Jones, Sadie

Jones, Sadie | Der Außenseiter

Sadie Jones bittet zum Interview in das Soho-Hotel. Mit seinen byzantinischen Vasen, Eichenholztischen, Pop-Art Tapeten und Leuchtern, die die 50er Jahre imitieren, ist es ein Ort, der den ganzen eklektischen Schick des Viertels in sich aufnimmt. Kellner gleiten lautlos vorüber. Die Gäste, jung, schön und betucht konsultieren diskret ihre iphones.

Auf den ersten Blick passt Sadie Jones in ihrem halblangen, rosafarbenen Mantel und halbhohen Stiefeln perfekt ins Ambiente. Drunter kommen ein Allerweltstop und eine einfache Jeans zum Vorschein. Understatement spricht aus ihrer Erscheinung, Bescheidenheit und eine famose Beziehung zum eigenen Alltag. Jetzt widmet sie sich der Presse, danach dem Gespräch mit dem Schuldirektor ihres Sohnes.

Für Sadie Jones ist der Autorentraum wahr geworden. Sie hat einen Roman geschrieben, weil sie es nicht lassen konnte. Sie hat den Text einem Agenten gezeigt, der erste Verlag schlug zu, es gab satte Vorschüsse, eine Nominierung zum Orange Fiction Prize und derzeit wird um die Filmrechte verhandelt. Kein Gedanke daran, dass ihr der Erfolg zu Kopf steigen könnte. „Wissen Sie, ich war so lange arbeitslos und habe so viele Niederlagen erlebt“, erzählt sie freimütig in einem sehr gepflegten britischen Akzent. „Ich bin froh, dass der Erfolg erst jetzt kommt, wo ich vierzig geworden bin.“

Sadie Jones hat viele Jahre Drehbücher und Filmskripte geschrieben. Der Durchbruch blieb ihr verwehrt, obwohl sie mit dem Dschungel der Filmwelt von Kindesbeinen an vertraut war: Sie ist die Tochter einer Schauspielerin und des jamaikanischen Lyrikers Evan Jones, der in Großbritannien Filmregisseur war und selbst Drehbücher geschrieben hat. Ihre Familiengeschichte reicht zurück bis auf eine Bananenplantage in der Karibik. Dort gab es einen Großvater, der in der Dämmerung des vorletzten Jahrhunderts ein aufstrebendes Familienunternehmen gründete, der es zu Reichtum brachte, eine amerikanische Quäkerin heiratete, seinen sieben Kindern eine erstklassige Ausbildung in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten ermöglichte. „Kultur und harte Arbeit“, so fasst Sadie Jones ihre Herkunft zusammen. „Ich habe in unserem Künstlerhaushalt gelernt, wie man die Welt vom Rand her beobachtet. All diese Schauspieler und Regisseure um mich herum waren glückliche Außenseiter.“

Der titelgebende Außenseiter ihres ersten Romans heißt Lewis Aldridge. Er ist ein Abgewiesener, ein „Outcast“, für den die rigide Gesellschaft in einem Londoner Vorort der 40er und 50er Jahre keinen Platz findet. Hinter der Figur schimmern die Konturen eines James Dean oder Marlon Brando hervor. Wie diese frühen Rebellen sieht sich Lewis Aldridge einer Elterngeneration gegenüber, die in Sprachlosigkeit erstarrt ist; die wie betäubt ist von den Schrecken des zweiten Weltkriegs, die sich in ein Korsett von Stand und Konvention zurückgezogen hat. „Der Außenseiter“ existierte zuerst als Filmskript und gleicht noch in seiner Romanfassung einer Ode an das Kino der 50er Jahre. Der Roman ist ein Melodram, opulent in der Handlung, bestückt mit üppigen Figuren und filmischen Szenen. Er bleibt in den Schranken der Epoche, denn Lewis überwindet sein schweres Schicksal letztlich nicht durch seine Rebellion, sondern durch die heilende Kraft der Liebe. Ein Genrestück hat Sadie Jones also verfasst; Literatur in Agfacolor, die jede Menge déja vus bietet. Man erkennt so viel wieder, dass man glaubt, in einem vertrauten Film zu sitzen. „Ich schreibe klein“, erklärt Sadie Jones und meint damit eine einfache, ungekünstelte Prosa. „Ich brauchte das große Format, denn wenn man klein schreibt, wenn man alles in den Subtext legt, dann muss man eine große Geschichte erzählen.“

Sadie Jones Kunst besteht darin, dass ihr Roman bei so viel Oberfläche nicht verflacht. Das verdankt sie wiederum ihrer Fähigkeit, eine fast verblüffend lebensechte Atmosphäre zu schaffen; ebenso der Raffinesse, mit der sie ihre Figuren in Szene setzt, sie so ausleuchtet, dass ihre letzte Regung plausibel wird. Sadie Jones Kunst ist die Kunst der Wahrscheinlichkeit. Lewis Aldrige ist zu Beginn des Romans sieben Jahre alt, ein offenes, geliebtes Kind; am Ende ist er 19, kriminell, einsam und vorbestraft. Dazwischen gibt es einen Schnitt. Der zehnjährige Lewis ist als einziger Zeuge anwesend, als seine Mutter in einem Fluss ertrinkt. Er versucht vergeblich, sie zu retten; er rettet sich selbst, erleidet ein Trauma. Die mit dem Buchumschlag anvisierte Zielgruppe (weiblich) dürfte erschauern, wenn sie diese Passage liest. Dies sei ganz ohne Häme festgestellt. Selten ertrank eine Mutter schöner und schrecklicher. „Ich wollte eine ödipale Situation herstellen“, bekräftigt Sadie Jones. „Eine archetypische Konstellation, die kraftvollste, ich mir vorstellen kann.“ Ein Vater, der seinem Sohn Lewis zu ähnlich ist; eine überforderte, viel zu junge Stiefmutter; ein gewalttätiger Machtträger und, natürlich, die junge, kluge und endlich erlösende Liebe komplettieren das Ensemble. Die Autorin wildert in den Revieren der Trivialliteratur. Doch es gibt in allem, was sie sagt, eine dunkle Grundierung und eine Schärfe der Beobachtung, die ihrem Thema Gewicht verleihen. Es sei ganz einfach gewesen, die drückende Atmosphäre der 50er Jahre herzustellen, sagt Sadie Jones. „Ich musste ganz wenig recherchieren, hier mal eine Automarke nachschlagen, dort ein Kleidungsstück.“

Was verbindet sie mit ihrer Hauptfigur? Und sollten erste Stoffe nicht biografisch sein? Sadie Jones schüttelt energisch den Kopf, ihr dickes, schwarzes Haar legt sich in einer Welle auf ihre Schultern. Sie habe den biografischen Kram in einem Filmskript verarbeitet, dort habe es ein junges Mädchen gegeben, und den prototypischen fiesen Mann. Lewis Aldrige sei ihr sehr nahe, aber es gebe keine Gemeinsamkeiten. Kennt sie Geldnot? Ja, sagt Sadie Jones. Als selbst sehr jung war, im Alter ihrer Hauptfigur, da schrieb man die Achtziger Jahre. Sie verließ den vorgezeichneten Weg einer Tochter aus gutem Hause. Sie ging nicht zum College wie ihre Freundinnen, widersetzte sich auch einer wilden Londoner Jugend mit Partys und Drogen. „Ich habe mich sich selbst geerdet“, erklärt sie. „Mich vor dem Luxus geschützt, auf die schiefe Bahn zu geraten.“ Ihr Schutzschild war die Realität. „Ich bestand darauf, meinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Ich war eine hoffnungslose Sekretärin. Zwischen meinen Anstellungen war ich immer wieder Kellnerin.“ Sie denkt kurz nach. „Jedenfalls habe ich mich durchgeboxt und der Versuchung widerstanden, Geld von meinen Eltern anzunehmen.“

In diesem Licht betrachtet rebellierte auch Sadie Jones gegen Konventionen. Auch ihre Willensstärke teilt sie mit ihrer Hauptfigur. Wenn sie arbeitet, dann sei sie höchst diszipliniert. I am dogged. Ihr zweiter Roman spielt in Zypern, man schreibt das Jahr 1956 und bewegt sich immer noch auf den Spuren des Lewis Aldrige. „Es gibt diesen Punkt der Beschleunigung, an dem die Geschichte alles ausfüllt. Dann bin ich geistesabwesend, schaffe ich es sogar, gefrorene Erbsen anzubrennen.“ Sie lacht. „Meine Familie ist sehr geduldig.“ Ihr Lieblingsbuch? Die Brüder Karamasov. Ihr größter Wunsch? Sie sieht überrascht aus, zuckt dann mit den Achseln. „Ich bin sehr glücklich, habe alles, was ich brauche.“ Sie blickt unauffällig auf ihre Armbanduhr. Der Schultermin drängt, die Autorin wird zur pflichtbewussten Mutter. Sie verabschiedet sich höflich und steht auf. Greift zum rosa Mantel. Sie geht lautlos hinaus, der neue Stern im Londoner Litbizz. Keiner beachtet sie. So viel Glück fällt nicht auf in Soho.

 

Literarische Welt, 2009