Henschel, Gerhard

Henschel, Gerhard | Die Liebenden

Von der Ankunft des Computers und der E-Mail bleibt dieser Roman unberührt. Der Brief, dieses Frachtschiff menschlicher Zuwendung im Ozean der weltumspannenden Kommunikation, schreibt hier noch Familiengeschichte. „Die Liebenden“, heißt das neue Buch des in Hamburg lebenden Schriftstellers Gerhard Henschel. Er hat einen Briefroman veröffentlicht, genauer: Einen Roman in Briefen. Ein gigantisches Puzzle bestehend aus Lebens-äußerungen von einem guten Dutzend Menschen, die vier Generationen angehörten. Die Briefe wurden in der zweiten Hälfte des eben vergangenen Jahrhunderts geschrieben, in den deutschen Aufbaujahren, denen so ein teils dokumentarisches Andenken gesetzt wurde.

Gerhard Henschel hat für seinen Roman zahlreiche Originalbriefe bearbeitet und trifft so den Ton und die Stimmungsschwankungen der Nachkriegsjahrzehnte besser, als es in einem fiktiven Roman möglich gewesen wäre. Dabei hat vieles Eingang gefunden, was entbehrlich erscheint. Wer will wirklich noch wissen, wie viel Platz ein AEG-Staubsauger der Marke Vampyrette 1963 im Putzschrank einnahm? Henschel ist großzügig umgegangen mit zeitraubenden Informationen, er stellt die Geduld seiner Leser auf die Probe, immerhin 750 Seiten lang. Die Rechnung geht auf. Gerade durch die vielen Details gerät man in den Sog der Zeit, und man erkennt die innere Beschaffenheit der Aufbau-Generation.

Im Zentrum stehen die beiden „Liebenden“, Richard Schlosser, Jahrgang 1927, und Ingeborg Schlosser geborene Lüttjes, Jahrgang 1929. Richard Schlosser stammt aus einer ostpreußischen Pfarrersfamilie, die nach Flucht und Vertreibung in den Westen übersiedelte. Sein strenger Vater Theodor schlägt dort keine Wurzeln, seine zunehmende Verbitterung kommt in theologischen Rechthabereien zum Ausdruck, mit denen er seine Familie überhäuft: „Tanzen ist eine Gefahr… Wenn aber keine böse Lust im Herzen des tanzenden Menschen aufwacht, d.h. wenn er sie bekämpft, dann kann er auch tanzen.“ Es gehört zu den bemerkenswerten Qualitäten dieses Romans, dass man ohne jegliche Beschreibung der Figuren verstehen kann, wie der Sohn dem Vater immer ähnlicher wird. Richard Schlosser gerät 1945 als Luftwaffenhelfer in russische Gefangenschaft. In den 50er Jahren, noch während seines Studiums des Maschinenbaus, erkrankt er schwer an Tuberkulose. Er verbringt Jahre damit, um seine Anerkennung als Kriegsversehrter zu prozessieren. Später verfasst er ellenlange, streitsüchtige Briefe an Behörden und Versicherungen, die sich lesen wie die theologischen Abhandlungen seines Vaters. Und genau wie der erliegt auch Richard Schlosser der Heimatlosigkeit. Er trinkt sich zu Tode. Kurz vorher bekennt er in einem Brief an eine Jugendfreundin: „Heimisch bin ich im Rheinland nicht geworden; der Menschenschlag lag mir nicht. Wenn man mich fragt, welcher Landsmann ich sei, dann würde ich sagen, dass ich nach wie vor Ostpreuße bin.“

Richards Frau Ingeborg ist als Gegenbild zu ihrem unbeweglichen Mann entworfen. Sie stammt aus einer stramm hitlertreuen, norddeutschen Familie, die nach dem Krieg in kollektivem Schweigen versinkt. Hier herrscht ein starker Gemeinschaftssinn und eine im Vergleich zu den Schlossers geradezu frivole Lebenslust. Die junge Ingeborg geht nach England und Frankreich, sie wird Fremdsprachenkorrespondentin und ist später beim Norddeutschen Rundfunk beschäftigt. Nach und nach verbannen vier Kinder, die zwischen 1958 und 1966 geboren werden, Ingeborg an den Herd. Unverdrossen steht sie zwischen Breigläsern und Windeln, sie kocht Marmelade ein und besticht durch Tatkraft und Humor.

Die Geschichte der Familie Schlosser ist die der jungen Bundesrepublik. Man lebt von der Hand in den Mund, dann folgt der erste bescheidene Wohlstand, eine Zweizimmerwohnung, ein Cocktailsessel und die Couch, der VW-Käfer, der erste Fernseher. Als Richard Schlosser Beamter im Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung wird, zieht die Familie ins Rheinland und baut bei Koblenz ein Einfamilienhaus. Den Sommer 1968 verbringt man an der Playa Brava. Die Schlossers wählen SPD und ziehen sich so konsequent ins Private zurück wie der Rest der Republik. Man sucht in ihren Briefen vergebens nach ihren Ansichten zur Wiederbewaffnung, zum Mauerbau oder zur Studentenrevolte der sechziger Jahre.

In den achtziger Jahren zerfällt die Ehe der Schlossers. Als alle materielle Sicherheit erreicht ist, steht die Familie vor einem Scherbenhaufen. Ingeborg Schlosser wirft ihrem Mann vor, dass er sich in seinen Hobbykeller verkrochen habe, um vor der Realität zu fliehen. Dann bekommt sie Krebs. Sie stirbt 1989 und lässt einen früh gealterten Mann zurück, der sich von seinen Kindern entfremdet hat – von jener „Generation ich“, die sich selbst verwirklichen will, und die sich von den Werten der vorherigen Generation distanziert.

Der präzise und schleichende Zerfall von Ehe und Familie hat tragische Dimensionen, denn die Briefe bezeugen, dass jeder zu jeder Zeit sein Bestes gegeben hat. An Richard Schlossers Biographie wird deutlich, wie Flucht und Vertreibung in der zweiten Generation wirken. Die lebenstüchtige Ingeborg scheitert an Umständen, die größer waren als sie. Gerne gesteht man den Hauptfiguren dieses Romans ihre private Größe zu und lässt den hochtrabenden Titel „Die Liebenden“ gelten.

Das behutsame Arrangement der ausgewählten Briefe, die manche Frage ohne Antwort lässt (und umgekehrt), die verschiedenen Stilebenen und Register, die mit der Zeit und dem Absender der Briefe gehen, tragen zum Erfolg des Unternehmens bei. Man braucht Geduld für die Lektüre dieses umfangreichen Romans, aber die Mühe lohnt sich.

 

Gerhard Henschel, Die Liebenden. Roman, 751 Seiten gebunden. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2000. € 24,90.

 

Die Welt, 2004