Hamilton, Hugo

Hamilton, Hugo | Die redselige Insel

Das Bücherregal rückt Bölls Irisches Tagebuch nicht raus, also muss hier aus dem Gedächtnis zitiert werden. Nirgendwo leuchten die Milchflaschen so im Morgengrauen wie auf den Stufen vom Limerick, stimmt’s? Tee fließt aus Blechkannen, die Uhren stehen still. Als Gott die Zeit gemacht hat, hat er genug davon gemacht; und Mrs. McNamara bekommt ihre vielen Kinder immer im September. Sehnsuchtsbilder hat er in uns Deutschen geweckt, dieser Henry, der jeden Sommer auf Achill Island im irischen Westen verbracht hat. Alle sind wir hingefahren, mit seinem Brevier in der Tasche und einem Brennen in der Seele, denn Irland ist die Insel, die man bereist, um sie zu verlassen und sich anschließend tüchtig zu sehen.

Ein Blick in den Kalender bestätigt, dass, stillstehende Uhren hin oder her, ein halbes Jahrhundert verstrichen ist, seit Heinrich Böll sein Tagebuch veröffentlicht hat. Nun hat sich Hugo Hamilton, ein deutsch-irischer Schriftsteller, der Kind war, als Böll reiste, zum Jubiläum auf dessen Spuren begeben. Seine Version des Reisebuchs heißt „Die redselige Insel“, darin tauchen Kapitelüberschriften auf wie irre Doppelgänger (Mayo – God help us!). Sympathisch ist dieses Buch, weil es einerseits die Verwüstungen aufzählt, die so viele Jahre in dem Land ohne Zeit angerichtet haben. In Limerick kommt die Milch jetzt im Tetrapack, in Mayo verlegt Shell eine Gaspipeline und auf Achill soll Internet mit Breitband eingeführt werden, God help us. Andererseits verzichtet Hugo Hamilton darauf, Heinrich Böll als den hoffnungsvollen Romantiker vorzuführen, der er war. Das ist gut so, das schont die deutschen Gemüter. Und erst die Iren! Nein, ohne globale Sehnsucht ist deren Land nicht lebensfähig. Nicht in der Theorie, nicht in der Praxis, und erst recht nicht in den Büchern. Well done.

 

Mare 2007

 

Hugo Hamilton | Der irische Freund

 

Als Hugo Hamilton ein Kind war, wurde draußen Englisch gesprochen. Draußen, das war das Dublin der fünfziger und sechziger Jahre. Drinnen sprach man Gälisch und Deutsch, das war der Raum der Familie, sein persönliches Exil. In seinem Roman „The speckled people“, in Deutschland unter dem Titel „Gescheckte Menschen“ erschienen, hat Hugo Hamilton ein Zeugnis abgelegt von diesem kuriosen Kindheitsexil: Sein Vater war ein strammer Republikaner, dem die Nationalsprache des Irischen heilig war. Seine Mutter war eine Einwanderin aus Deutschland.

„Gescheckte Menschen“ war bislang Hamiltons größter Erfolg, und das Thema des Fremdseins ist sein ureigenster Stoff. In seinem neuen Roman „Der Irische Freund“ spinnt er ihn weiter. Es ist die Zeit des großen Wirtschaftsbooms, als viele junge Menschen aus Osteuropa nach Irland kamen auf der Suche nach Arbeit und einem neuen Leben. Unter ihnen befindet sich Vid Cosic. Er ist vor dem Bürgerkrieg in Serbien geflohen und verrichtet nun die typischen Einwandererjobs (Pflegeheim, Baustellen, Wachtmann). Vid spricht Englisch schon recht gut, weiß aber, dass Integration viel mehr ist. Gleich auf den ersten Seiten macht er auf komische sprachliche Missverständnisse aufmerksam, auf den nicht lesbaren Subtext eines Dialogs, auf den fehlenden Kontext, kurz auf den ganzen großen kulturellen Hintergrund der Sprechenden.

Integration ist ein spannendes Thema, und es wird vor dem Hintergrund der Sprache gelungen eingeführt. Doch Hugo Hamilton will mehr. Er will auch die eigene Kultur beschreiben, und zwar durch den Blick des Fremden gesehen, also verfremdet. Folgerichtig muss Vid Cosic Beobachter sein, Fokus und Projektionsfläche. In der Summe, ein Mann, der sich nicht allzu viele Eigenschaften leisten kann, der peinlich darauf bedacht ist, jeden Fehler zu vermeiden. Das nervt in der Literatur genau so wie im echten Leben!

Dann kommt Kevin Concannon ins Spiel, ein ebenso smarter wie unberechenbarer Anwalt. Kevin bietet Vid zunächst Drinks an, dann seine Freundschaft. Bald schon teilen sie dunkle Geheimnisse, Vid wird zu einem inoffiziellen Familienmitglied. Kevins Familie aber trägt die Last der Nation: Da finden sich häusliche Gewalt, Brustkrebs, ungeöffnete Briefe aus Amerika, eine dramatische Scheidung, Drogen, eine ungewollte Schwangerschaft – Hamilton lässt nichts aus, und entsprechend klischeehaft und überfrachtet ist das Ergebnis. Gegen Ende kommt dann noch eine unter tragischen Umständen ertrunkene Frau ins Bild. Das Geschehen verlagert sich an die raue irische Westküste, auf die Aran Islands, dorthin, wo noch Gälisch gesprochen wird. Inseln, Ertrunkene, das Wasser überhaupt, all das setzt einen großen, fast schon mythischen Assoziationshintergrund frei. Man ist angelangt im Kerngeschäft der Irischen Folklore. Ausgerechnet Vid Cosic, der Fremde, soll hier nun aufräumen. Das klappt zwar auf dem Papier, nicht aber in den Köpfen und Herzen der Leser dieses Romans. Man schließt das Buch etwas benommen und fragt sich, wie viele Geschichten Hugo Hamilton in diesem einen Roman eigentlich schreiben wollte? Das ganze Irland zwischen zwei Buchdeckeln, das hat noch nicht einmal James Joyce geschafft

 

Tanya Lieske, 2011