Groult, Benoite

Groult, Benoite | Salz des Lebens

Im langen Leben der französischen Akademikerin, Politikerin und Schriftstellerin Benoite Groult gab es einige interessante Vorkommnisse. Groult, Jahrgang 1920, war fast schon dreißig Jahre alt, als sie ihre politischen Repräsentanten selbst wählen durfte; das Frauenwahlrecht wurde in Frankreich erst 1949 eingeführt. Als Groult 1988 einen Millionenbestseller verlegte, bemerkte die französische Presse (Nouvel Observateur), die Autorin sei nicht hinreichen „durchgevögelt“ worden. Der Spiegel legte 1989 nach, und paraphrasierte Groult als „Dame mit Unterleib“.

Was war geschehen? Benoite Groult, bekennende Feministin in allen Stadien ihres Lebens, hatte sich mit ihrem Roman „Salz auf unserer Haut“ in ein unbesetztes Gebiet vorgewagt. Sie erzählt die Geschichte einer Pariser Intellektuellen, die einen bretonischen Fischer begehrt, und von diesem nur, also ausschließlich, den Körper. Eine Ehe kommt für die Protagonistin nicht in Frage, denn der Liebhaber bewegt sich unter ihrem intellektuellen Niveau. Was sie nicht hindert, ihre Libido auszuleben in einer Freiheit, die bei Männern bis heute gesellschaftlich akzeptiert ist. Benoite Groult, erzählt all dies unverblümt und in einer Sprache, die zur Unterhaltungsliteratur gehört. Ihr Roman, der sui generis der erotischen Literatur zugeordnet werden müsste, wurde vielfach als Softporno bezeichnet, es handelt sich um die Verlängerung der oben benannten anzüglichen Gesten in den Bereich der Literaturkritik.

Von all dem unbeirrt legt Benoite Groult nun ihr Alterswerk vor. „Salz des Lebens“ knüpft, jedenfalls in der deutschen Titelgebung, an den Bestseller an, erweist sich aber als ein sehr persönlicher Schlusspunkt. Benoite Groults Biografie, die sich als Tochter der Simone de Beauvoir versteht, und sich unter Francois Mitterand um die sprachlichen Gleichstellung von Frauen gekümmert hat, schimmert in diesem Text durch. Benoite Groult schlägt einen humorvollen Ton an, wenn sie sich diesmal den prekären Themen des würdevollen Alterns und Sterbens zuwendet – vom diffizilen Sex mit Hörrohr und Herzschrittmacher ist die Rede, und auch von jenen Kalamitäten, die gewisse Bedienungsanleitungen der über achtzigjährigen Erstbenutzerin eines Computers verursachen.

Die Protagonistin heißt Alice, sie ist weit über Achtzig. Alice wurde 1915 geboren, sie hat wie Groult lange als Journalistin in einer feministischen Frauenzeitschrift gearbeitet, und sie will nun ihr geistiges Erbe, ihr Testament, in Buchform hinterlassen. Das Ergebnis entsteht beim Erzählen, ein Streifzug durch ihr Leben, dessen Ereignisse sich wie ein Passepartout um das Leben der Benoite Groult legen. Dieser Ansatz bürgt für Authentizität, bringt aber letztlich den Roman in die Schräglage. Benoite Groults Text schwächelt, denn sie hat sich zwischen These, Abrechnung, Bekenntnis und Fiktion nicht entschieden. Eher langwierig gestaltet sich auch eine Leidenschaft, die als tragende Mittelsäule angelegt des Romans ist. Denn Marion, Alices Tochter, liebt ihr Leben lang zwei Männer. Der auf den es ankommt, heißt Brian und lebt in Irland. Verheiratet aber ist und bleibt sie mit Maurice in Frankreich. Die Symmetrie der Episode zu der Romanhandlung „Salz auf unserer Haut“ ist unübersehbar, doch fehlt jegliche Brechung als Hinweis darauf, dass Groult sich beherzt selbst zitiert. In der Summe versickert dieser Roman zwischen Liebesgeschichte und feministischem Diskurs.

Dieser Text behauptet übrigens, der letzte seiner Art zu sein. Benoite Groult, im hohen Alter eine Verfechterin der aktiven Sterbehilfe, gibt ihrer Erzählerin die Sterntaste zur Hand. Mit „touche étoile“, so heißt der Roman im Original, melden sich in Frankreich die Server automatischer Informationsdienste. Hier aber ist die griechische Schicksalsgöttin Moira verkabelt, die der Erzählerin den letzten Wunsch auf Erden erfüllen wird. Bon voyage, Benoite Groult.

 

Die Zeit, 2007