Grass, Günter

Grass, Günter | Der Skandal um Günter Grass

Die zweite Woche geht zu Ende. Damit ist die Halbwertzeit des Betriebs erreicht. Gemeint ist der Literaturbetrieb, der sich selbst so nennt, und der eine fiktive Schnittmenge darstellt aus Schriftstellern, Intellektuellen, Kritikern und Verlegern. Der Literaturbetrieb ist eine Einheit mit geographischen (Hamburg, Berlin, Frankfurt, München) und saisonalen Schwerpunkten (Buchmessen, Preisverleihungen, Jurysitzungen). Zum Betrieb gehören alle, die mitreden dürfen, deswegen wird sehr viel geredet. Die beliebteste Form der Rede ist die Debatte. Es gibt mindere Debatten, etwa um Plagiate und Persönlichkeitsrechte. Es gibt schwerere Debatten, etwa wenn die NS-Zeit tangiert wird. Wegen seiner Vorliebe für Reden, und wegen seinem Hang zum Glamour und zur großen Takelage darf man sich den Betrieb übrigens getrost als Betriebin vorstellen. Man lasse sich nicht davon irritieren, dass dort meist Kerle unterwegs sind, das hat etwas zu tun mit dem allgemeinen Proporz in der Republik.

Also. Unsere Betriebin setzt in den Hüften schon etwas an, denn sie liebt Pralinen. Sie ist kämpferisch und nachtragend, glücklicherweise auch vergesslich. Sie wirft den Kopf in den Nacken, denn sie ist eine Amazone, kein Heimchen am Herd. Unlängst hat sie den Herrn Handke aufgespießt. Vorbei, jetzt ist GG dran, übrigens ein idealer Sparringspartner. Günter Grass kennt seine Betriebin schon immer. Möglicherweise hat er sie unterschätzt, jedenfalls lag sie ihm bis dato zu Füßen. Gibt Herr Grass eine Pressekonferenz auf einer Messe, lassen alle alles fallen und rennen hin. Für neue Bücher wählt Günter Grass gerne die Sparte der Hofberichterstattung, das geht dann so: Er wählt ein paar renommierte Vertreter aus, lässt sie bei sich zuhause anrücken, serviert ein deftiges Mahl (Pralinen) und erzählt, was drin steht im neuen Buch. Die ausgewählten Berichterstatter fühlen sich geehrt und schreiben was Nettes.

Diesmal gibt er der FAZ sein erstes Interview, es erscheint an einem Samstag. Die Schlagzeile („bricht sein Schweigen“) birgt mächtig Tremolo. Für schnellere Verbreitung sorgen die Presseagenturen. Die Betriebin schnellt aus dem Wochenendschlaf hoch und gürtet sich. Unter uns gesagt hätte sie den Fall sonst gar verschlafen, denn wer von den Großvätern war nicht an der Front? Jetzt aber ist Schnelligkeit angesagt. Die ganz tüchtigen Zeitungen haben auch schon am Samstag was drin, man soll nicht nur die FAZ lesen, es geht um Auflage. Spätestens bis Montag haben sich die Kommentatoren der ersten Reihe zu Wort gemeldet, ein Konsens zeichnet sich ab. Man wird dem Grass keinen Strick drehen aus seiner Vergangenheit, aber er hätte ja mal eher was sagen können.

Unterdessen köpfen die Vertreter der Wochenpublikationen ihre Frühstückseier mit besonderer Verve. Sie sind verstimmt, denn sie hätten das Interview auch gerne gehabt. Nun müssen sie warten bis Donnerstag, oder, Gott bewahre, gar bis zum nächsten Montag! Sie basteln die besten Titelbilder und besinnen sich auf ihre Stärke. Sie befragen die Experten und schicken ihre Elder Statesmen an die Front. Bis dahin begibt sich die Betriebin in die erste Phase der Eskalation. Sie erlegt Statements. Alle, die irgendwie in Frage kommen, werden nach ihrer Meinung gefragt, im In- und Ausland, in Politik und Kultur, sogar beim Vatikan klopft sie an. Spätestens jetzt muss bei allen Bedeutungsträgern das Telefon geklingelt haben. Andernfalls droht manchem eine Identitätskrise, denn es gehört zum Charakter der Betriebin, dass sie im abklingenden Anfall nachrechnet, wer diesmal nichts sagen durfte. Aber das ist nun vorausgegriffen.

Die Bannerträger der Statements, Germanisten, Historiker, Publizisten, Schriftsteller, Essayisten und Zeitzeugen nutzen diese zum Zwecke der Profilierung. Sie müssen sich abgrenzen von den Positionen der Zeitungsmacher, deshalb sagen sie etwas anderes oder das Gegenteil. Die Rückgabe des Nobelpreises kommt ins Spiel, vorsichtig unterhalb der Grenze des Eindeutigen formuliert (Hellmuth Karasek). Andere ziehen nach, denn Grass hat ja so viele Preise zurückzugeben, etwa die Ehrenbürgerschaft der Stadt Danzig (Lech Walesa). Die ganz Cleveren unterstellen Grass einen Werbefeldzug (Henryk M. Broder). Sogar das Ende des Günter Grass als moralische Instanz wird ausgerufen, ausgerechnet von der jungen Generation (Julie Zeh).

So kann Günter Grass sich das nicht vorgestellt haben. Eigentlich wollte er bis zur Ausstrahlung seines Fernsehinterviews mit Ulrich Wickert nichts sagen, nun meldet er sich doch zu Wort, es geht um Schadensbegrenzung. Per dpa zeigt er sich „persönlich verletzt“. Die Betriebin leckt sich genüsslich die Zähne. Donnerstag abend dann hocken alle vorm Bildschirm. Herr Wickert zeigt mit vielen farbigen Lesezeichen, dass er „Beim Häuten der Zwiebel“ ordentlich studiert hat. Was auch nicht viel hilft, denn Grass sagt nichts, in Zahlen: N-I-C-H-T-S. Die neidischen Kollegen reiben sich die Hände und denken, bei mir hätte er schon geplaudert. Weshalb Wickert der FAZ ein Interview zum Interview gewährt, Titel: „Da war der Moderator machtlos“. Eingetreten ist die zweite Phase der Eskalation, auch bekannt als Betriebstemperatur: Von jetzt an, und in der ganzen folgenden Woche, werden alle über das reden, was die anderen gesagt und geschrieben haben. Ein Titan aber schweigt: Marcel Reich – Ranicki, der es als Verreißer eines Grass-Buchs 1995 aufs Titelblatt des Spiegel geschafft hat. Man nennt so etwas ein beredtes Schweigen, denn es adelt den Schweigenden und erniedrigt den Beschwiegenen. Die Betriebin bedauert es sehr, lag darin doch die seltene Chance der Phase drei, der Lynchjustiz.

Erschüttert kehrt sie dem Schlachtfeld den Rücken. Wider alle Vernunft hat sie entschieden, ihren Grass am Leben zu lassen. Jawohl, meine Herren, Sentimentalität war mit im Spiel. Die langen Jahre, das hohe Alter. Es ist fast schon wie in einer alten Ehe mit ihrem Grass. Begehren Sie nicht auf, denn jeder könnte der nächste sein.

 

Handelsblatt, 2006