Goeudevert, Daniel

Goeudevert, Daniel | Das Seerosenprinzip

Herakles soll seinem gierigen Auftraggeber, dem König Eurystheus, drei goldene Äpfel bringen, die im Garten der Hesperiden wachsen. Er muss dafür dem Titanen Atlas die Last der Welt abnehmen. Unter dem Gewicht der Ökosphäre beginnt unser Held zu straucheln.

Der (ebenfalls griechische) König Midas wünschte, alles, was er berührte, möge zu Gold werden, und fast wäre er daran verhungert. „Schnöder Mammon“ (Neues Testament) regiert die Welt, seit die Israeliten ums Goldene Kalb tanzten (Altes Testament).

Die Weisheitstexte des Abendlands haben schon vor Jahrtausenden hinlänglich beschrieben, was wir derzeit erleben. Insofern sind die sich überstürzenden Nachrichten von Ölkrisen, Klimakatastrophen und Finanzkrisen nichts weiter als die sich erfüllende Prophezeihung. Nicht die Substanz der Krise überrascht, sondern deren Qualität, die den Kriterien der maximalen Beschleunigung und der maximalen Verbundenheit aller agierenden Personen unterworfen ist. Die eigentliche Krise spielt sich in unserem Bewusstsein ab.

Ein Blick in die Regale der Buchhandlungen, die sich unter der Last der zielgruppenrelevanten Ethik-Titel biegen, macht dies deutlich. Der ehemalige Automobilmanager Daniel Goeudevert hat sich einmal mehr zu Wort gemeldet mit pointierten Einblicken in die Eigendynamik aus der Welt des Managements. Pater Herman-Josef Zoche, bekannt durch seine Ethikseminare für Manager, nähert sich seinem Sujet aus dem Winkel der christlichen Ethik. Vor einem Schöpfungshintergrund argumentiert auch der Biologe und Philosoph Andreas Weber. An vielen Punkten berühren sich die Erkenntnisse aus Wirtschaft, Kirche und Biologie und lassen erkennen: Das Wissen um die Folgen unseres Wirtschaftens ist längst vorhanden, allein es fehlt die Tat.

No man is an island, kein Mensch ist eine Insel. Schon der elisabethanische Dichter John Donne wusste um die Verbindung aller Menschen zu allen. Doch nie war diese so eng wie heute. Ausdruck und Werkzeug, Metapher und Produkt unseres Zustands ist das Internet. Es verbreitet die Entscheidung eines Einzelnen schneller noch als alles, was der Götterbote Hermes zu leisten vermochte. Der ehemalige Daniel Goeudevert („Das Seerosen-Prinzip“) zitiert in diesem Zusammenhang den „Wirkungsüberschuss“ der Maschine und erklärt am Beispiel der Guillotine: „Sie ist nicht neutral … Sie verströmt gewissermaßen einen „,Geist’“. Neben der modernen Technik nehme sich die Guillotine „wie ein Unschuldslamm aus, jedenfalls was die Verschleierung von Verantwortlichkeiten angeht.“ Was tun, wenn die Verschiebung einer winzigen Zahlenreihe in Frankfurt den Ruin einer Familie in Krefeld bedeutet?

„Die richtige Frage beantwortet sich in der Regel von selbst“, bemerkt der Biologe Andreas Weber in seinem neuen Buch „Bio Kapital“, er zitiert an dieser Stelle Ferdinando Villa. Andreas Weber benennt den Ökonomen Adam Smith und den Biologen Charles Darwin als Urheber der modernen Krise, sie unterwarfen die Deutung der Natur und des Wirtschaftens den rationalen Kriterien der Naturwissenschaft – und irrten. Er plädiert für eine Aussöhnung von Ökologie und Ökonomie, ein neues ganzheitliches Handeln des Menschen. Sein Trumpf ist die Einberechnung der natürlichen Ressourcen (Wasser, Wind, Öl) ins Bruttosozialprodukt. // Grandios ist sein Plädoyer für eine neue Einfachheit. Am Beispiel eines ehemaligen Brachlands einer thüringischen LPG, das sein neuer Besitzer der Wildnis überlassen hat, macht Weber deutlich, mit wie wenig Einsatz höchste Biodiversität in Europa zu erreichen ist. // Und doch, so ganz wird man den Verdacht nicht los, dass es die Rettung der Ökosphäre nicht zum Selbstkostenpreis geben wird: Ohne Konsumverzicht in unserer Mitte wird es nicht gehen.

Ist es übrigens wahr, liebe Manager der Automobilindustrie, dass Sie das schadstofffreie Auto längst bauen könnten, wie Daniel Goeudevert behauptet? Dann müsste man das Kind beim Namen nennen. Habgier brachte schon den König Midas fast um, und war bis vor kurzem auch für die breite Masse noch geil. Pater Herman-Josef Zoche macht in seinem neuen Buch „Die sieben Todsünden unserer Zeit“ darauf aufmerksam, dass die Wörter Habgier, Gier, Geiz und geil auf das spätmittelalterliche Wort giz zurückgehen, sie besitzen also die gleiche Wurzel, im Tun wie im Wortstamm. Sich auf alte Begriffe zu verlassen kann eine erste Bandage sein für alle, die den Pfad nicht mehr sehen: Ver-antwortung; Ge-wissen; Ent-scheidung.

Pater Zoches Ausführungen sind lesenswert auch deshalb, weil er auf das Offensichtliche verzichtet: Er verortet die Todsünde der Wollust nicht bei den Betriebsräten von VW und die der Völlerei nicht bei der Deutschen Bank.

Ansonsten steht in den drei genannten Büchern, die kurz vor der Krise veröffentlicht wurden, schon drin, dass diese kommen würde. Man braucht ganz wenig Kreativität und kann mit ihrer Hilfe in die Zukunft schauen. Goeudevert führt vor Augen, dass die sogenannte freie Marktwirtschaft eigentlich einen Rückfall in den Manchesterkapitalismus darstellt. Noch spielt sich das in Europa generierte Elend in den Slums anderswo ab, doch man kann anhand der Finanzkrise und ihrer ungeheuren Beschleunigung antizipieren, wie schnell es in unserer Mitte angekommen sein wird.

Und genau das ist die Chance der Krise. Schneller als je zuvor werden die Folgen unseres Handelns spürbar sein. Herakles jedenfalls pflückte die drei goldenen Äpfel und gab sie dem unersättlichen König Eurystheus. Dem wurde unbehaglich, die Äfpel wogen schwer, vielleicht verbrannten sie seine Handflächen. Er stellte sie vor den Altar der Pallas Athene, der Göttin der Weisheit. Die brachte sie zurück in den göttlichen Garten, dort, wo sie hingehörten.

 

Handelsblatt, 2008