Huston, Nancy

Huston, Nancy | Das Engelsmal

Eine Deutsche, ein Ungar und ein Franzose treffen sich in Paris. Es ist Frühling, die Franzosen haben die Stühle vor ihre Cafés geschoben, sie lesen Sartre, man liebt sich lang und ausführlich, denn dies ist ein französischer Roman, und auch sonst gleicht die Welt einem Abziehbildchen. Es ist das Jahr 1957, die Erinnerung an den Weltkrieg ist noch frisch, sie steht den familiären und amourösen Bindungen der Beteiligten im Wege. Die Mutter des Franzosen beispielsweise haßt den Erbfeind, auch die Deutsche, ihre künftige Schwiegertochter, was zum Zerwürfnis mit ihrem Sohn führt. Der Ungar hat keine Familie mehr, denn die wurde von den Deutschen vergast, weshalb sich seine Affäre mit der Deutschen schwierig gestaltet. Und die Deutsche? Die Symmetrie eines solchen Plots gebietet, daß ihre Familie schwere Schuld auf sich geladen hat. Vielleicht hat der Vater der Deutschen 1943 am Wannsee gekellnert. Oder er hat die Weichen nach Auschwitz gestellt oder Hitler noch im Bunker die Schuhe geputzt. „Was für ein Geschenk des Himmels für die Romanschriftsteller, dieser Hitler!“ bemerkt die Autorin ganz recht auf Seite 207.

Anhand von Nancy Hustons neuem Roman „Das Engelsmal“ läßt sich beobachten, wie der Holocaust vom historischen Ereignis in das epische Gedächtnis überführt wird. Jetzt, wo das Zeugnis der Überlebenden dünn wird, dürfen die Nachlaßverwalter ran, die auktorialen Erzähler, Drehbuch-autoren und Musicalkomponisten. Nancy Huston ist zuletzt als Verfasserin eines erfolgreichen Historienromans (Mittelalter) aufgefallen. Einen Roman weiter verfährt sie mit einem einem Stoff, dem Historiker immerhin den Rang der „Neuen Geschichte“ zuweisen, ganz so, als läge er so weit entfernt wie die Rituale keltischer Druiden. Ist es nun kleinlich oder müßig, darauf hinzuweisen, daß die Flucht im Winter über’s Eis nicht von Berlin ausging, sondern von Pommern und Schlesien? Daß De Gaulle keineswegs eine ganze Generation von französischen Abiturienten in Foltermethoden unterwies, damit sie sich Ansonsten die algerischen Eingeborenen unterwerfen konnten? Daß Soffies Vater, wenn er denn wirklich bei Bayer Leverkusen das Zyklon B für die Gaskammer mischte, seiner Familie wohl kaum erzählt hätte, er entwickele Medikamente „für die Menschen, damit sie besser schlafen können“? Neben dem Holocaust setzt Nancy Huston den Algerienkrieg in Szene, Kennedy und den Sputnik, die Bardot und Doris Day. Der Roman ist in der dritten Person geschrieben, der Erzähler steht auf einem Feldherrnhügel, er bewahrt einen distanzierten, leicht süffisanten Blick auf das Getümmel, was immerhin verhindert, daß das ganze Unternehmen im Kitsch verendet.

Es geht um ein klassisches Dreiecksverhältnis, um die Frau, die zwischen zwei Männern steht. Mit 20 Jahren kommt die Deutsche Soffie aus Düsseldorf nach Paris. Sie tritt eine Stelle als Haushälterin bei dem jungen Flötisten Raphael Lepage an, der sie erstens ehelicht und zweitens in den folgenden Jahren eine ordentliche Karriere macht. Er liebt Soffie und auch den gemeinsamen Sprößling Emil. Soffie verschließt sich vor Raphael, denn sie leidet an einem Kriegstrauma, sie vermutet hinter jeder Türglocke einen Bombenalarm. Erst ihr Geliebter, der ungarische Instrumentenbauer András, bricht Soffies Eis, wozu ihn seine jüdische Herkunft besonders befähigt, Zitat: „Es ist der Feind, den sie im andern lieben.“ Nach fünf oder sechs Jahren fliegt der Ehebruch auf, der betrogene Flötist sinnt auf Rache. Letztes Bild: Stark gealtert treffen sich András und Raphael in einer Bar, ihre Blicke kreuzen sich im Spiegel.

Es hätte auch ohne die aufwendige historische Staffage gehen können, denn Nancy Huston bearbeitet ein ihr vertrautes Terrain. Die gebürtige Kanadierin, die selbst mit 20 nach Paris kann, und die seither in einer Fremdsprache, dem Französischen, schreibt, weiß genug von Entwurzelung und der identitätsstiftenden Wirkung der Muttersprache. Hinzu kommt das Thema der Mutterschaft, das Huston im ersten Drittel des Romans in seinen interessanteren Tabuzonen berührt. Soffie ist keine liebende Mutter, sie versucht sogar eine Abtreibung. Doch auch Soffies Gefühlskälte entspringt ihrer kriegsversehrten Kindheit und wird später relativiert – mit der Liebe zu András erwacht auch Soffies Mutterliebe.

„Das Engelsmal“ gehört zu der Sorte Buch, die Lektoren, Verlagsvertreter und Buchhändler als „Frauenbuch“ vermarkten, der Roman bekam den Preis der französischen Frauenzeitschrift „Elle“. Frauenbücher werden von Frauen geschrieben, gelesen und rezensiert. Deshalb endet diese Rezension mit einem Hinweis an alle Leserinnen: Sparen Sie sich Ihre kostbare Zeit. Tun Sie lieber etwas für Ihre vielen K’s. Gehen Sie mit den Kindern spazieren. Sagen Sie ihm, daß er dran ist mit Küche putzen. Wenn es partout der Lesetip für den Kamin sein soll: Lesen Sie zum gleichen Thema Barbara Honigmann.

 

FAZ 2004