Lively, Penelope

Lively, Penelope | Hinter dem Weizenfeld

Wenn Penelope Lively sich einen Künstlernamen gegeben hätte, so wäre er gut gewählt. Penelope, wir erinnern uns, sitzt am Webstuhl und webt mit List an ihrer eigenen Geschichte, denn Odysseus ist fern und die Freier sind nah. Lively, lebendig, sind ihre Romane und Erzählungen in höchstem Maße: da wächst es, gedeiht und verfällt, alles ist in Fluß, die Beziehungen der Menschen, die Flora der Gärten, die Geschichte selbst mit ihren vielen Stimmen.

Aber es ist ja kein Künstlername. Penelope Lively wurde als solche geboren, mit einem „Margaret“ in der Mitte, und zwar 1933 in Kairo als Kind eines britischen Ehepaares: Ihr Vater arbeitete bei der ägyptischen Staatsbank. Zunächst wurde seine Tochter privat unterrichtet, sie las Kinderbücher, die Bibel und klassische Sagen. Zurück in London besuchte sie ein Mädcheninternat, dessen kultur- und lesefeindliche Atmosphäre sie verabscheute. Dann studierte Penelope Lively in Oxford Neuere Geschichte, und fand ihr großes Thema: „Ich habe diese Weltsicht und die strukturierte Denkweise bekommen, die in meinen Romanen auftaucht“. Dort wird Zeit kondensiert, sie existiert in einer historischen und in einer persönlichen Dimension, beide sind immer schon gewesen und beliebig gegeneinander zu verschieben mit dem Lineal der Erinnerung.

Am überzeugendsten ist Lively dies in „Moon Tiger“ gelungen, einem Roman, für den sie 1987 den Booker Preis bekam. „Ich bestehe aus Myriaden von Claudias – alles geschieht gleichzeitig“ läßt sie ihre Claudia Hampton sagen, die sich auf dem Sterbebett ihrer Lebens- und Liebesgeschichte erinnert und dabei in Gedanken eine Geschichte der Welt verfaßt. Es gibt eine zweite Erzählstimme, denn auch die Weltgeschichte ist polyphon, ein „Gemurmel von Stimmen“.

Mit „Moon Tiger“ (unter gleichem Titel im dtv-Verlag erschienen) schaffte Penelope Lively endgültig den Sprung in die erste Reihe der zeitgenössischen britischen Autoren. Doch sie war schon vorher bekannt, seit 1970 vor allem als Autorin von Kinderbüchern. Heute hat die mittlerweile 63jährige Lively ein Dutzend Romane veröffentlicht, ferner Kurzgeschichten, Hörspiele, Drehbücher, Zeitschriften und Zeitungsartikel. Sie hat alle bedeutenden britischen Literatur-preise bekommen, den Booker-Preis, die Carnegie Medaille für Kinderbücher, den Whitbread- und den Southern Arts Literatur Preis.

Ihre Liebhaber schätzen Livelys feinsinnige Ironie, ihre präzisen Beobachtung menschlicher Gefühls-verwirrungen, ihren unsentimen-talen, aber lebendigen Erzählton. Bei Lively kann man sich auf einen hochintelligenten Gegenspieler gefaßt machen. Deswegen haben ihre Protagonisten, meist Frauen mit solider historischer Bildung, auch jede Menge Grips. In „Heat Wave“, (gerade im Luchterhand-Verlag erschienen: „Hinter dem Weizen-feld“) ist dies Pauline, eine Lektorin, die hilflos mitansehen muß, wie ihr Schwiegersohn ihre Tochter betrügt. Dabei wird in ihrer Erinnerung ihre eigene, ähnlich unglückliche Ehe wach. Wie ein Spiegel dazu verhält sich „The Road to Liechfield“ („Ein Schritt vom Wege“ neu bei dtv): Hier ist es die Geschichtslehrerin Anne, die sich auf eine außereheliche Affäre einläßt. Und wieder liegt eine zweite Erzählung im Hintergrund, denn auch Annes gerade sterbender Vater fand einst Zuflucht bei einer anderen Frau. Bei Penelope Lively ist der Tod eine treibende Kraft, nur er, scheint es, ist bietet verläßliche Fakten im ewigen Fluß der Zeit.

Es ist anzunehmen, daß feministische Literaturkritiker schon viel Freude an Penelope Livelys Romanen gehabt haben. Sie umkreisen die Themen der Ehe und Liebe, des Wachstums, der Mutterschaft und des Todes. Ihre Heldinnen lieben Kathedralen, Sedimente, und Gärten – und die Autorin, selbst Ehefrau, Mutter, Historikerin und Gärtnerin aus Leidenschaft weiß, wovon sie spricht. Ihre Themen und Motive schieben sich sich kreis- oder spiralförmig ineinander: „Moon Tiger“ verdankt seinen Titel einer Moskitokeule, mit derem langsamen Abbrennen wieder ein Stück Zeit konsumiert ist.

Beim Lesen von Livelys Romanen merkt man, wie genußvoll sie ihre Erzählstränge verwebt, selbst Demiurg spielt. Lively ist überzeugte Agnostikerin, sie verneint also die Existenz einer höheren Kraft hinter der Weltgeschichte. Im Roman verkörpere der Autor das Schicksal, indem er selbst eine Struktur bildet, hat sie ihr Werk einmal gedeutet. Man kann einfach an Penelope denken: Sie sitzt am Webstuhl, schafft ihre eigene Zeit, ihr eigenes Thema und hält alle Fäden in der Hand.

 

Literatische Welt, 1996