Ortheil, Hanns

Der Lebensweg des Hanns Ortheil (geb. 1951) ist spätesten seit seinem vorletzten Roman „Die Erfindung des Lebens“ (2009) ein sehr öffentlicher geworden. In diesem stark autobiographischen Roman beschreibt Ortheil die Kindheit eines hochbegabten Jungen, der in den 50er Jahren in Köln aufwächst, und dessen Mutter in Sprachlosigkeit verfallen ist, weil sie im Krieg vier Söhne verloren hat. Auch der Junge spricht nicht, lernt aber vollendet Klavier spielen, und findet erst mit sieben Jahren über den Umweg der Musik die Sprache wieder. Der junge Mann besucht ein Konservatorium in Rom, will und könnte Pianist werden, doch eine Sehnenscheidenentzündung bereitet dem Traum ein vorzeitiges Ende. Wie Hanns Josef-Ortheil selbst, wurde die Hauptfigur seines Romans nicht Pianist sondern Schriftsteller. Das Thema von Sprache und Sprachlosigkeit lässt Ortheil seither nicht mehr los. Als Zwischenschritt veröffentlichte er 2010 seine Kindertagebücher, die unter dem Titel „Moselreise“, noch einmal zeigen, wie er als Elfjähriger mit Sprache spielte. Und auch in seinem neuen Roman „Das Kind, das nicht fragte“ geht es um drohenden Sprachverlust und um eine Heilung. Tanya Lieske stellt den Roman vor.

 Autorin

Der Mann, der Hanns Josef Ortheil vertritt, heißt Benjamin. Im Einklang mit seinem Namen ist er der jüngste von vier Brüdern, die sind weder tot noch freundlich, sondern ein quicklebendiger und ziemlich unausstehlicher Haufen. Die Brüder sind erfolgreich, Anwalt, Arzt, Apotheker und Lehrer sind sie geworden und leben ihrem Benjamin, der seine Vita nicht richtig in den Griff bekommt, ihren Erfolg vor. Außerdem bevormunden sie ihren Bruder, schneiden ihm seit der Kindheit das Wort ab, haben so aus dem jüngsten Mitglied einer Kölner Bürgerfamilie einen äußerst schüchternen, fast sprachlosen Jungen gemacht.

 

Zitator

… am Ende solcher sehr unangenehmen Szenen erlebe ich immer wieder die Urszene: dass ich allein in diesem Zimmer sitze, dass niemand meine Fragen beantwortet und dass mir alles, aber auch alles die Lust nimmt, selbst noch irgendwelche Fragen zu stellen. (S.99)

 

Autorin

Mit dem Thema der Sprachlosigkeit ist man im Herzen von Hanns Josef Ortheils Werk angekommen. Ortheil ist ein Autor, der seine Werke weniger aus seiner Biografie heraus schreibt, vielmehr schreibt er diese Biografie, deren dramatische und berührende Etappen einem großen Publikum bekannt sind, in seine Romane hinein. Wie Inventarstücke kehren die dazu gehörenden Themen und Motive auch in seinem neuen Roman „Das Kind, das nicht fragte“, wieder. Da ist das Bürgerhaus mit Blick auf einen ovalen Platz in Köln, in dem eine vollständige, also siebenköpfige Familie lebt. Da sind die Kirchen, Brauhäuser und das Bier, und da ist natürlich Italien. Nur ein Klavier sucht man lange. Ortheil geht diesmal einen anderen Weg. Aus dem Kind Benjamin, das nicht fragt, wird ein Erwachsener, der das Fragen zu seinem Beruf gemacht hat.

Zitator:

Was das Fragen betrifft, bin ich kaum zu schlagen. Ich darf Paula nur nicht zu viel und nicht laufend fragen, es muss Pausen, Reprisen und kleine Wiederholungen geben. Mit anderen Worten: Ich muss unser Gespräch klug komponieren, wie ein Musiker und damit wie einer, der sich auf Motive, Melodien, Steigerungen und intensive Pausenmomente versteht. (S. 150).

 

Autorin

Ethnologe ist dieser Benjamin Merz geworden, und als solcher findet er, dass das Fragen zu seinem Beruf gehört. Ein selbst gewähltes Forschungprojekt führt ihn in die sizilianische Stadt Mandlica, die für ihre Dolci, ihre Süßwaren bekannt ist. Dort will Benjamin, so nennt er es selbst, psychische Landvermessung (S. 74) betreiben. Die Stadt und das Leben ihrer Bewohner will er erkunden, er will begreifen, warum die Frauen in Kirchen weinen, warum nur die Männer öffentliche Plätze aufsuchen, wie die Rezepte für die Dolci in Familien bewahrt und weiter gegeben werden und woraus die Geheimnisse der Stadt gemacht sind. Er führt Interviews mit den Bewohnern, und diese Interviews folgen festen, durchaus machtbetonten Spielregeln. Benjamin, der schon bald den Spitznamen professore bekommt, stellt die Fragen, die Bewohner Mandlicas müssen antworten. Sie öffnen sich, vertrauen dem gewieft Fragenden ihre Innerstes an. Ein Gespinst von Beziehungen entsteht, das in Schwingung gerät zu den fiktiven biographischen Haltepunkten Benjamins, und zu den realen des Autors Hanns Josef Ortheil, der ebenfalls prägende Jahre seines Lebens in Italien verbrachte. Der Leser wird Teil dieses Resonanzbodens, und ähnlich wie bei den Befragten des Ortes Mandlica stellt sich bei ihm nach rund hundert Seiten der Lektüre eine fast hypnotisierende Wirkung ein.

 

 

 

Zitator

Jetzt ist das schönste Stadium der Befragung erreicht: Die sacht geführte, freie Erzählung, das Stadium der somnambulen Selbstvergessenheit, in dem der Befragte sich fallen lässt. Wenige Stichworte genügen, um die Erzählung im Fluss zu halten, und immer wieder bin ich erstaunt, wie Menschen, die so etwas gar nicht ahnen und nicht von sich vermuten, derart fabelhaft erzählen können. (S. 210).

 

Autorin

Spätestens wenn der alte deutsche Begriff der  Ahndung (S. 88) fällt – und das ist ziemlich früh – weiß man, worauf auch dieser Roman von Hanns Josef Ortheil hinausläuft: auf die Heilung der Sprachlosigkeit, die Qualitäten weckt, welche in den Beruf des Schriftstellers münden. Ahndung, erklärt Benjamin Merz einem erstaunten Zuhörer, sei eine Fähigkeit, die dem Fragenden intuitiv zu größerem Wissen verhelfe. Auch der Künstler braucht Ahndung. Hanns Josef Ortheil hat das mehrfach in seinen erfolgreichen Werken bewiesen. Er ist einer der wenigen deutschen Autoren, die das erfahrungsgesättigte Glückserlebnis am eines Romans nicht scheuen. Und auch diesmal wird alles nicht nur gut, sondern viel besser. Benjamin Merz findet in der schönen Paula seine große Liebe und als Schriftsteller seine Berufung. Er wird Teil des Ortes Mandlica und Teil der Geschichte, die er schreibt. Er wird bleiben, geheilt von der Sprachlosigkeit und von den Verletzungen seiner Kindheit.

 Auf dem Weg dahin genießt Benjamin unzählige jener Naschereien und Liköre, für die der fiktive sizilianische Ort Mandlica so berühmt ist. Und auch der Leser legt diesen seitenschweren Roman aus der Hand mit der vagen Erinnerung an eine Schale italienischer Gebäckstücke. Die waren bunt, kalorienreich, schnell weg und leider auch das: viel zu süß.