Márai, Sándor

Márai, Sándor | Das Vermächtnis der Eszter

Der Mann ist ein Habenichts und Blender, er betört die Familie von Eszter und Vilma, er stiehlt das Tafelsilber und bricht ein Herz. Eszter hat er die Ehe versprochen, geheiratet hat er Vilma. 20 Jahre und mehr ist das her, Vilma ist längst tot und der Mann, Lajos, ist zu der Mittvierzigerin Eszter zurückgekehrt. Um für Klarheit zu sorgen, denkt man, tatsächlich aber, um Eszter zur Aufgabe des Letzten zu bewegen, was sie noch hat: Noch am selben Tag überschreibt Eszter Lajos ihr Elternhaus.

In vieler Hinsicht liest sich „Das Vermächtnis der Eszter“ (1939) wie eine Studie zu Sándor Márais posthumen Bestseller „Die Glut“ (1942). Mit diesem Titel durfte man den lange vergessenen Autor im letzten Bücherherbst wiederentdecken. Márai wurde 1900 im ungarischen Kaschau geboren, er starb 1989 in San Diego, Kalifornien; dazwischen lagen Aufenthalte in Deutschland, Frankreich, Italien. Trotz seiner Wanderschaft ist Márai der Chronist der versinkenden habsburgischen Welt geblieben, sein literarisches Umfeld bestellen Autoren wie Arthur Schnitzler, Joseph Roth und Franz Werfel. Sowohl „Das Vermächtnis der Eszter“ als auch „Die Glut“ sind Untergangsszenarien im Pocketformat. Mit der enttäuschten Liebe (Eszter), dem Freund, der den Freund betrügt (Die Glut), zerfällt auch immer eine Standes- und Werteordnung. Man darf annehmen, dass Eszter für den Wertkonservativen Márai spricht, wenn sie sagt: „Ich merke, (…), dass es auf der Welt eine Art Menschen gibt, zu denen mir der Weg versperrt ist: motorisierte, Tanzbeine schwingende Gestalten, die in Filmen auftreten und sich ein bißchen jenseits der Vereinbarung befinden, die meine Eltern und ich mit der Gesellschaft getroffen hatten.“

Man kann den Satz mühelos umkehren um die Stelle zu beschreiben, von der aus wir heute Sándor Márai betrachten: Dessen Werte, Ehre, Treue, Gehorsam gehören für viele der motorisierten Gegenwartsleser zu den Fossilen des letzten Jahrhunderts. Trotzdem bewegt sich Márai seit Monaten im oberen Drittel der Bestsellerlisten. Hat man einen seiner Romane aufgeschlagen, legt man ihn nicht so schnell wieder aus der Hand. Márai schreibt so, wie wir es vom literarischen Nachwuchs erwarten, mit Tempo, Spannung und einem rissfesten Handlungskern; zugleich bietet er die stilistische Eleganz und den sprachlichen Schliff der alten Garde.

Sowohl „Das Vermächtnis der Eszter“ als auch „Die Glut“ sind konstruiert wie kleine Kammerspiele. Ein Vertrauensbruch, der aus dem Dreiecksverhältnis resultierte, liegt lange zurück, er hat die Hauptfigur bis an die Grenzen der Existenz gebracht. Einer der drei Protagonisten ist verstorben, die beiden übrigen treffen sich, um Jahrzehnte gealtert, zu einer Aussprache, einem Duell der Worte. Alles läuft auf eine Enthüllung des Tatmotivs hin. Doch dann, auf den letzten Seiten vollzieht sich etwas, was sich mit jener Verstörung gleichsetzen lässt, die die literarische Wende zur Moderne markiert: Die Wahrheit weigert sich, ans Licht zu treten; sie schweigt oder präsentiert sich in der Mehrzahl. Ereignissen, die bislang als unbestreitbar galten, wird der Boden entzogen. Hat Lajos Eszter wirklich betrogen oder war Eszter zu feige, ihre Liebe zu verwirklichen? Wollte der Freund Konrad den Freund Henrik wirklich erschießen und wenn ja, handelte er aus freien Stücken? Antworten werden nicht gegeben, in dem späteren Roman „Die Glut“ noch weniger als in „Das Vermächtnis der Eszter“. Deshalb, und weil er mit mehreren Erzählperspektiven arbeitet, ist „Die Glut“ der raffiniertere Roman, der als erstes übersetzt werden musste. Übrigens vergisst man bei beiden Romanen, dass man eine Übertragung aus dem Ungarischen vor sich hat. Die Übersetzerin Christina Viragh hat so schöne Worte wie „Gabelfrühstück“ und „Automobil“ gefunden.

 

Die Zeit ,1997