Malouf, David

Malouf, David | Jenseits von Babylon

David Malouf kann man sich als den Heinrich Böll Australiens vorstellen. Er ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller seines Landes und ein Botschafter, dessen Werke kurz nach ihrem Erscheinen in viele Sprachen übersetzt werden. Mit zunehmendem Alter, Malouf ist jetzt 63 Jahre, gilt er in seinem Land als moralische Instanz. Wenn Malouf das Wort erhebt, etwa zum Thema der Beziehung zwischen Schwarzen und Weißen, dann argumentiert er mit Feinsinn, Gedankenschärfe und Ironie. Kurz, mit allem, was die Angelsachsen unter der Rubrik des „Wit“ zu schätzen wissen.

Hierzulande bekannt wurde Malouf mit seinem vorletzten Roman „Remembering Babylon“, auf deutsch unter dem Titel „Jenseits von Babylon“ im Carl Hanser Verlag erschienen. Für diesen Roman schuf er die Figur des Gemmy. Gemmy ist ein Schwarz-Weißer, er überlebt als Kind einen Schiffbruch und wird von den einheimischen Aborigines aufge-nommen wird. Gemmy erlernt ihre Sprache, doch dringt aus ihm, als er durch Zufall in eine weiße Siedlung gerät, die Ursprache seiner Kindheit in ungeformten Brocken heraus. Gemmy ist den Weißen schwarz, den Schwarzen weiß, ein Wanderer zwischen den Welten und als solcher todgeweiht. Die großen epischen Stoffe Australiens kulminieren in seiner Figur, das Land und seine Unbehaustheit, die nationale und die persönliche Identität seiner Bewohner, sogar das Schiff, mit dem man sich zwei Jahrhunderte lang nach Australien begab.

Malouf ist ein Schriftsteller, der die Innenansicht seines Landes mit der Außenperspektive verbindet. Er ist selbst Australier der zweiten Generation, Maloufs Vater war Libanese, seine Mutter stammte aus einer sephardisch-jüdischen Londo-ner Familie. Als junger Mann, nach seinem Studium der Literatur in Queensland, hat Malouf in Europa, in Deutschland, Italien und England gelebt und gearbeitet. Zehn weitere Jahre lang, zwischen 1977 und 1987, wechselte er zwischen Sydney und der Toskana hin und her. Das Spiel zwischen Alter und Neuer Welt und, in seiner entblößten Form, das Wesen des Exils, bilden den Stoff, aus dem seine Romane sind.

Sein jüngstes Buch heißt „Nachtwache am Curlow Creek“, (Carl Hanser Verlag). Seine Handlung spielt zwischen Irland und Australien im Jahre 1827. Michael Adair und Daniel Carney sind Iren, Polizeioffizier der erste, Verbrecher der zweite. Sie verbringen eine gemeinsame Nacht in einer Hütte im australischen Busch. Am nächsten Morgen soll Carney, der einen Mord begangen hat und aus einer Kolonie mit Strafgefangenen geflüchtet ist, unter Adairs Aufsicht gehängt werden. Keine Zeit ist so lang wie die des Wartens; ihr Leben entfaltet sich im Gespräch. Malouf beschreibt, der Unterschiede zwischen Rang und Herkunft seiner Protagonisten eingedenk, das alte Thema der Wesensgleichheit zwischen Täter und Opfer. Auch Adair ist in gewisser Weise auf der Flucht, wegen der unglücklichen Liebe zu seiner Jugendfreundin Virgilia ist er nach New South Wales aufgebrochen. Adair hat versprochen Fergus zu finden, seinen Ziehbruder, den wiederum Virgilia liebt. Malouf läßt durchblicken daß Fergus tot ist, und daß er identisch ist mit dem Führer der Bande, der sich Carney angeschlossen hatte.

„Nachtwache am Curlow Creek“ ist wohl der europäischste von Maloufs Romanen: Mit der klassischen Dreiecksgeschichte zwischen Fergus, Virgilia und Adair spielt er auf der Klaviatur der europäischen Romantik. Und wenn er uns den exzentrischen Haushalt beschreibt, in dem Fergus und Adair aufwuchsen, dann schimmert dahinter das Gewebe des irischen „Big House“ Romanes.

Ganz gleich, ob Malouf von Europa aus nach Australien aufbricht, oder ob er von Australien aus nach Europa blickt, er bleibt der Conditio Humana auf der Spur. „Wenn ich Gott wäre'“, sagt sein Adair, „würde ich es vorziehen zu vergeben, weil ich es nicht über mich bringen würde, anders zu handeln.“ Weiter heißt es bei Malouf: „Carney schaute zu ihm auf. Auf seinen Zügen malte sich rührende Dankbarkeit. ‚Danke, Sir.‘ „

 

Die Welt, 1997