Lodge, David

Lodge, David | Bittere Wahrheiten

David Lodge unterrichtet seit 1976 englische Literatur an der Universität von Birmingham. Der Dozent entspricht exakt jenem Typus des angelsächsischen Homme de lettres, den Dietrich Schwanitz mit so viel Erfolg nach Hamburg importierte. Lodge arbeitet als Professor, Kritiker und Autor, er ist Mitglied der Booker-Jury und ein gefragter Redner auf akademischen Konferenzen. Mit seinem Freund und Altersgenossen Malcolm Bradbury brachte Lodge in den Siebzigern den Campusroman in Umlauf und neuerdings betätigt er sich als Dramatiker. Sein erstes Bühnenstück hatte ein Wochenendseminar in kreativem Schreiben zum Gegenstand, dem folgte „Home Truths“, ein komisches Duell zwischen dem Autor und der Journalistin in vier Akten. Auf vielfachen Wunsch der Öffentlichkeit, dies gibt Lodge in einem Nachwort zu verstehen, habe er die Komödie nun zur „Novelle“ umgeschrieben. Die wundersame Vermehrung der Genres setzt sich fort: Hörsaal und Flughafen, Campus und Roman, Drama und Novelle, alles ist gleich, gut und notwendig.

„Home Truths“, auf deutsch (Novellenfassung) heißt es „Bittere Wahrheiten“, bedient die Mechanismen des Campusromans. Eine professionelle Zielgruppe, die sich für elitär hält, trägt die Spielregeln ihres Gebarens an die Öffentlichkeit. Es sind dies Sam Sharp ein erfolgreicher Drehbuchautor und Freund von Adrian Ludlow, einem ehemals erfolgreichen, nun aber an der Schwelle zum Vergessen stehenden Autor. Zwischen den Männern agiert ihre Jugendliebe Eleanor, die den Versager Adrian geheiratet hat, ferner die bissige, attraktive Kritikerin Fanny Tarrant. Fanny zerfetzt Sam in einem Artikel, woraufhin Adrian zum Schein ein Interview mit Fanny akzeptiert, mit dem Ziel, kompromittierende Fakten über die Journalistin an den Tag zu locken. Also starring: Lady Di und Dodi, erst als Zeitungsobjekte dann als Traumpaar, deren Tod eine stattliche Katharsis bei den anwesenden Medienpersönlichkeiten auslöst. Die Dialoge (Theaterstück) sind flott, die Figuren bleiben ohne Abgründe, das Ende ist rührselig.

Die folgende „Novelle“ ist weder neu noch unerhört, höchstens kurz. Lodge hat die Bühnenkonversation um deskriptive Passagen ergänzt, die an Prägnanz wenig zu wünschen übrig lassen: „Adrian staunte“, „Sam musterte ihn misstrauisch“ oder auch: „Etwa zwei Wochen später, sehr früh am Morgen …“. Ungeschicklichkeiten des Übersetzers und Schludereien im Korrekturat – eine Nebenfigur schreibt sich mal Creighton, mal Cleighton – tun dem Text nichts Gutes. Warum nur, fragt man sich, leistet Lodge der kritisierten Kritikerkaste ständig Vorschub? Sagt Fanny: „Es gibt heute so viel Überheblichkeit. Die Leute verwechseln Erfolg mit echtem Verdienst.“

 

FAZ, 2000