Hustvedt, Siri

Hustvedt, Siri | Lunch mit Siri Hustvedt

An der Klingel von Siri Hustvedt und Paul Auster steht kein Name. Wer hier, an dem eleganten Stadthaus im New Yorker Stadtteil Brooklyn schellt, muß schon wissen, wen er sucht. Energisches Hundegebell, Siri Hustvedts Begrüßung geht unter in gemurmelten Beteuerungen, die Jack gelten, dem jüngsten Familienmitglied. „Ein Hund hat den Gemütszustand eines acht Monate alten Babys“, seufzt die Schriftstellerin als wir schon auf dem Weg sind zum Lunch. „Er versteht nicht, warum ich gehe, und er glaubt nicht, dass ich wirklich wiederkomme“. Zielbewußt steuert Siri Hustvedt auf ein Café an der Straßenecke zu. Zur Mittagszeit ist es hier sehr voll, und das Publikum ist bunt gemischt. Geschäftsleute verzehren ihre Pasta, eine Großmutter mit Enkelkindern ist beim Eis angelangt. „Hi Siri“, grüßt die Kellnerin. Ich komme kaum dazu, die Karte zu studieren, denn Hustvedt, offenbar eine Frau mit festen Gewohnheiten, tippt schon auf die Abteilung „Sandwiches“ und bestellt dann gleich für uns beide, ein „Club Sandwich“ für mich, für sich ein „Vegetable Sandwich“. Ein Bier und eine Diätcola. Sie verstaut ihre langen Beine umständlich unter dem Tisch und blickt mich erwartungsvoll an. Siri Hustvedts norwegische Vorfahren haben ihr sehr blaue Augen und sehr blonde Haare hinterlassen, winzige blaue Ohrstecker und ein eisblauer Pullover unterstreichen die Wirkung.

 

Das Thema Schönheit haken wir zuerst ab. Als sie 23 war, habe sie ein Fotograf auf der Straße angehalten, „eine richtig große Nummer, er hat auch bei Vogue gearbeitet“. Der Mann habe ein paar Fotos geschossen und sie dann seinem Chef vorgelegt, und jetzt schiebt Siri Hustvedt Kinn und Unterlippe nach vorne, um den Chef zu beleben: Not bad, she should go to Paris, though she is a bit too old. Hustvedt lacht lang, laut und ausgiebig – nein, sie wäre nicht nach Paris gegangen, auch nicht für hartes Geld: „Wissen Sie, es gibt ziemlich viel schlechte Menschen da draußen.“ Siri Hustvedt scheint eine Frau mit Prinzipien zu sein, „gut“ und „schlecht“ sind für sie tragfähige Kategorien des Handelns. Im Zweifelsfall kann sie sich auf einen Katalog von Tugenden berufen, die ihr ein lutheranisch-akademisches Elternhaus in Northfield, Minnesota mit auf den Weg gegeben hat, Zuverlässigkeit, Sparsamkeit, Ausdauer.

Als der Fotograf Siri Hustvedt aufspürte, war sie neu in Manhattan, sie studierte Literatur an der Columbia University, bewohnte ein Zimmer in der 109. Straße, in dem sie nachts wegen des Verkehrslärms nicht schlafen konnte. Das Geld wurde meist schon zur Monatsmitte knapp. „Wäre ich damals gefragt worden, ob ich unglücklich sei, hätte ich mit einem trotzigen Nein geantwortet“, schreibt Hustvedt in ihrer jüngsten Essaysammlung „Yonder“, die im Herbst bei Rowohlt erscheint. Sie präzisiert: „Das Glücklichsein hängt nicht davon ab, wie eine Situation objektiv geschaffen ist, sondern wie man sie subjektiv empfindet.“

Der Auszug der jungen Frau von Minnesota nach New York war für Hustvedt ein Schlüsselerlebnis, und als solches taucht es in ihren Romanen immer wieder auf. Iris Vegan, die Ich-Erzählerin ihres episodischen Debütromans „The Blindfold“ (1992, „Die unsichtbare Frau“ , Rowohlt, 1993) schlägt sich durch als mittellose Literaturstudentin im New York der achtziger Jahre. Iris, die auch in der Namensgebung Siri Hustvedts alter ego ist, recherchiert für einen neurotischen Schriftsteller, sie landet mit schizophrenen Zuständen im Krankenhaus und führt als Mann verkleidet ein nächtliches Doppelleben in den New Yorker Bars. Ihre Erlebnisse markieren jene Grenze, an denen die Norm zum Wahn mutiert. Wie Paul Auster arbeitet auch Siri Hustvedt mit Labyrinthen, nicht mit Erzähllabyrinthen, sondern mit den Irrwegen der Psyche. Hustvedt hat Freud, Lacan und D.W. Winnicott gelesen und sich intensiv mit der Literatur des 19. Jahrhunderts beschäftigt, den Bronté – Schwestern, Jane Austen, Gorge Eliot, Charles Dickens. Der Roman des 19. Jahrhunderts ist für Hustvedt moderner als sein Ruf. „Er bietet keine Sicherheiten“, sagt sie, „sein Thema ist die Auflösung, eine fragmentarische Welt.“

 

 

Auch die 19jährige Lily Dahl (The Enchantment of Lily Dahl, 1996, „Die Verzauberung der Lily Dahl“, Rowohlt, 1997) tritt in die Fußstapfen Siri Hustvedts. Ihr Northfield, Minnesota heißt Webster, ein sonst ruhiger Flecken mit endlosen Maisfeldern. Aus der Perspektive des „Ideal Café“, in dem Lily kellnert, bietet sich die örtliche Fauna in all ihrer Vielfalt. Es treten auf die verschrobenen Brüder Filthy Frank und Dirty Dick, der verstockte Martin Petersen und auch der Polizist Hank, Lilys Boyfriend bis zu dem Tag, an dem sie beschließt, Ed Shapiro ihre Aufwartung zu machen. Der geheimnisvolle Maler ist aus der Großstadt zugezogen, er ist viel älter als Lily, jüdischer Abstammung und zigarillorauchend wie Paul Auster. Für Ed veranstaltet Lily einen Striptease vor ihrem Fenster. Es folgen viel guter Sex, übersinnliche Erscheinungen und ein ordentliches Verbrechen. In dem Roman mischen sich Elemente der Provinzposse und der Gothic Novel, und auch er endet mit Lilys Entschluss, nach New York zu ziehen.

Wir sind bei Capuccino und Expresso angelangt, und nun hätte ich gerne eine Erklärung dafür, warum mir Iris Vegan und Lily Dahl nicht aus dem Kopf gehen. Siri Hustvedt nickt verständnisvoll wie eine Ärztin: „Wissen Sie, das geht vielen Frauen so. Es ist viel geschrieben worden über Männer, die in die Welt ziehen, nicht aber über Frauen.“ Sie hat Recht – überall trifft man die Don Quichottes und Hänschen Kleins und Wilhelm Meisters. Die Bildungsjahre der Frauen aber sind eine Folge der Industrialisierung und in der Literatur noch wenig belichtet, Hustvedts Romane besetzen diese Lücke.

Was aus Iris und Lily in New York wurde, weiß man nicht. Bei Hustvedt ließ der gesellschaftliche Aufstieg noch auf sich warten, als Paul Auster schon den Plan betreten hatte, ein mittelloser Übersetzer und unbekannter Lyriker. Mit Auster ist Siri Hustvedt seit 15 Jahren verheiratet, er brachte einen Sohn in die Ehe, die gemeinsame Tochter Sophie ist jetzt zwölf. „Wir waren am Anfang richtig arm“, sagt Hustvedt. „Paul schrieb Gedichte, von denen die Welt keinen Notiz nahm“. Weil es in Brooklyn billiger war, zog die Familie weg aus Manhattan. Erst „City of Glass“ (1985) Austers, Verwirrspiel um den Pseudodetektiv Quinn, brachte den Durchbruch. Die Kurzgeschichte ging ein in jene „New York Trilogy“, die Auster Weltruhm verschaffte und einen Kultstatus, wie ihn sonst nur Filmstars erleben. Es sei unmöglich, mit ihrem Mann durch Paris zu gehen, sagt Hustvedt, ständig werde er um Autogramme gebeten. Die Familie schottet sich ab, die Telefonnummer ist geheim, es gibt keine E-mail und einen Assistenten, der den täglichen, halbmeterhohen Poststapel sichtet. War die schreibende Frau des berühmten Autors jemals neidisch? Energisches Kopfschütteln, gefolgt von einer protokollmäßigen Antwort: „Ich habe immer an Pauls Arbeit geglaubt. Der Erfolg ist verdient.“ Zweiter Versuch: Wirft einen so viel Geld aus der Bahn? Vollkommenes, amerikanisches Unverständnis. The nice thing about having money is that you can stop worrying about it

Ich bezahle und nehme Siri Hustvedts Einladung an, noch auf einen Sprung mit nach Hause zu kommen. Im Korridor sind wütende Tippgeräusche zu hören, die aus dem Keller kommen, irgendwo habe ich gelesen, dass Auster noch auf seiner alten Schreibmaschine schreibt. Jack ist außer Rand und Band, es ist unmöglich, ein vernünftiges Wort zu wechseln. „Paul“, ruft Siri Hustvedt in Richtung Keller, „kannst du mit Jack nach draußen gehen?“ Auster taucht auf, das Haar ein wenig grauer, ansonsten ein lebendes Abbild seiner unzähligen Fotos. Der virtuelle Paul schüttelt höflich die Hand und erbittet Auskunft über Herbert Grönemeyer, den er in Berlin treffen will. Ich berichte von dem Lied mit den Männern und dem Film mit dem U-Boot, und dann verschwinden Herr und Hund. In der verbleibenden Echtzeit spricht Siri Hustvedt noch über ihren nächsten Roman, an dem sie drei Jahre lang schrieb, bevor ihr Mann eine Zeile zu sehen bekam. Der Schriftstellerhaushalt hütet seine geistiges Eigentum, öffentlich wird alles früh genug. Wie war das noch in Austers „New York Trilogy“? Es tritt auf Siri, die Frau des Schriftstellers: „Sie war eine große, schlanke Blondine, strahlend schön, von einer Energie und einem Glück, die alles um sie herum unsichtbar zu machen schienen.“

 

 

Financial Times Deutschland 2000