Gordimer, Nadine

Nadine Gordimer, die Grande Dame der südafrikanischen Literatur, war immer beides: Schriftstellerin und politische Aktivistin. Wie sehr sich diese Pole ihres Seins und ihres Schaffens, die Ästhetik und die Moral, befruchten, welche Spannungen auch daraus erwachsen, all das lässt sich nun vorzüglich nachvollziehen in dem Doppelband Erlebte Zeiten / Bewegte Zeiten. Eine Sammlung von Erzählungen und Essays aus sechs Jahrzehnten, einige davon zum ersten Mal ins Deutsche übertragen.

Schon Gordimers frühste Erinnerungen wirken wie eine Metapher: Schlackenhalden, hoch wie Berge. Anspielungen an eine Landschaft heißt dieser Essay von 1954. Gordimer beschreibt ihre Kindheit in der vom Bergbau geprägten Provinz Transvaal. Die schwelenden Zyanidhalden, die von der Arbeit unter Tage übrig blieben, waren gefährlich, konnten zu Erschütterungen führen, ein unvorsichtiger Mensch konnte darin verbrennen. Ein Vierteljahrhundert später, in einer Rede gehalten vor der Universität Kapstadt, kommt Nadine Gordimer noch einmal auf diese Metapher zurück. 

 

Sprecherin:

Immer wenn ich in Europa oder Amerika bin […] ist mein Bild von Zuhause […] eins von dem sonnenverbrannten Veld, den Abraumhügeln und Schlackehalden. Kein romantisches Bild. Keins, was Europäer im Allgemeinen mit Afrika in Verbindung bringen. Dennoch ist es Afrika. Obwohl ich diese Landschaft krass und hässlich finde […] stellt diese Landschaft für mich das Primärbewusstsein von Existenz dar und alles, was ich seither gesehen habe und was ich weiß, baut darauf auf. Viele Fragen, auf die ich die Antwort noch bei meinem Tode nicht gefunden haben werde, nehmen da ihren Anfang (S.178)

 

Nadine Gordimer benutzt das Bild eines vernarbten Landes, um von der geografischen Vielgestalt Südafrikas auf die vielen Möglichkeiten zu kommen, ihre eigene Identität als Bürgerin dieses Landes zu bestimmen. Einige biografische Verortungen, wie sie sich anderen Südafrikanern anbieten, blieben Nadine Gordimer verwehrt. Die Tochter eines jüdischen Uhrmachers aus Litauen wurde 1923 in die weiße Mittelschicht eingeboren. Damit gehört sie nicht per se zur kulturellen und politischen Elite des Landes, den Nachfahren der Buren, Trekkers oder der britischen Siedler, die sich Anfang des 19. Jahrhunderts in Südafrika niederließen. Gordimers Gespür für jenen oszillierenden Raum zwischen Zugehörigkeit und Entfremdung, zwischen Herkunft, Religion und Abstammung mag ihre Sensibilität für das Schicksal der Schwarzen Südafrikaner geschärft haben. Jedenfalls legt uns die Autorin diese Lesart nahe.

 

Sprecherin:

Sind die Anderen anders, weil sie schwarz sind? Oder sind sie schwarz, weil sie anders sind? (S. 181)

 

schreibt sie in einem jener Sätze, in denen sich ihre Ausführungen zur Sentenz verdichten. Die wahre Zugehörigkeit zu Südafrika, erklärt Nadine Gordimer weiter, entstünde als Ergebnis jenes Prozesses, den sie die Zweite Geburt nennt:

 

Sprecherin:

Damit meine ich den Moment, wenn das Kind zu erkennen beginnt: Die Tatsache, dass der Schwarze das Haus des Weißen nicht durch die Vordertür betritt, gehört nicht zu derselben Kategorie von Tatsachen wie die, dass die Toten nicht zurückkommen. (S. 181)

 

Mit ihren Romanen, die teilweise in Südafrika verboten waren, hat sich Nadine Gordimer weltweit einen Namen gemacht als kämpferische Gegnerin der Apartheid. Von der damit verbundenen Zweckdienlichkeit ihrer Prosa können sich ihre Essays und Erzählungen spürbar befreien. In ihnen zeigt sich eine elegante Stilistin und rhetorisch gewandte Rednerin, der es gelingt, die Bilder ihres Lebens in eine höhere Bedeutung zu überführen. Nadine Gordimer hat ihre Wurzeln in der europäischen und amerikanischen Geistestradition des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie stellt diese Wurzeln aber immer wieder in Frage, um sich den schwankenden Boden der eigenen Subjektivität vor Augen zu führen. Das gilt auch für ihre Kurzprosa, die nuancenreich ist, offene und zweideutige Situationen bevorzugt,  und deren psychologischen Tiefenschärfe an Virginia Woolf erinnert.

All das ist faszinierend und mehr als lesenswert. Leider ist ihr deutscher Verlag, der Berlin Verlag, bei der Auswahl der Essays einer Empfehlung der Autorin gefolgt. Entfallen sind ihre literaturkritischen Arbeiten zu Joseph Roth, Octavio Paz, Marcel Proust, Chinua Archebe, Günter Grass, Joseph Conrad, Leo Tolstoy, Naguib Mahfouz und Susan Sontag. Diese Arbeiten zeigen Nadine Gordimer nicht nur als Kennerin der Weltliteratur, sondern geben Zeugnis davon, wie sehr sie sich an anderen Autoren geschult, manchmal regelrecht abgearbeitet hat. Auch wird deutlich, wie ihre Biografie Lektüre ermöglicht. So entdeckt sie in Ernest Hemingway einen großen Exilierten, der physisch in Meilen suchte, was Nadine Gordimer in Worten getan hat, nämlich die größtmögliche Distanz zu den Gegebenheiten der eigenen Geburt. Eine Erfahrung, schreibt Gordimer, die Früchte trägt, sofern das Werk über das Individuum hinaus weist:

 

Sprecherin:

Mich interessiert, wie dies die exilierte Person beleuchtet, ihre Fiktion als eine Art, die Welt zu betrachten; als Etwas, das weiter reicht als das individuelle Leben des Schriftstellers, als seine persönlichen Vorlieben und Bestrebungen (Telling Times: Writing and Living, 1950 – 2008, S. 571, Bloomsbury, 2010. Übersetzung dieser Passage:  Tanya Lieske)