Keane, John B.

Keane, John B. | ein Porträt

John B. Keane ist Chronist einer verschwindenden Welt. Das ist der Ursprung seines Ruhmes in seiner Heimat Irland. Es ist zugleich der Grund dafür, daß man den Schriftsteller in Deutschland kaum kennt: John B. Keanes Stücke und seine Romane sind nicht zu verpflanzen und kaum zu übersetzen. Am glücklichsten ist ”John B.”, wie ihn die Iren nennen, mit einer plattdeutschen Fassung seines größten Theatererfolges ”The Field” (1961): ”Dat Stück Land” (1980). Die Mundartfassung bemüht sich um den Singsang des Originals, um die einzigartige Sprache seiner Geburtsstadt Listowel, Grafschaft Kerry, Irland. Diese Sprache, erklärt John B, sei das größte Geschenk, das die Engländer den Iren gemacht hätten. Sie hätten Listowel 1600 belagert und das Englisch der Elisabethaner hiergelassen: ”Das ist eine sehr poetische Sprache. Sie hat sich mit der keltischen Irisch der Barden vereinigt und ein Kind der Liebe hervorgebracht. Manche behaupten, es sei ein Bastard.”

Die Leute von Listowel lieben ihre Worte. Kein Gegenstand ist so gering, daß er nicht ihrer wortreichen Aufmerksamkeit fwürdig wäre wäre, Pausen fürs Schlucken, Atmen und Nachdenken einbegriffen. So endet eine detaillierte Wegbeschreibung zum Wohnhaus und Pub des John B. Keane, William Street 37, mit folgender Frage: ”Und Sie würden wohl kaum von hier sein, oder vielleicht doch?” Der Besucher kann sich mit einem knappen ”Nein” aus der Affäre ziehen, womit er sich als kontinentaler Wortbanause zu erkennen gibt. Die korrekte Antwort gibt Auskunft über Geburts- und Wohnort, Name und Zahl der Geschwister, Beruf, Wetter und die Beschwerlichkeiten der Reise nach Listowel.

John B. Keane verzichtet in keinem seiner Texte auf diese Girlanden. Deshalb werfen ihm Kritiker vor, daß er zu viel, zu undiszipliniert, zu ausufernd schreibe. Gut 50 Bücher hat Keane seit seinem Debut mit dem Theaterstück ”Sive” 1959 veröffentlicht. Bemerkenswert viele ”Briefsammlungen” sind darunter, Briefe von Gastwirten, Priestern, Ministern, Postboten, Polizisten, Kupplern und liebeshungrigen Bauern. Der Autor spricht mit ihrer Stimme, und diese Stimmen ergeben in der Summe einen Querschnitt durch Listowel. So hat Keane das ländliche, verarmte, von Politik und Klerus gebeutelte Irland verewigt. Das gereichte dem Autor nicht immer zum Vorteil. Erst unlängst, erzählt Keane, habe ihn ein Priester auf einer Pilgerfahrt angehalten, ihm die Teilnahme verwehren wollen. ”Sie mögen mich nicht, weil ich die Wahrheit schreibe.” Diese Liebe zur Wahrheit, zum erlebten Leben, hat Figuren wie den Geistlichen Canon Tett auf den Plan gerufen. Er spielt in dem Roman ”The Bodhrán Makers” (nicht übersetzt) eine wichtige Rolle. Das Bodhrán ist ein traditionelle irisches Musikinstrument, ein mit Ziegenhaut bespannter Reifen, auf dem ein eindringlicher Rhythmus zur Musik getrommelt wird. Canon Tett erklärt das Bodhrán zum Teufelswerkzeug und die traditionellen Tänze der Dorfbewohner von Trallock und Dirrabeg zur Sünde. Mit fanatischem Gotteseifer, unterstützt von seiner spionierenden Haushälterin, drang-saliert Tett seine Gemeinde so lange, bis sie sich ihm widersetzt.

John B. Keane kann sich gut an die ”bedrückende Atmosphäre” der fünfziger Jahre in Irland erinnern, an jene Zeit, in irische Geistliche dekadente moderne Tänze verboten und einen VW Käfer als ”fahrendes Bordell” bezeichneten. Keane hat auch Prozessionen kleiner weißer Särge vor Augen, weil damals viele Kinder an Unterernährung, Diphterie, Scharlach starben. Er weiß, wie es sich anfühlt, wenn man ohne Schuhe zur Schule geht, und er hat Frauen gesehen, die Jahr um Jahr mit einer neuen Schwangerschaft unter seinem Fenster vorbeigegangen sind: ”Sie haben ihr Leben und ihre Schönheit den Kindern geopfert.” All das bewahrt Keane in seinen Romanen und Dramen, die durch ihren unverwechselbareb Gestus der Nostalgie und der Revolte bestechen.

Wie viele junge Männer seiner Generation ist John B. Keane ausgewandert, weil es in seiner Heimat keine Arbeit gab. 1951 kam er in ein London, in dem es noch Schilder mit der Aufschrift ”Keine Iren, keine Hunde” gab. Zuhause aber wartete Mary auf John B. Er kehrte in seine Geburtsstadt zurück, heiratete und machte einen Pub auf. Tagsüber stand er hinterm Tresen und nachts schrieb er auf, was sich tags ereignet hatte. Einmal belauschte Keane zwei Dorfbewohner, die vor seiner Tür debattierten, ob sie eintreten sollten: Sie befürchteten, daß sie im nächsten Theaterstück wieder auftauchen würden. Heute, sagt John B. Keane, habe er die volle Rückendeckung der Bewohner von Listowel: ”Ich bin einer von ihnen.” Das hübsche Städtchen hat von seinem berühmten Bewohner profitiert. Jedes Jahr im Mai findet hier ein großes Schriftstellertreffen statt, das Besucher aus vielen Ländern anlockt. Einmal, so erzählen es sich die Leute von Listowel, wollte ein amerikanischer Tourist in dieser Woche im Mai wissen, warum so viele Milchwagen durch die Stadt fahren. Ein kleiner Junge antwortete: ”Sie bringen Tinte für die Schriftsteller”

”John B. Keane” steht in roten Lettern über der Tür, und Mary steht immer noch hinter dem Tresen. Kritisch beäugt sie jeden, den nicht die Aussicht auf sahniges Schwarzbier, sondern der Ruhm des Pubbesitzers über die Schwelle treibt. Mary Keane teilt den Besuchern ihres Mannes Minutenportionen zu. Der 69jährige ist schwer krank. John B. Keanes Krebs ist trotz Strahlentherapie weiter gewachsen. ”Ich brauche meinen Mann mehr als Sie”, sagt Mary Keane ruhig.

John B. hat es sich vor einem Torffeuer im oberen Stockwerk des Hauses bequem gemacht. Sein größter Kummer ist es, daß er in dieser Woche nicht zur Premiere seines Stückes ”Big Maggie” nach London fahren konnte. Seine Frau habe der Hauptfigur Patin gestanden, sagt John B, und daß er der alten irischen Großfamilie nachtrauert, die von den Frauen zusammengehalten wurde. Ein erstes Stück Lebensweisheit gibt es gratis: ”Nichts ist kostbarer als die Liebe einer Frau. Doch die Liebe gedeit nicht in Armut.” John B. Keane setzt seine Worte mit Bedacht, so reichhaltig und melodisch, wie es in Listowel Sitte ist, so knapp bemessen, wie es seine Gesundheit erlaubt. Er sei zufrieden mit seiner Krankheit, sagt er, und daß er sich nicht vor dem Tod fürchtet. Er ist entschlossen, den Anbruch des nächsten Milleniums zu erleben, und im Frühling, wenn die Osterglocken da sind, will er ein neues Stück und einen neuen Roman schreiben.

Zuvor aber kommt Weihnachten John B. Keane hat über viele Jahre hinweg Weihnachtsgeschichten geschrieben, die das Personal von Listowel in Aktion zeigen: Weihnachtsmänner und -frauen, die vollkommen betrunken im Heu einschlafen; Zigeuner, die nach reichlichem Whiskeygenuß und mit Verweis auf die Witterungs-bedingungen ihrer Heimatstadt glückliche Ehen stiften; Priester, die auf die List ihrer Hauhälterinnen angewiesen sind, um einem gräßlich fetten Weihnachtsmahl zu entgehen. John B. Keane ist ein Mann, der auf seine keltischen Wurzeln Wert legt. Er sagt, daß er ”einen unsichtbaren keltischen Schwanz” mit sich rumschleppt, der ihm schon viel Ärger gemacht habe Das höchste der christlichen Feste aber hält er in Ehren. Ein letzter Rat: ”Man soll sich an Weihnachten mit seinem ärgsten Feind versöhnen. Wer nachtragend ist, gleicht einem Rennpferd, das hundert Kilo geladen hat.”

 

Die Welt, 1997