Kolb, Ulrike

Kolb, Ulrike | Anmerkungen zum Familienroman

Die Zäsur könnte man bei 2000 setzen. Seit die deutsche Gegenwartsliteratur wieder den Anschluss an die Wirklichkeit gefunden hat, erlebt der Familienroman eine Renaissance. Das Modell Familie, lange Zeit beiseite geschoben zugunsten von Einzelfiguren, die monologisch ihren Platz in der Welt bestimmten, ist wieder da. Und mit der Familie kehren alle ihre eigenen Themen, Traditionen, Verwerfungen und Brüche zurück, sogar das Schicksal als höhere, ordnende Instanz. Mit der Erweiterung des Blickwinkels weg vom Einzelnen hin zur Gruppe hat sich auch die Haltung der Erzähler geändert. Dem Gestus der Abrechnung (in etwa: 60er bis 80er Jahre) folgt ein neues Verständnis der Autoren für die Generation der Eltern und Großeltern. Es ist, als hätte man einen stillschweigenden Konsens gefunden – vertragt Euch!

Nicht weniger als drei Generationsbrüche hat das eben vergangene Jahrhundert zu verzeichnen, zwei Weltkriege und (für die Literatur ebenso folgenreich) die Außerparlamentarische Opposition. Einmal in den sechziger Jahren angekommen, schienen Unternehmungen wie Thomas Manns Buddenbrooks undenkbar. Den Verfall einer Dynastie kann man nur aufzeigen, wenn man sich mit ihr identifiziert, doch wohin die Autoren der 30er und 40 Jahrgänge auch blickten: Sie sahen nichts als Schuld und Scham. Distanzierungen und auch Abrechungen waren die Folge, es entstanden Werke wie Mitteilung an den Adel” (1976, Elisabeth Plessen, geb. 1944) oder “Suchbild” (1980, Christoph Meckel, geb. 1935). Die Literaturkritik zog nach. “Es wird gezeigt, dass der Abbau von Verständigungsmöglichkeiten objektive, gesellschaftlich-historische Ursachen hat”, schrieb die Süddeutsche Zeitung zu Plessen; vom “Scheitern eines Vaters, den man bei aller Begabung glücklos und nur von begrenztem Talent bezeichnen muss”, wusste die FAZ bei Meckel zu berichten.

Der Akzent hat sich unübersehbar verschoben. Wibke Bruhns (geb. 1938) hat ihr Buch “Meines Vaters Land” (2004) dem Vater selbst gewidmet. Ein Jahr zuvor hatte Uwe Timm (geb. 1940) das Wort ergriffen: “Am Beispiel meines Bruders” trägt den didaktischen Impuls der 68-er Generation noch im Titel. Doch der Erzähler übt sich in äußerster Zurückhaltung, auch die Trauer um den älteren, gefallenen Bruder, der sich freiwillig zur SS-Totenkopf-Division gemeldet hatte, findet ihren Ausdruck.

Die Enkel haben es leichter. Weniger hin- und hergerissen zwischen Urteil und familiärer Abhängigkeit genießen sie größere Freiheiten. Allerdings sehen sie sich mit dem bereits einsetzenden Vergessen und mit dem Schweigen in den Familien konfrontiert. Da, wo Informationen fehlen, öffnen sich ihre Werke der Fiktion; da wo ein Urteil anstünde, wird die Schwierigkeit des Urteilens thematisiert. Und aus all dem wird wieder Literatur, der Entstehungsprozess fließt in die Werke mit ein. Thomas Medicus (geb. 1953) hat mit seinem stilistisch glänzenden Bericht “In den Augen meines Großvaters” (2004) den Ton vorgegeben. Exemplarisch ist auch die Sammlung “stadt land krieg”, 2003 herausgegeben von Tanja Dückers (geb. 1968) und Verena Carl (geb. 1969). Die Autoren, mehrheitlich sechziger Jahrgänge, sind um eine eher ästhetische als historisch korrekte Aufbereitung der Vergangenheit bemüht. Sie nehmen den doppelten Schritt der Verifizierung und der Reflexion: “Dann diskutierten wir die Möglichkeit, ob jemand, der bei der SS war, kein Verbrecher sein konnte. Schließlich waren wir alle zusammen der Meinung, das könnte nur Onkel Karl selbst beantworten”, schreibt Leander Scholz (geb. 1969) in seiner Kurzgeschichte “SS”.

Was nun den Generationsbruch der Sechziger Jahre angeht, so setzt sich die Erkenntnis durch, dass dieser Bruch einen weiteren nach sich gezogen hat. Die revoltierenden 68er wurden Eltern. Statt verlässlichen Strukturen boten sie ihren Kindern ihr höchstes Gut an, die Freiheit. Mit zum Teil verheerenden Folgen, wie die eben erschienene Autobiografie “Bhagwan, Che und Ich” von Katharina Wulff-Bräutigam (geb. 1965) deutlich macht. Die Autorin erzählt vom Trauma einer Kindheit in Wohngemeinschaften und diversen antiautoritären Einrichtungen. Auch sie zieht ihre Schlüsse, ohne den Stab über den Eltern zu brechen: “Sicher wollten sie nur das Beste für uns, aber es ist offensichtlich, dass ihr Handeln ganz überwiegend von einem starken Egoismus geprägt war”, so lautet ihr Fazit.

Ein literarisches und sehr lesenswertes Pendant hierzu ist bereits 2000 erschienen: Ulrike Kolbs (geb. 1942) Roman “Frühstück mit Max”. Hier wird eine Wohngemeinschaft in der Berliner Mommsenstraße aus der Distanz von mehr als 20 Jahren beschworen. Nelly, eine Mutter auf Zeit, trifft Max, ihr nun erwachsenes Kind auf Zeit, zufällig in New York wieder. Ihr beider Verlust wird zum Thema, mit wenigen Strichen auch die Anbindung an den Zweiten Weltkrieg hergestellt: “Wir waren kaputt, wir Deutschen waren einfach zu kaputt für ein normales Leben, sagte Nelly und nach einer Pause … und noch viel kaputter als wir waren unsere Eltern.”

Und der charmante Familienroman, die schrulligen Typen, der Clan, die Dynastie? Gibt es auch wieder. Eva Menasses (geb. 1970) “Vienna” (2005) ist zu nennen, eine unterhaltsame Parade von Wiener Temperamenten, erzählerisch ein Reigen von Pointen. Dieser Roman ist symptomatisch insofern, als dass die Frage der Ich-Erzählerin nach jüdischer Identität hinter ihren eigenen Pointen verpufft. Was den Lesereiz nicht wirklich schmälert. Auch Gita Lehrs (geb. 1968) “Die Lewins” (2004) gehört dazu, ein Roman, der so leicht ist wie typisch für das Anliegen der Zeit. Die Lewins leben in einem nicht verorteten, verwunschenen Haus am Rand einer nicht näher benannten Stadt. Großmutter Maud trägt die Auschwitz-Tätowierung noch am Arm, macht aber wenig Aufhebens darum. Es gibt die Lewins nicht wirklich und sie waren Juden: Das ist der beste Ausgangspunkt, um sie zur idealen Familie zu stilisieren, zu einer Art Wunschfamilie der dritten Generation. Alle Lewins sind genialisch, begabt, verrückt, vom Schicksal heimgesucht; und sie sind einander auf immer verbunden: “Die Liebe versöhnt uns mit dem Leben”, so lautet der Schlussatz des Erzählers Leander Lewin.

Bleibt noch zu erwähnen, dass sogar der Fabrikantenroman wieder auferstanden ist. Eine Gattung, die sich als hochpotenzierter Familienroman beschreiben lässt, da im Zentrum der pater familias steht, der die Firma zusammenhält. Burkhard Spinnen (geb.1956), der um Nüchternheit bemühte Autor und Erzähler, lässt in “Der Schwarze Grat” (2003) den Großvater unangetastet, obwohl der einmal sogar die Pistole auf den Enkel richtet. Es handelt sich um die wahre Geschichte des schwäbischen Unternehmers Walter Lindenmaier, dessen Ich eingeschmolzen wird in der Familientradition. Natürlich wäre er gerne Sänger oder Schaupieler geworden, gesteht Walter Lindenmaier auf Seite 113, um auf der nächsten Seite lakonisch hinzuzufügen: “Dann hätte der Großvater Ernst gemacht mit dem Enterben. Alles hätte er verkraftet, nur das nicht.” Zwei Gründe zum Nachgeben, die noch nie gut waren, die aber wieder Gehör finden.

 

Handelsblatt, 2004