Gosh, Amitav

Gosh, Amitav | Calcutta Chromosom

New York, 20 August des Jahres 2000 Plus: Die Globalvernetzung ist perfekt, der Ägypter Antar, Angestellter des International Water-Resources-Council, sitzt in seinem trostlosen New Yorker Hochhaus und kommuniziert 20 Minuten vor Feierabend mit seinem Computer Ava/IIe im ländlichen Dialekt des Nildeltas. Viel mehr erfährt der Leser nicht über Antar, außer daß er, ein kleiner Junge noch in einem kleinen ägyptischen Dorf, einer ungarischen Archäologin zuschaute, zuviel Staub aufwirbelte. Wer Amitav Gosh, den 40jährigen indischen Autor des „Calcutta Chromosom“ kennt, zückt an dieser Stelle vorsorglich den Rotstift. Seit seinem Debutroman „Bengalisches Feuer“ 1989 ist Gosh bekannt dafür, daß er seine Fabeln zwar großzügig, aber mit Bedacht verstreut. Im Nildelta, der Wiege menschlicher Zivilisation und dem Übergang zwischen Orient und Okzident, liegt der Nukleus dieses Romans. Wie seine Vorgänger „Schattenlinien“ (1993) und „In einem alten Land“ (1995) dürfte er Goshs Ruf als Schriftsteller festigen, der orientalische Fabulierunst mit westlicher Ratio verbindet, der pralle, personengesträkte Epen gebiert und den Leser in ferne Mythologien, Länder und Zeiten führt.

Diesmal wandert die Erzählung souverän, wenn auch meist virtuell durch New York und Kalkutta. Amitav Gosh ist selbst Weltbürger, 1956 geboren in Kalkutta, aufgewachsen in Dhaka und Colombo, studiert in Neu Delhi, promoviert in Oxford lebt er in New York. Er ist einer jener „postcolonial writers“ also, die es verstehen, der Gefahr der Entwurzelung mit ethnischer Fülle vorzubeugen. Das Schreiben gilt hier als Königsweg, „weil man“, wie Goshs Hauptfigur Tridib in „Schattenlinien“ erklärte, „in nichts anderem leben kann als in Geschichten, die Frage ist nur, welche man wählt“.

 

Dies ist die Plattform, von der aus Gosh weiterschreibt. Im „Calcutta Chromosom“ informieren sich die Figuren eher beiläufig darüber, daß sie in einer Geschichte stecken, und ob sie weiter darin bleiben oder aussteigen wollen. Das Rätselraten gilt natürlich dem Drahtzieher, dem großen Geschichtsschreiber. Dieser ist aber nicht, wie die Moderne es so liebt, mit der Stimme des Erzählers identisch. Im „Calcutta Chromosom“ führt eine Göttin namens Mangala Regie, ihre Religion ist das Schweigen, und ihr Vehikel die Wissenschaft. Um etwas auf Erden zu bewegen, füttert sie mehr oder weniger luziden Wissenschaftlern um 1898 bröckchenweise Informationen, die das menschliche Wissen erweitern. Es geht um die Malariaforschung, der sich Mangala, auf Erden ein Naturgenie der Epidemieforschung, verschrieben hat: Sie hat herausgefunden, daß sich mit Malariaerregern das paralytische Tertiärstadium der Syphilis beeinflussen läßt, da beide Krankheiten auf das Gehirn einwirken. Dabei ist sie auf ein von der Anopheles-Mücke übertragenes, nicht vererbbares Chromosom gestoßen, mittels dessen Charaktereigenschaften ihren Besitzer wechseln könnten. Dahinter verbirgt sich eine „Technologie, die es dir erlaubt, dich in deiner nächsten Inkarnation zu vervollkommnen“, vermutet einer von Mangalas Beobachtern – also der alte Machtkampf zwischen Mensch und Gott. Dieser ist umso prekärer, als sich die Absichten der rätselhaften Menschgöttin Mangala nicht eindeutig zwischen Gut und Böse orten lassen.

Amitav Gosh hat diesen Genetik-Thriller des 19.Jahrhunderts als erzählerisches Labyrinth angelegt. Der Ägypter Antar stößt an seinem Computer auf eine Ausweiskarte, die einem früheren Kollegen L. Murugan gehörte, der am 20. August 1995 in Kalkutta verschollen war. Er wandelte auf den Spuren des berümten Malariaforschers Sir Ronald Ross, der diesen Tag zum „Mosquito Day“ bestimmt hatte. Während Antar mit Hilfe seines Computers alte Bild- und Tondokumente zu L. Murugan rekonstruiert, streift dieser in einer parallelen Erzählung noch einmal durch Kalkutta. Er begegnet Personen, denen schon Sir Ronald Ross im vorherigen Jahrhundert begegnet war, und die, erfährt man zum Ende des Romans, auch Antars New Yorker Alltag bevölkern. L. Murugan dient als zweiter Erzähler. Fehlende Bindeglieder zwischen Erzählung und Erzähltem werden übermittelt von Personen, die in allen Erzählebenen auftauchen und mühelos zwischen den Jahrhunderten wechseln. Da gibt es beispielsweise Lutchman-Laakhan, jenen verstockten Diener des Malariaforschers Sir Ronald Ross, der auch der Mensch-Göttin Mangala zur Seite steht, und dessen Doppelexistenz als mörderischem Rachegeist beinahe ein indischer berühmter indischer Schriftsteller zum Opfer gefallen wäre, der wiederum Vater einer Diva ist, deren New Yorker Inkarnation Antar täglich im Dough-Nut-Shop trifft . . . Früher oder später verirrt sich der Leser im Gefüge von Zeit und Raum. Amitav Gosh hat ein literarisches Vexierspiel geschaffen, das voller Querverweise ist, die man bei der zweiten Lektüre nach vorne oder hinten verfolgen kann. Bei allem kompositorischen Kalkül droht diesem erzähltechnischen Babylon Beliebigkeit. Wer zuviel Bedeutung ansteuert, läuft Gefahr, am Ende mit leeren Händen dazustehen. So hat der Roman in der Zielgerade nichts außer seiner Selbstaufhebung zu bieten. Dies könne, erklärt L. Murugan einmal, passieren, wenn das Ende einer Geschichte genau in dem Augenblick eintrifft, in dem sie sich einem Beteiligten enthüllt.

 

Amitav Goshs Geschichte aber kehrt, der Kreisform des Labyrinths gehorchend, zu ihrem Ausgang zurück. Die Spur des letzten Malariaforscher verliert sich in einem kleinen ägyptischen Dorf, das von der Malaria ausgerottet wurde, und in einem ebensolchen Dorf sucht in den vierziger Jahren eine Archäologin nach dem verlorenen Götterschrein der Stille. Dabei dürfte ihr wohl ein kleiner Junge namens Antar über die Schulter. geschaut haben.

 

Die Welt, 2006