Irène Némirovsky

Irène Némirovsky | Leidenschaft

Sturzäcker, Spalierobst, Raben – es ist Herbst in diesem Roman der Irène Némirovsky, und sie versteht es, mit einigen wenigen Substantiven den ganzen Gestus ihres Romans vorwegzunehmen. Es bleibt auch Herbst, obwohl mehr als drei Jahre verstreichen. Die Sommer huschen vorbei, sind mit einigen wenigen Zeilen abgetan. Der Herbst als Zeit der Wandlung passt vorzüglich zum Anliegen der Autorin, die Zerbrechlichkeit menschlicher Vereinbarungen zu beschreiben. Eben noch herrschte noch eine Ordnung, gemeint ist bei Némirovsky die Ordnung von Klasse und Milieu, dann bringt ein Fehltritt alles Gesicherte zum Einsturz. „Leidenschaft“ ist ein vorzüglich komponierter Roman, wegen seiner thematischen Dichte und weil auf knappstem Erzählraum all die Jahre verstreichen, ohne dass man es wirklich bemerkt.

Die 1903 in Russland geborene Exilfranzösin Irène Némirovsky schrieb diesen Roman um 1938 während eines Aufenthalts in der französischen Provinz, in Issy-l’Èvêque, der noch nicht ihr letzter, endgültiger werden sollte; „Leidenschaft“ ist vor ihrem gefeierten Roman „Suite française“ entstanden, mit dem das Werk der Autorin wieder entdeckt wurde. Das Leben in der Metropole liegt schon hinter Némirovsky, und sie beweist eine fast unheimliche Fähigkeit, sich in ihre Umgebung einzufinden, die ländliche Bevölkerung in ihrer Bodenständigkeit, mit ihren Ränken und in kruden Dialogen zu beschreiben. Der Erzähler Sylvester ist ein alter Mann, in seiner Jugend ist er auf der Suche nach Abenteuern aus der Provinz geflohen, später zurückgekehrt. Sylvester hat sich wieder eingefügt ohne ganz heimisch zu werden; er besitzt den doppelten Blick des Mitwissers und des Beobachters. In seiner erklärten Zufriedenheit sitzt der Stachel der Resignation, Altersweisheit und Verdruss halten einander die Waage. Sylvester überblickt die Geschlechter der Bauern und des verarmten Adels in den Dörfern seiner Umgebung; er weiß, wie sich die Generationen verschränken, wo es Fehden oder Bastarde gab, wer sein Land rechtmäßig oder durch Intrigen erwarb.

All dies erklärt er so schlüssig, dass ein makelloses Sittenbild der französischen Provinz in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entsteht. Man mag kaum glauben, dass eine 35jährige Kosmopolitin, die sich eher notgedrungen und Jahrzehnte später in dieser Provinz aufhielt, diesen Roman geschrieben hat. Bei der Lektüre von Irène Némirovskys Romanen wird man sich bewusst, wie weit die Gestaltungskraft dieser Autorin ihren eigenen Erfahrungsschatz überragte. Dabei wirken gerade ihre kürzeren Romane auf eine angenehme Art altmodisch. Irène Némirovsky ist in ihrem Erzählanliegen – hier geht es um Leidenschaft versus Sitte, um das Aufbegehren des Individuums gegen die herrschende Moral – noch ganz dem russischen 19. Jahrhundert verpflichtet. Modern im Sinne des französischen 20. Jahrhunderts sind hingegen die Wege der Verdichtung, der Verschlüsselung, auch der Ellipse, von denen sie in „Leidenschaft“ reichlich Gebrauch macht. Man schlägt diesen Roman auf und blickt in ein Prisma der Zeiten.

Sylvester, der Erzähler hat übrigens drei Namen. Eine Jugendliebe hat ihm den Namen Silvio verpasst, in Anspielung auf einen italienischen Gondoliere. Die Konnotation des Liebhabers ist gesetzt, und später weiß man auch, dass es sich bei der Jugendliebe um seine Cousine Hélène gehandelt haben musste. Deren Tochter Colette wiederum beschreibt ihn als Faun; sie begründet dies physiognomisch mit Stirn, Himmelfahrtsnase, spitzen Ohren. Der Faun ist kreatürlich, der Gondoliere gilt als heißblütig – schon auf den ersten Seiten bekommt man einen Hinweis darauf, wie sehr Sylvester in die Leidenschaften verwickelt ist, deren Mechanismen er so scheinbar unbeteiligt darlegt.

Die junge Colette bewundert ihre Mutter Hélène und ihren Vater François, die eine Ehe aus Treue, Liebe und Fürsorge führen, welche auch Sylvester als mustergültig anpreist. Colette will ihre junge Ehe mit dem Mühlenbesitzer Jean Dorin genau so führen, doch gibt sie einer Leidenschaft nach. Colettes Liebhaber ist zugleich der Geliebte einer jungen Frau, die von einer Halbschwester Hélènes großgezogen wurde. Im Denouement zeigt es sich, dass auch die jungen Frauen, Colette und Brigitte, Halbschwestern sind, dass auch Sylvester und Hélène einst ein leidenschaftliches, Regeln brechendes Paar waren. Die Doppelungen und Spiegelungen in dieser Figurenkonstellation scheinen zwingend und haben viel mit der Akkuratesse zu tun, mit der Némirovsky ihrem Roman konstruiert hat. Zugleich war sie

eine große Kennerin menschlicher Abgründe, hat ihre Figuren wie auf einem alten Familienfoto gruppiert. Dort nehmen sie Haltung an und geben doch alles preis, was sie vor dem Auge des Betrachters geheim halten wollten. Irène Némirovsky ist eine Autorin, die zu Recht als eine große Erzählerin des vergangenen Jahrhunderts gefeiert wird. Erwähnenswert ist auch Eva Moldenhauers Übertragung dieses Romans, in der die Gespreiztheit der französischen Salonkonversation erhalten geblieben ist.