Kelman, James

Kelman, James | Busschaffner Hines

Busschaffner Hines fährt durch Glasgow, er verteilt ruppig Fahrscheine, provoziert seine Vorgesetzten, lässt es einmal fast zum Streik kommen. Doch wenn es ernst wird, kneift dieser Hines. Er stopft sich die Ohren zu, übertönt die Zoten seiner Kumpels mit lautem Country-Gesang und haut ab, bevor die Gewerkschafter seinetwegen auf die Barrikaden steigen. Er ist ein Einzelgänger, der sich im Unglück eingerichtet hat. An seiner Tapete nagen die Mäuse, sein Sohn ist wortkarg bis zum Autismus und es sieht so aus, als wolle seine Frau abhauen. Hines’ sehnlichster Wunsch ist es, Busfahrer statt Schaffner zu werden, doch er bewegt sich nicht vom Fleck. Endlich kündigt er, geht dann aber doch wieder zur Schicht. Sein letzter Blick gilt einer beschlagenen Heckscheibe.

„Busschaffner Hines“ ist ein früher Roman des Schotten James Kelman, im englischen Original erschien er 1984, jetzt hat ihn der Münchner Liebeskind-Verlag für eine Übersetzung aus dem Off geholt. Kelman, 1946 in Glasgow geboren, ist hierzulande am ehesten durch seinen Roman „How late it was how late“ bekannt, für den er 1994 den Booker-Preis bekam. Auf dem Podium stehend, blinzelte Kelman damals in die Scheinwerfer und düpierte die Juroren mit der Bemerkung, dass sich das britische Literaturwesen imperialistischer Methoden bediente. Dies war Kelmans Retourkutsche auf die vorangegangene Debatte der Jury gewesen, ob ein Roman, der im Slang des Glasgower Arbeitermilieus geschrieben war, überhaupt auf die Shortlist hätte kommen dürfen.

„How late it was, how late“, („Sieben Tage im Leben eines Rebellen“) hat diese kurze und hitzige Debatte nicht überlebt. James Kelman genießt außerhalb seines Landes weniger Aufmerksamkeit als andere zeitgenössische schottische Autoren. Dennoch haben seine Romane eine Schlüsselfunktion für die Renaissance, die die schottische Literatur in den neunziger Jahren erlebte. Fragt man deren jüngere Vertreter, etwa Irvine Welsh („Trainspotting“) oder den Krimischriftsteller Ian Rankin nach ihren Vorbildern und Einflüssen, dann werden Kelman und sein „Busschaffner Hines“ immer an vorderster Stelle genannt. Kelman hat den malochenden Tagelöhner, seinen „Glaswegian“-Dialekt, seine Überlebensstrategien und seinen Sarkasmus salonfähig gemacht. „Nach Jim konnten wir schreiben, wie uns der Schnabel gewachsen war“, hat der Romanschriftsteller Duncan MacLean einmal gesagt. „Er hat alle Schlachten für uns ausgefochten.“

Es wäre zu kurz gesprungen, Kelmans Werk auf das Arbeitermilieu und antikoloniale Reflexe zu reduzieren. Genau so präsent sind die Erzählformen des modernen Romans, Kelman arbeitet ausgiebig mit inneren Monologen, sich überlappenden Erzählperspektiven und Fragmenten. Auch „Busschaffner Hines“ ist nur auf den ersten Blick im Slang der Glasgower Unterklasse geschrieben, tatsächlich handelt es sich um eine Kunstsprache, die dem Mündlichen abgelauscht ist, die rhythmischen und melodischen Gesetzen gehorcht. Die deutsche Übersetzerin Silvia Morawetz hat dies gesehen und sich beherzt entschlossen, nicht einen Dialekt zu imitieren, sondern zu glätten und zu heben. Ihre Version ist nicht so kantig wie das Original, dafür treten die inneren Passagen in den Vordergrund.

In seinen Monologen sinniert Hines über sich und die Welt, eher ironisch als wehleidig. Eine Depression bahnt sich ihren Weg oder auch eine Verrücktheit: „Komisch, auf einmal tauchen Stimmen auf und rufen, so als wären sie irgendwas, gut unterrichtete Teilnehmer vielleicht, die wissen, worum es hier geht.“ Im realen Leben bewegt sich der Mann zwischen Ohnmacht und Sprachlosigkeit. Er hat drei Mal gekündigt, aber er kommt immer wieder zurück zu den öffentlichen Verkehrsbetrieben. Er will auswandern, aber er traut sich nicht. Er könnte mit seiner Frau reden, aber es klappt nicht: „Zur Zeit schweigt er. Er ist sich nicht sicher, ob die Sprache des Todes die Sprache der Leblosen ist. Er hofft bloß, dass bald ein Bus kommt, und dass es seiner ist.“

Diese behauptete Ausweglosigkeit steht wie eine gläserne Wand, gegen die der Protagonist ständig rennt. Sie ist auch der Grund, warum dieser Roman, der eine gelungene Exposition, lebendige Figuren und reale menschliche Probleme hat, nicht befriedigt. Kelman schafft eine Welt, in der es unten und oben gibt, Briten und Schotten, Protestanten und Katholiken, Inspektoren und Busschaffner, Handlungen und Konsequenzen. Dann weicht diese reale Ordnung der Welt einer reflexhaften Paranoia. Aus dem handelnden Hines wird ein gehandelter, aber auch einer, dessen Elend nicht genug Tragweite hat, um den Leser wirklich bei der Stange zu halten. Kelmans Spagat zwischen Realismus und Experiment veranlasste wohlwollende Rezensenten, ihn mit Kafka oder Joyce zu vergleichen: Allerdings werden auch in Zukunft Joyce und Kafka ohne Kelman genannt werden.

Mit „Busschaffner Hines“ hat James Kelman sich eine Fährte gelegt, die er in seinen späteren Romanen weiter verfolgt. Der Booker-Roman „How late it was, how late“ erzählt von einem Betrunkenen, der in Polizeigewahrsam gerät und dort blind geprügelt wird. Vor zwei Jahren erschien „Translated accounts“, Kelmans jüngster Roman. Darin erscheint ein undefiniertes Willkürsystem, in dem es keine Protagonisten mehr gibt, sondern nur noch Sprecher, die von anonymen Instanzen misshandelt und unterdrückt werden. Wenn man so weit gekommen ist, sehnt man sich nach Hines zurück, dem mit einer vierzehntägigen Beurlaubung schon geholfen wäre.

 

FAZ 2003