Hansen, Erik Fosnes

Hansen, Erik Fosnes | Das Löwenmädchen

Im Zentrum des neuen Romans von Eik Fosnes Hansen steht ein medizinischer Fachbegriff, der so poetisch klingt, dass er eigentlich erfunden sein müsste. Doch nein, es gibt Fachliteratur, Seitenweise. Den übermäßig behaarten Menschen, denen, die an der Hypertrichosis lanuginosa erkrankt waren, denen ein Fell aus Haaren wuchs, wie man es sonst nur bei Tieren kennt, wurden in der Vergangenheit Beinamen aus dem Reich der Fauna gegeben. Julia Pastrana zum Beispiel war als Affenfrau bekannt, geboren 1834, gestorben 1860 in Moskau. Wie Pastrana im Schaustellergewerbe unterwegs war Lionel der Löwenmensch, alias Stephan Bibrowski, ein Mann mit einer gewaltigen Löwenmähne, der immerhin 42 Jahre alt wurde, er starb 1932 in Italien. Streng blickt die kleine Lavinia Fontana aus dem Gemälde eines Renaissancemalers, auch sie ein Affenmädchen. Sie lebte im Schutz der europäischen Fürstenhöfe, hält ein beschriebenes Blatt Papier hoch zum Zeichen ihrer Bildung. Wie ein zarter Flaum legt sich die Behaarung um ihr kindergesicht, der Künstler verschmilzt ihn diskret mit dem dunklen Hintergrund des Gemäldes.

Um ein seltenes Symptom also kreist dieser Roman „Das Löwenmädchen“. Es trifft ein Nuegeborenes auf XXXXl geburten, die Hypertrichosis lanuginosa wird xxx vererbt. Ob es sich überhaupt um eine Krankheit handelt, sei dahingestellt; wie so oft hängt die Antwort zusammen mit dem zvilisatorischen Standpunkt des Betrachters und der ach so heiklen Frage, wie sich ein menschliches Normalmaß denn definiert. Insofern ist der Umgang mit Exoten in der menschlichen gemeinschaft auch immer ein Gradmesser für deren Zivilisiertheit. Und genau in diesem Spannungsfeld vibriert der oftmals betörende Roman des norwegischen Autors Fosnes Hansen. Er lässt sein Löwenmädchen Eva in einer kalten Winternacht des Jahres 1912 in einem abgeschiedenen Kleinstadt in Norwegen zur Welt kommen.

1912, man erinnert sich, ist das jahr, in dem die Titanic sank. Ein Stoff, der Fosnes Hansen zum interantionalen Durchbruch verhalf mit seinem Roman „Choral am Ende der Reise“(Jahreszahl). Der damals noch sehr junge Autor hatte den symbolischen Mehrwert dieser Havarie intuitiv begriffen, es sank auch die alte abendländische Ständegesellschaft mit ihrem Hochmuit und ihrer Dekadenz; es versanken Gott, Kaiser und Vaterland; es wetterleuchtete noch vor dem Ersten Weltkrieg die Zivilisationskrise der Moderne. All dies hatte Fosnes Hansen geschickt in der Form eines musikalischen Reigens ins Szene gestezt. Wenn nun also Eva Arctander, den Löwensäugling, Tochter des Stationsmeisters Arctander und seiner bei der Geburt verstorbenen Frau Ruth im Winter 1912 geboren wird, dann zitiert Fosnes Hansen sich selbst. Man ahnt schon, dass Deterministen und Darwinisten, Dermatologen, Geistheiler, Pfarrer, und Schausteller um ihre Gunst buhlen werden, sie schmähen und bestaunen, umwerben, benutzen und bekehren werden; kurz, alle jenes Personal, das mit Welterklärungen zur Stelle ist, welches sich dann in größerer Anhäufung einfindet, wenn sich der menschliche Geist in einer Schwellensituation befindet.

Doch verzichtet Erik Fosnes Hansen auf eine allzu üppige Bebilderung seines Romans. All diese Figuren, all ihre Anschauungen und Doktrinen sind in flankierender Funktion zur Stelle, werden manchmal nur in einigen Nebensätzen abgehandelt. Es entsteht, dort wo sie aufeinandertreffen, ein Stillstand, eine Ruhe im Zentrum, und dort lebt und entfaltet sich die kleine Eva. Der Roman gliedert sich in drei Teile, diese entsprechen drei Etnwicklungsstadien der Heranwachsenden. Im ersten Teil erlebt man sie als säugling und Kleinkind; Regie führen die sie umgebenden Erwachsenen: Doktor Levin, der sie gemeinsam mit der Apothekersfrau Elsa Birgerson zur Welt gebracht hat; den Tod der jungen und schönen Ruth Arctander im Kindbett konnten sie nicht vetrhindern. Die Kindbettszene bildet einen wuchtigen Auftakt zu diesem Roman. Ruth Arctander ist sehr gläubig; und während Kind, Blut und Lebenskräfte aus ihre heraustreten, begegnet sie Jesus, und dann stirbt sie. Ganz unvermittelt und etwas zeitversetzt stirbt sie noch einmal für Arzt und Apothekerin.

All dies ist mit leichter Hand choreografiert und spricht von einem fast schon musikalischen Umgang mit Rhythmen, inneren und äußeren Erzählbewegungen.Bemerkenswert ist auch die Figurenführung, spröde und pragmatisch zeigt sich die Apothekerin, gewissenhaft und an diesem Abend zu spät der Doktor. Die Beziehung zwischen Arzt und Apothekerspaar sind von gegenseitigem Respekt getragen: „Der Doktor war Determinist, die Apotheker waren eher idealistisch und fortschrittsfreundlich eingestellt, und am Kreuzungspunkt von mildem Zynismus und behutsamem Reformgeist entstand zwischen ihnen dreien oftmals ein ganz erstaunlicher antithetischer Mienungsaustausch (…).“ Stationsmeister Arcander, der vor dem Zimmer der Gebärenden auf und ab tigert, ein massiger und schweigsamer Mann, der pünktliche Züge und geschlossene Türen liebt, gibt nach der Todesnachricht ein würgendes Stöhnen von sich. Dann schweigt er, richtet ein üppiges Begräbnis aus für seine Frau. Er stellt eine Kinderfrau ein und würdigt seine Löwentichter keines Blicks. Mit diesem kleinen Kreis stehen jene, denen Eva anvertraut ist. Doktor Levin führt eine Fachkorrespondenz, die Frauen wärmen Milchfläschchen. Stationsmeister Arcander beschließt, seine Tochter, die er für eine Missgeburt hält, vor den Augen des Dorfes zu verstecken.

Im zweiten Teil des Romans ist Eva etwa sieben jahre alt. Der sehr epische, sehr getragene Erzählton verwandelt sich nun. Die Sätze werden einfacher und kürzer, gleichen sich der Innenperspektive des Kindes an. Eva wächst in einem Zimmer über der Bahnstation auf, sie ist Gefangene an einem Ort, der pikanbterweise der öffentlichste der Kleinstadt ist, die ein- und auslaufenden Züge müssen als Tor zur Welt gesehen werden; von den Telegrammen und im Morse kodierten Nachrichten ganz zu schwiegen. Ist Eva ungehorsam, so züchtigt sie der Vater; eher aus pflichtbewusstsein, denn mit Überzeugung. Er sperrt sie in eine dunkle Kammer, und nun zählt sie und rechnet, und es erscheinen ihr leuchtend Zahlen in verschiedenen Positionen. Und nun beginnt man zu begreifen, worauf das Experiment mit dem Tierkind, welches vor den Augen der Welt verborgen wird, hinausläuft. Es handelts ich bei der kleinen Eva Arctander um eine Hochbegabung; sie kann das system der zahlen übertragen auf das System der Noten; sie erlernt den Morsecode der Funker im Flug, sie bringt sich selbst das Lesen bei, sie zeichnet komplizierte Bilder von Bahnhofsapparaturen und Lokomotiven. Mit naderen Worten, man hat es mit einem hoch entwickleten und sehr sensiblen mkindlichen Bewusstsein zu tun, welches in eine äußerst unansehnliche körperliche Hülle gebannt ist, die vor der Welt verborgen wird. Und so schält sich Fosnes hansens Thema aus einer Reihe von Dichotomien heraus; in einer ständigen Bewegung zwischen Innen und Außen, dem Disput zwischen Wissenschaft und Aberglaube, zwischen Ratio und Emotion. Was als epischer Roman begonnen hat transformiert sich nun zu einem Bewusstseinsroman. Man begreift schon so viel von Eva, dass man am Ende des zweiten Teils verstanden hat, sie wird sich niht zum Opfer machen lassen.

Im dritten Teil des Romans trifft man Eva als Pubertierende wieder. Erik Fosnes hansen hat hier eine ästhetische Entscheidung gefällt, die diskussionswürdig ist – er hat nämliuch dem Drängen seiner äußerst willenstarken Figur nachgegebn und lässt sie selbst berichten von ihrem 15. Lebensjahr, dem jahr ihrer Adoleszenz, den ersten sexuellen Erfajhrungen. Atemberaubend klug ist diese Eva, sie setzt sich über alle Grenzen hinweg, sieht spöttisch auf die ihr weit unterlegenen Erwachsenen. Sie rächt sich, sie manipuliert den Geistlichen, der sie konfirmieren soll. Sie wird, als sie als Attraktion auf einem Dermatologenkongress vorgestellt wird, zum Opfer der Wissenschaft. Sie lernt aus dieser Erfahrung. Als die Schausteller bei ihr im Ort einfallen mit dem Ziel, sie anzuheuern, bewegt sie sich in einer Mischung aus Faszination und Ekel auf die Truppe zu, dann wieder von ihr weg. All dies wird so fragmentarisch wiedergegeben, wie es der Bewusstseinsprosa eigen ist; zusätzlich punktiert durch Tagebuchszenen. Nach einem dramatischen und auch gewaltsamen Crescendo bricht der Roman ab. Das offene Ende wirkt umso fragmentarischer, als dass der Roman so kontrolliert, beherrscht und durchaus sprachmächtig begonnen hatte. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Fosnes Hansen sein Stoff entglitten ist, als er seine Hauptfigur in die Freiheit entließ. Sehr viel wurde angelegt und leider nicht zuende geführt. In der Erinnerung aber bleiben glanzvolle Passagen; man liest Erik Fosnes Hansens Löwenmädchen mit großem Interesse und auch Vergnügen.

 

Die Zeit, 2008