gavalda an zu einer Rehabilitierung jenes Milieus, das der Pariser Bohème allenfalls zum Picknicken gereicht. In der Provinz, auf dem Fest einer Grundschule und schließlich in der Großfamilie einer englischen Aussteigerin findet Charles Balanda sein Lebensglück.

 

Gavalda bleibt nah dran an ihrem Protagonisten, bricht aber die Nähe mit kleinen, ironischen Seitenhieben. Bringt später einen Autor ins Spiel, der seine Figuren begutachtet. Damit löst eine junge, begabte Autorin in Frankreich so etwas wie einen Pawlowschen Reflex aus. Die neue Françoise Sagan!

Angesichts der kruden Stilmischung dieses Romans scheint dies aber weit hergeholt. Gavalda ist keine Erbin des Nouveau Roman, eher schreibt sie, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Die tragische Geschichte der Aussteigerin Kate bietet sie im Duktus einer Tolstoi als Monolog von schlappen hundert Seiten dar, anderswo verlegt sie sich auf Stakkato-Sätze und schnelle Schnitte, die das Drehbuch schon mitgedacht haben. Zum Thema des Glücks zitiert sie ein fiktives Handbuch der Academie Française und verwischt so alle auktorialen Spuren. „Warum sollte man sich das Vergnügen nehmen?“, fragt sie und erzählt das Happy-End trotz aller Mahnungen der Gralswächter in epischer Breite. Nun ja, welcher Torheiten soll man eine Autorin auch bezichtigen, die einen solchen Erfolg vorzuweisen hat? Der heiligt bekanntlich alle Mittel.

 

Anna Gavaldas Bücher sind so nützlich wie eine Flasche Rotwein oder ein heißes Bad an einem trüben Winterabend. Und was Charles Balanda betrifft: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Vielleicht gibt es unseren Mann ja doch. Irgendwo da draußen. Sonst lesen wir doch glatt den nächsten Roman der Anna Gavalda.