Heaney, Seamus

Heaney, Seamus | Porträt

Seamus Heaney kommt in seiner Heimat ohne Nachnamen aus. Wenn von „Seamus famous“ die Rede ist, dann weiß jeder, wer gemeint ist: Seamus der Berühmte, der größte irische Dichter seit Yeats. Diesen Satz hat ihm der amerikanische Kritiker Robert Lowell angehängt, und er haftet hartnäckig: „Wie eine Schlinge um meinen Hals“, seufzt Seamus Heaney. Die hohe Kunst des Understatements übt er mit Erfolg. Es scheint unmöglich, aus dem Dichter mit der weißen Löwenmähne ein Wort des Eigenlobes hervorzukitzeln. Seinen Posten als Professor der Rhetorik in Harvard findet Heaney bemerkenswert höchstens, weil er ihm ein festes Salär garantiert. „Poeta Laureatus“ in Oxford? „Mein Gott“, sagt Heaney, „ich darf nicht daran denken, daß Matthew Arnold und W.H.Auden auf diesem Stuhl saßen.“

 

Inzwischen ist auch die nicht englischsprechende Welt auf den Lyriker aufmerksam geworden. Lesungen führen Heaney durch ganz Europa. Seinen letzten Gedichtband „The Haw Lantern“ haben Giovanni Bandini und Ditte König mit einer vorbildlichen Übersetzung für deutsche Leser zugänglich gemacht. Hierzulande ist der irische Dichter längst kein Geheimtip mehr: Am 7. Dezember bekam Heaney den Horst-Bienek-Preis für Lyrik in München.

 

Das „Preis Dingens“ hat er hinter sich, eine neuntägige Lesereise durch Polen. Sichtlich abgekämpft sitzt Heaney in der Berliner Akademie der Künste. Er trägt ein abgetragenes braunes Tweed-Jackett, das er bei Auftritten in der Öffentlichkeit gegen ein neues graues vertauscht. Heaney bewegt sich ungezwungen auf dem internationalen Parkett – ein Mensch, der weiß, wo seine Wurzeln liegen. Seamus Heaney ist immer der Junge vom Lande geblieben; den ein merkwürdiger Zufall hat wachsen lassen. Morgen früh wird er nach Hause fliegen. Mit der allerersten Maschine.

 

1939 – im Todesjahr von William Butler Yeats – wird Seamus Heaney in der nordirischen Grafschaft Derry geboren. Er ist das älteste von neun Kindern einer katholischen Familie. Seine Kindheit verbringt er auf der Farm „Mossbawn“. Ein wohlklingender Name, vielleicht gar ein Omen: „Bawn“ ist gälisch und bedeutet „weiß“. „Weißes Moos“ ist Heaneys lyrischer Ort, hier war er Kind zwischen Ställen, Brunnen, Hecken, Kartoffeläckern und Torfmooren. In Mossbawn treffen sich die Kulturen der Insel, die angelsächsische und die irische, der Protestantismus und der Katholizimus, das Christentum und eine kaum versunkene keltische Vorzeit. In Heaneys Poesie kristallisieren sich diese Gegensätze, sie werden handgreiflich, persönlich, entmythologisiert. Mit seiner klaren, nüchternen und doch anteilnehmenden Haltung ist Heaney längst der Dichter des geteilten Landes. Im Süden verehrt man ihn genauso wie im Norden.

 

Mit zwölf Jahren besucht Heaney das katholische Internat St.Columbs College in Derry. Hier lernt er Latein und das Gälische. Eine „Kalligraphie wie Heimat“ nennt er diese Sprache in seinem Gedicht Alphabete: „Die Zeichen dieses Alphabets waren Bäume.“ Das früh Gelernte findet sich in seinen Dichtungen wieder. Keltische Balladen und altenglische Assonanzen hallen in Heaneys Versen nach, die lateinischen Gesänge mittelalterlicher Mönche, das gemurmelte Abendgebet auf Moossbawn. Der gereifte Heaney beschwört mehr denn je die Erlebnisse der Kindheit: „Die Erinnerung ist das größte Gut des Dichters“, sagte er unlängst in Berlin.

 

Seamus Heaney hat sich seinen Namen zunächst Naturlyriker gemacht. Er hat in den frühen Gedichten sein Land beschrieben, die Menschen, die darin leben und die Tätigkeiten ihres Überlebens: Kartoffeln ernten, Butter stoßen, Dächer decken, Wasser holen, Torf stechen. Heaney kennt die Topografie und die Vegetation seiner Heimat wie kaum ein Schriftsteller. Und doch ist Heaney kein Heimatdichter. Natur ist ihm Ereignis und Metapher, Ausgangs- und Endpunkt von Erfahrungen, die sich in das Überpersönliche weiten.

 

Seine späten Verse haben eine allegorische Dichte erreicht, die besticht durch einen kühlen, lakonischen Ton, Präzision und beschwörende Wortgewalt. In Ton und Klang wird sein Wort Ding, seine Sprache Materie. Heaney schöpft dabei aus seiner Lektüre und wissenschaftlichen Verarbeitung der Weltliteratur. Dante schuldet er viel, Wordsworth, Shakespeare, Rilke, dem Polen Czeslaw Milosz. Mit einem befreundeten polnischen Dichter übersetzt Heaney derzeit den Renaissancepoeten Jan Kochanowski. Er spricht kaum Polnisch, „aber mit dem Lateinischen schlage ich mich durch.“ Die „Treny“, jene Klagelieder von 1580, in denen Kochanoski den Verlust seiner zweieinhalbjährigen Tochter beklagt, haben Heaney tief beeindruckt. Ihr Einfluß wird deutlich in seinem bewegenden Gedicht „The Summer of Lost Rachel“, in dem Heaney den Unfalltod seiner Nichte betrauert.

 

Wenn Seamus Heaney liest, dann kostet er Worte auf den Lippen wie ein Gourmet seinen Burgunder. Sanft rollen die „R“s, auf und ab gleiten die Vokale des Nordens. Heaneys Dialekt ist unverkennbar, auch wenn Dublin, Oxford und Harvard seinem Singsang die Spitze genommen haben. Er reimt nach den Gesetzen der gesprochenen Sprache: Vor seinem „South Derry Gleichklang“ müßten Sprecher des BBC kapitulieren. Heaney hat Glück gehabt mit seiner Sprache: „Das Französische“, sagt er mit einer flatternden Handbewegung zur Decke, „wäre mir zu leicht. Es entschwindet nach oben.“ Wenn er aber Rilkes „Sonette an Orpheus“ liest, dann starrt er auch auf den deutschen Textkorpus: „Ich liebe die Materialität dieser Sprache.“

 

„Kaholiken sprechen gemeinhin nicht so gut wie protestantische Schüler“ schreibt Heaney in Das Ministerium der Angst. Dieses Gedicht findet sich in seinem Band „North“, 1975 erschienen. Drei Jahre zuvor hat Heaney, auf dem Höhepunkt der „Troubles“, Belfast verlassen. Mit seiner Frau Marie und zwei kleinen Kindern zieht er in die Republik. Seither ist gerne vom „Dichter im Exil“ die Rede, von Anfeindungen, die Heaney wegen dieser Entscheidung angeblich erleiden mußte. Auch das deutsche Publikum liebt die Vorstellung vom zerrissenen, heimatlosen Dichter. Heaney differenziert hier mit großer Umsicht „Ich weiß nicht, ob es diese Vorwürfe je gab. Die Legenden sind mit der Zeit gewachsen.“

 

Heaney beschreibt es lieber als „Zufall“, daß er 1972 in den Süden zog. Fest stand für ihn damals nur, daß er weg wollte aus Belfast. Weg vor allem von seinem Beruf als Dozent an der englischen Fakultät der Queens Universität. Sein Entschluß aufs Land zu ziehen war gefallen. Da bot eine Freundin ihm ein Cottage in den Wicklow-Bergen südlich von Dublin an. In demselben Haus, das einst dem irischen Schriftsteller John Millington Synge gehörte, begann Heaney seine Karriere als Lyriker. Noch heute zieht er sich hierher an jedem Dienstag und Mittwoch zurück, um ungestört zu schreiben.

 

Seine sanfte, eindringliche Stimme erhebt Heaney selten in der Tagespolitik. In seiner Lyrik finden sich persönliche Erfahrungen von Gewalt, präzise sondiert, traumatisch und endgültig wie der Tod. Kollektive Gewalt hingegen ordnet sich in Heaneys Poetologie ein in den Zyklus von Werden und Vergehen. Diese Gewalt gehorcht Gesetzen, vor denen der Mensch erschauert, aber machtlos ist. Der Gedanke ist Heaney so wichtig, daß er ihn in der Berliner Akademie der Künste noch einmal erläutert: „Es geschieht das, was geschehen muß. Es ist entsetzlich, aber diese Phase ist notwendig, wenn etwas Neues entstehen soll.“

 

Heaneys private Ikone für diese Erkenntnis ist der Tollund Mann. Der Fund einer Moorleiche auf Jütland, die offensichtlich ein Menschenopfer war, hat ihn tief bewegt. Hier manifestiert sich für Heaney die Unerbittlichkeit menschlicher Riten, die Ohnmacht der Nachgeborenen. Er hat dem Tollund Mann ein Gedicht gewidmet, das so beginnt: „Eines Tages werde ich nach Aarhus fahren / um seinen torfbraunen Kopf zu sehen.“ Mehr als zwei Jahrzehnte später hat er diesen Plan verwirklicht. Anfang September 1994 steht Heaney in Aarhus. Es ist der Tag, an dem die IRA die Waffen niederlegt. Ein Kreis hat sich geschlossen.

 

Der Dichter als Prophet? Diese Bemerkung würde Heaney sicher ablehnen. Und doch es war eine Blinde, die ihm einst sein schönstes Kompliment machte. Heaney las der Frau ein Gedicht, in dem er die Spiegelungen in einem tiefen Brunnen beschreibt. Nach seinem letzten Satz sagte die Blinde: „Oh, jetzt kann ich den Himmel am Grund erkennen.“

 

Literarische Welt, 1997