Handke, Peter

Handke, Peter | Peter Handke und der Heinrich Heine Preis

Er bekommt ihn, er bekommt ihn nicht. Beim Streit um die Verleihung und Rücknahme des Heinrich-Heine-Literaturpreises der Stadt Düsseldorf an den Schriftsteller Peter Handke wächst die Liste der Geschädigten. Ganz oben steht: Die politische Kultur einer Stadt und eines Landes. Es folgt ein renommierter Preis, der bislang treulich das erfüllte, was man ihm auftrug, nämlich über die Region hin auszustrahlen. Weiter hat das Ansehen einer Jury hat Schaden genommen, der immerhin so kluge Köpfe wie Sigrid Löffler, Christoph Stölzl und Alfons Labisch, der Direktor der örtlichen Heinrich-Heine-Universität angehörten. Schließlich und zuletzt trifft es einmal mehr einen Schriftsteller, der sowohl für seine mürrischen Ausfälle gegenüber dem hiesigen Kulturbetrieb bekannt ist, also auch für seine gekränkten Rückzüge.

Um bei Peter Handke zu beginnen: Wer wissen will, wo genau sich der 64-Jährige verortet, der wegen seiner Sympathien für das Volk der Serben immer wieder Unverständnis erregt hat, kann dies nachlesen. Gestern meldete Handke sich in der Süddeutschen Zeitung zu Wort: „Es gab zwischen 1992 und 1995 auf dem Gebiet der jugoslawischen Republiken, vor allem in Bosnien, Gefangenenlager, und es wurde in ihnen gehungert, gefoltert, gemordet. Aber hören wir auf, diese Lager in unseren Köpfen mechanisch mit den Bosno-Serben zu verbinden: es gab auch kroatische und muslimische Lager (…).“

Was Handke hier einklagt, ist ein differenzierter Blick. Das ist eines Schriftstellers würdig. Es hätte der deutschen Öffentlichkeit gut zu Gesicht gestanden, aufzuhorchen statt aufzuschreien, als Handke in den neunziger Jahren seine Reiseberichte vom Balkan veröffentlichte. Doch war Handke nicht immer so deutlich wie in dieser Stunde, sein Urteil nicht immer so scharf. Anfangs vermengte sich seine Botschaft mit messianischen Impulsen, schwere Entgleisungen kamen hinzu wie sein Auftritt bei der Beerdigung Milosevics und sein in einem französischen Interview getätigter Ausspruch : „die Serben sind noch größere Opfer als die Juden.“ Der heutige, der differenzierte Handke ist in der Tat ein würdiger Preisträger des Heinrich-Heine-Preises, der laut Statut verliehen werden soll an „Menschen, (…) die der Völkerverständigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit aller Menschen verbreiten.“ Man erinnert sich, dass auch Heinrich Heine streitbar war, und nie bequem in seinen Ansichten.

Kommen wir zur Jury. Möglich ist, dass sie den gewandelten, differenzierten Handke im Visier hatte, als sie ihm den Preis zusprach. Dies dürfte vor allem für seine stärkste Fürsprecherin gelten, die Kritikerin Sigrid Löffler. Dennoch wäre zu erwarten gewesen, dass eine so hochkarätige Jury den Kenntnisstand der Öffentlichkeit und auch deren Reaktion mit antizipierte. Es fällt schwer zu glauben, dass die Jury ernsthaft davon ausgehen konnte, man gebe sich mit Handke, dem Dichter der neuen Innerlichkeit zufrieden, dem der Heinrich-Heine-Preis für seine schönen Worte verliehen wurde. Die Jury muss den Skandal geahnt haben, vielleicht hat sie ihn sogar einkalkuliert. Hier folgt auch schon der so vorhersehbare wie unerquickliche Rest: krachende Türen, Indiskretionen und persönliche Profilierungsversuche wie die des Kulturstaatssekretärs Heinrich Grosse-Brockhoff, der zur entscheidenden Jurysitzung gar nicht erst erschien, dann aber rasch den Bogen von Handke zum Holocaust spannte, und dem es in einer gerade mal zehnzeiligen Presseerklärung gelang, auch noch den Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf zu schrammen.

Ein solches Gepolter ist so provinziell wie ermüdend. Nur der Vollständigkeit halber sei hier deshalb daran erinnert, was zum guten Ton einer Jury gehören sollte: Sie ficht ihre Differenzen hinter geschlossenen Türen aus in Sitzungen, bei denen keiner unentschuldigt fehlt. Hat sie sich auf einen Kandidaten geeinigt, wird dieser geschlossen der Öffentlichkeit präsentiert, die Laudatio übernimmt ein Fürsprecher, vorhergehende Differenzen werden der Diskretion anheim gegeben.

Dem Schaustück folgten die Niederungen der Lokalpolitik. Ebenfalls gestern beschloss der Stadtrat, der nun der eingesetzten Jury nicht mehr vertrauen und lieber selbst zu entscheiden, indem er das mit 50.000 Euro dotierte Preisgeld zurücknahm. Nie hat die Kultur behauptet, nicht von der Politik abhängig zu sein; selten aber hat die Politik so unverfroren auf ihr Hausrecht verwiesen. In letzter Konsequenz bedeutet ein derartiges Vorgehen, dass künftig willfährige Schriftsteller, der breite Schnitt, das politisch Korrekte bedacht werden wird. Nie war man dem Geist Heines ferner. Und ist es nicht verwunderlich, wie noch gut 200 Jahre später der Mief regiert, der den Rebellen einst aus der Stadt trieb?

Die Stadt Düsseldorf wird noch lange mit nassem Fell dastehen, hat sich doch eines ihrer liebsten Projekte ins Gegenteil verkehrt. Ihre Matadoren aber werden weiterziehen und sich profilieren, um jeden Preis. Auch Peter Handke wird sich erholen, hat er doch schon reichlich Übung im Austeilen und Empfangen von Publikumsbeschimpfungen. Sein Beispiel gibt Anlass, über einige grundsätzliche Fragen nachzudenken: Welche Art von Schriftsteller wollen wir in Deutschland fördern, allein den Sprachkünstler oder auch den engagierten Poeten? Falls letzteres erwünscht ist, werden wir auch dem Irrtum Raum geben müssen. Dem Irrtum eines Schriftstellers wie dem Irrtum einer Jury.

 

Handelsblatt, 2006